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Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Medien

Naturgesetze, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Weisheiten

Aber das ist doch Ihr Gehirn! Wer bestimmt denn hier, was dort verarbeitet wird und dort bleibt? Und darf man dann nicht wenigstens erwarten, dass man vollständig und richtig manipuliert wird?

VONEkrem Şenol

DATUM25. Januar 2010

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Es war der 23. Dezember 2009 – ein Tag vor Heiligabend. Ein vermeintlicher Aufruf des islamischen Gelehrten al-Qaradawi machte die Runde in der Medienlandschaft. Er wolle Christen das Weihnachten verbieten. Haben Sie eines dieser Artikel gelesen? Sicherlich. Und kurz nach Neujahr sorgte die Meldung über den Angriff auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard für Schlagzeilen. Auch davon haben Sie sicherlich erfahren.

Wieso ich mir so sicher bin? Ich vertraue dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Je verbreiteter eine Nachricht ist, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch von Ihnen gelesen wurde. Schließlich basiert die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf die zahlenmäßige Erfassung der Welt, hier Zeitungsartikel, Radio- und TV-Beiträge.

Und können Sie sich noch an Einzelheiten erinnern? Etwa dass al-Qaradawi das Verkaufen und Ausstellen von Weihnachtsbäumen verbieten wollte? Oder dass der dänische Karikaturist mit Axt und Messer angegriffen wurde? Mit großer Wahrscheinlichkeit. An dieser Wahrscheinlichkeit ist aber ein anderes Gesetz beteiligt. Es sind die Naturgesetze. Die Gehirnforschung bestätigt es: je häufiger der Mensch etwas hört, sieht oder liest, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Information ins Langzeitgedächtnis gelangt. So funktioniert das menschliche Gehirn.

Sie wollen den Beweis? Kein Problem. Haben Sie die Erklärung von 57 muslimischen Ländern (OIC) gelesen, nur ein Tag nach dem Anschlag auf Westergaard? Die OIC hatte den Anschlag verurteilt und das gleiche von allen Muslimen gefordert, weil es den Werten und der Lehre des Islams „vollständig“ widerspreche. Nicht? Vielleicht haben Sie aber die Richtigstellung zu al-Qaradawi gelesen, der weder Weihnachten noch Weihnachtsbäume verbieten wollte. Es handelte sich um eine offensichtlich vorsätzliche Falschübersetzung samt Hinzudichtungen. Auch nicht? Keine Sorge. Sie können nichts dafür. Schuld ist hier ebenfalls das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Und was man nicht weiss, kann auch nicht ins Langzeitgedächtnis. Logisch. Sie können nichts dafür.

Das wäre aber zu einfach. Schließlich haben Menschen diese Nachrichten verbreitet bzw. nicht verbreitet. Medienmacher waren es, die den Weg über Ihre Sinnesorgane in Ihr Gehirn gefunden haben. Deren Informationen wurden dort verarbeitet, mit anderen Informationen vernetzt und Gefühle hervorgerufen, aus der Sie ihre ganz persönliche Schlussfolgerung gezogen haben. Und durch die ständige Wiederholung haben sich diese Informationen in Ihr Langzeitgedächtnis eingenistet.

Mal ganz ehrlich: Was haben Sie denn so gedacht, als Sie über das Weihnachtsverbot und den Anschlag gelesen haben? Welche Bilder entstanden in Ihrem Kopf? Kopftuch? Moschee? Ihr muslimischer Nachbar um die Ecke? Aber das ist doch Ihr Gehirn! Wer bestimmt denn hier, was dort verarbeitet wird und dort bleibt? Und darf man dann nicht wenigstens erwarten, dass man vollständig und richtig manipuliert wird?

Möglicherweise helfen uns – wenn selbst Naturgesetze kapitulieren – von Menschen geschaffene Gesetze aus der Patsche. Aber Menschen irren sich. So auch Murphy. Übertragen auf die Medien und unsere beiden Beispiele ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt, proportional zu seiner Erwünschtheit und nicht umgekehrt. Traurig aber wahr.

Gesetze helfen nicht, Menschen irren sich, kommen wir zu den Weisheiten. Eines der bekanntesten besagt: „Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiß“. Stimmt! Oder haben Sie die Erklärung der OIC oder die Richtigstellung zu al-Quaradawi je vermisst? Natürlich nicht. An dieser Stelle vielleicht mal eine Überlegung wert, darüber nachzudenken, was uns alles heiß machen würde, wenn wir es nur wüssten. Wäre ich ein Sprecher der OIC, wüsste ich jedenfalls, was mich in Zukunft kalt lassen würde: Distanzierungsforderungen.

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13 Kommentare
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  1. […] MiGAZIN – Naturgesetze, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Weisheiten […]

  2. bogo70 sagt:

    Wer’s glaubt ist selbst schuld, würde ich jetzt gern sagen.
    Das wäre aber zu einfach hinsichtlich der Repressalien gegen Muslime wegen solcher Falschmeldungen oder auch Unterschlagung von Fakten. Schade, dass nicht mehr Menschen so flink sind und die Taktik einiger Presseorgane durchschauen. Es ist fast schon lächerlich und doch beängstigend, wenn ich die Zeitung lese und ein Bericht wie der Flugzeugabsturz in Beirut, mich sofort auf den Gedanken bringt: „Hoffentlich war es kein Terroranschlag.“

    Ein unbezahlter Fulltime Job ist es, wenn man die Unwahrheiten und Unterschlagungen von wichtigen Nachrichten aufdecken will. An dieser Stelle, meinen Dank an Hr. Senol und die vielen anderen, die sich täglich mühen den großen Agenturen, die damit auch noch Geld verdienen entgegen zu treten.

  3. bogo70 sagt:

    Zum Vergleich ein Bericht vom Politblogger zu solchen Praktiken.

    Bild jagt Moslems
    http://www3.politblogger.net/2010/01/24/bild-jagt-moslems/

  4. Minka sagt:

    Kann man „die Erklärung von 57 muslimischen Ländern (OIC)“ irgendwo im Netz lesen?

  5. Sanne sagt:

    Ja, auch ich habe diese Nachrichten gehört.
    Meine Gedanken dazu, dass irgendeiner von irgendwo Weihnachten verbieten will, waren das Aufpoppen eines Bildes des „Grinch“ in meinem Kopf. Tatsächlich hielt ich auch nichts davon, diese Nachricht zu verbreiten, da sie völlig sinnfrei und uninteressant ist, abgesehen vom Wahrheitsgehalt, den ich nicht beurteilen konnte.
    Die Nachricht von Westergaard hingegen fand ich schockierend. Ich musste an Theo van Goghs Schicksal denken, dem Westergaard zum Glück mit seiner Enkelin entkommen war. Noch bestürzender fand ich Reaktionen vieler deutscher Medien, die befanden, Westergaard sei selbst schuld an diesem Vorfall. Gerade Journalisten, die die Meinungs- und Kunstfreiheit berufsbedingt täglich in Anspruch nehmen, dreschen feige auf Menschen wie Westergaard ein, anstatt sich bedingungslos hinter ihn zu stellen.
    Wie arrogant und menschenverachtend diese Auffassung ist, wie sie gerade auch Moslems entwürdigt, indem sie Ihnen die Fähigkeit zur Vernunft von vorneherein abspricht – „es sind nur unzivilisierte Moslems, da muss man mit solch Barbarei eben rechnen, die können nichts dafür und schon gar nicht aus eigener Kraft etwas ändern“ – hat wohl niemand erkannt. Dieses „selbst schuld, wenn du solche Reaktionen provozierst“-Argument ist jedoch für einen Rechtsstaat desaströs.
    Genauso ist es mit bestimmten No-Go-Areas: „Wenn du nicht überfallen werden willst, dann geh da eben nicht hin!“, führt in der Konsequenz dazu, dass wir kein Strafrecht mehr benötigen, sondern eben in Zukunft selbst aufpassen sollen, wo wir unsere Füße hinsetzen, und wenn dann doch etwas passiert – Pech, selbst schuld. Hättest nicht so provokant dreinglotzen sollen.
    Ich stimme zu, dass Medien oft über Dinge berichten, die nicht sein müssten. Aber nicht alles ist unwahr und ungerecht. Man muss entscheiden, was relevant und was glaubwürdig ist. Ich z. B. halte den menschenverursachten Klimawandel für unglaubwürdig. Obwohl er mir immer wieder meist vom GEZ-befütterten ZDF vorgekaut wird, halte ich ihn für eine bewundernswert dreiste Lüge, die Grundlage eines riesigen Marketing-Gebildes. In diesem Fall nutzt es den Medien nichts, die gleichen Aussagen zu wiederholen, sie werden für mich nicht glaubhafter.
    Ich finde daher den obigen Artikel nicht zutreffend. Natürlich wollen Zeitungen ihre Auflagen verkaufen und das Fernsehen möchte eine hohe Quote haben, also berichten sie über Dinge, denen sie eine umsatzfördernde Wirkung zuschreiben. Im Endeffekt hat aber eben doch jeder Mensch ein Gehirn und (hoffentlich) einen gewissen Bildungsstand und ist nicht Opfer von Gedankenmanipulation, nur weil er ein und dieselbe Nachricht immer wieder zu Ohren bekommt.
    Wenn hier nun die negativ-Berichterstattung der Medien hinsichtlich des Islam kritisiert wird, was in manchen Fällen zutreffen mag, muss aber auch gesagt werden, dass Moslems nicht allein den Medien die Schuld an dem schlechten Ruf des Islam in die Schuhe schieben können. Wenn es eins in Deutschland zur genüge gibt, dann pädagogisch erhobene (linke) Zeigefinger, die uns arrogant über die Harmlosigkeit und Vorzüge des Islam belehren, uns vorwerfen, wir seien „islamophob“, rassistisch, uns deshalb bei Berichten über Kriminalität die Herkunft des Täters verschweigen.
    Zum anderen kommt der Stoff für die Berichterstattung eben immer wieder aus den Reihen der Moslems.
    Ohne Terroranschlag keine Berichterstattung darüber!
    Wie war das, 99% aller Terroranschläge werden von Moslems verübt? Eine beschämende Quote, würde ich sagen.

    Da muss ich mich auch noch an den Vorkommentator Bogo70 wenden:
    „…wenn ich die Zeitung lese und ein Bericht wie der Flugzeugabsturz in Beirut, mich sofort auf den Gedanken bringt: “Hoffentlich war es kein Terroranschlag.”

    Wo soll ich anfangen?
    1. Ich denke, kein normaler Mensch, ob Moslem oder nicht, wünscht sich einen Terroranschlag herbei. Ich habe in Zukunft vor, in den Urlaub zu fliegen, gerne auch in die USA, allein deshalb möchte ich keinen Flugzeug-Terror haben, sondern Sicherheit.

    2. Sollten islamische Terroranschläge nun besser (ganz volkspädagogisch für deutsche Blödnazis) von den Medien verheimlicht werden, um nicht den Ruf des Islam zu schädigen, kein Material für Zorn zu liefern? Wer trägt die Verantwortung für seinen Ruf denn in erster Linie? Nicht die Moslems selbst? Müssen wir das bisschen Terror eben aushalten, Hauptsache kein Moslem ist beleidigt?

    3. Was ist schlimmer, was macht Sie denn betroffener: ein Terroranschlag im Flugzeug mit vielen unschuldigen Toten und Verletzten oder die Vorstellung, Medien könnten sich negativ über den Islam äußern? Sollten Sie sich für letzteres entscheiden, und das suggeriert mir Ihr Beitrag, halte ich das für menschenverachtend, eine Verdrehung der Täter-Opfer-Position.

    Dass Fakten immer politisierbar sind, damit muss man sich abfinden. Auch das Migazin ist ein Medium, das in eine gewisse Richtung tendiert und so versucht, eine Wirkung beim Leser zu erzielen. Man könnte also im Umkehrschluss dem Migazin vorwerfen, es verharmlose und beschönige die Gefahren des Islam und die Schäden, die er anrichtet. Das Migazin tut also genau das, was es anderen Medien vorwirft: es bearbeitet Fakten redaktionell und selektiert Beiträge. Aber das ist eben die Freiheit, die wir alle haben in diesem schönen Land.

  6. bogo70 sagt:

    @sanne
    Ich komme aus einem Land (Serbien) das Moslems massakriert hat, mit Hilfe des Westens und ich bin nicht Moslem. Islamistische Terrorschläge wünsche ich mir auch nicht herbei, noch weniger aber wünsche ich mir den westlichen Überlegenheitsterror herbei, den es ihnen nicht im Traum einfallen würde so zu bezeichnen.
    Evtl. weil sie den Ruf des aufgeklärten Westens nicht geschädigt sehen wollen?
    Was schlimmer ist? Ein Terroranschlag im Flugzeug mit vielen unschuldigen Toten und Verletzten oder die Vorstellung, dass westliche Bomben in den letzten 10 Jahren für Millionen von unschuldigen Opfern unter Moslems gesorgt haben?
    Ihre Frage sollten sie sich selbst noch einmal beantworten! Denn warum sollte es in einem islamischen Kopf anders zugehen als in ihrem, ach so gerechten Weltbild?

    Verdrehung der Täter Opfer Position?
    Meinen sie, wenn der Westen nur dorthin schaut, wo er strategische Ziele verfolgt?
    Bevor ich mich um Kopf und Kragen und das schreibe, was sie ganz sicher nicht lesen wollen. Fakten sind nicht immer politisierbar, sie werden je nach Interesse der Mehrheitsbevölkerung aus oder eingeblendet und wer die Mehrheitsbevölkerung stellt, dürfte in Deutschland geklärt sein. Was sie als Fakten bezeichnen hat nicht den einfachen Hintergrund, dass dem jeminitischen Ali aus dem Grund etwas gegen den Strich geht, weil man ihn in den Allerwertesten gekniffen hat. Es dürfte eher so sein, dass eine Bombe oder eine als Hilfs oder Demokratisierungsaktion getarnte Kriegsmaschinerie ihm Bruder, Schwester, Mutter, Vater, Frau oder Kinder genommen hat. Wenn diese Fakten dann endlich auf den Tisch kommen, im Beispiel Kundus nach 8 Jahren Krieg und nur unter Druck, weil Fakten endlich mal nicht mehr zu verheimlichen waren, da wollen sie tatsächlich behaupten das Fakten die Medienwelt regieren? Wenn sie unter Einbeziehung der Weltpolitik diskutieren wollen, dann sollten sie ihren Horizont doch etwas weiter erweitern, als bis zu ihrem nächsten Urlaubsort und im übrigen, wieviel Terror haben sie durch Muslime in Deutschland erlebt, dass es sie so sicher macht, nur auf diese Weise über Muslime und ihre Beweggründe diskutieren zu können?

  7. Boli sagt:

    Also wirklich überzeugend ist die Behauptung das dieser Prediger falsch übersetzt wurde nicht. Denn er nimmt das Wort Christmas auch ohne Übersetzung in den Mund und seine Rede schwillt entsprechend zornig immer wieder an. Beim Minarettverbot kann ich das noch verstehen. Aber wieso hat er überhaupt über „Christmas“ gesprochen wenn er NICHTS verbieten wollte?? War das alles bloß ein Missverständnis und er hat die Christen zur Geburt Jesu beglückwünscht und Ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest gewünscht?? Aufklärung wäre hier absolut von Nöten und vor allem Beweise das die in den Medien verbreitete „Falschübersetzung“ auch wirklich falsch ist. Ich warte.

  8. Selçuk sagt:

    Ein guter Beitrag zum Thema „Medien und Islam“: http://www.youtube.com/watch?v=yLw2hS82y7w

  9. Boli sagt:

    @Selcuk

    Naja, hier geht es um allgemeine Darstellungen in den Medien. Das bezieht sich nicht auf den Prediger und hilft hier nicht zur Aufklärung.

    @bogo70
    Ob das wahr ist was bei Politblogger veröffentlicht wurde ist fraglich


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