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Migration und Integration in Deutschland

Warum werden sie hineingelassen? Um die Bürger des Staates von harter und unangenehmer Arbeit zu befreien?

Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit, 2006

Doppelpass

Sich in die Lage der Betroffenen hineinversetzen

Auf dem Neujahrsempfang des CDU-Wirtschaftsrates in Hamburg am 17. Januar 2010 sprach sich der Erste Bürgermeister der Hansestadt, Ole von Beust, in einer Grundsatzrede für die doppelte Staatsbürgerschaft für Türken aus. „Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute“.

Bisher bezogen führende Christdemokraten meist klar Position gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte zur Situation in Deutschland geborener Türken jüngst in der ZEIT: „Die müssen sich entscheiden. Das haben wir vor einigen Jahren so geregelt und müssen es jetzt auch durchhalten“. Maria Böhmer (CDU), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, fordert diese jungen Leute auf: „Sagt Ja zu Deutschland!“ und meint damit, sie sollen die türkische Staatsbürgerschaft zugunsten der deutschen aufgeben.

Im Unterschied zu seinen Parteifreunden forderte nun Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust die doppelte Staatsbürgerschaft als einen wichtigen Beitrag zur Integration. So berichtet heute das Hamburger Abendblatt. Von Beust denkt vor allem an die Menschen, die in Deutschland geboren wurden, deren Familien aber aus der Türkei stammen. Bis spätestens zum Alter von 23 Jahren müssen die jungen Menschen wählen, ob sie den deutschen oder den türkischen Pass haben wollen. „Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust“, sagte von Beust. „Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute“, ergänzte er.

Tatsächlich entscheiden sich mittlerweile immer mehr Jugendliche für die türkische Staatsbürgerschaft. Mit einem zweiten deutschen Pass, so von Beust, falle die Integration leichter.

Bis vor einigen Jahren gehörte es zu den konservativen Grundüberzeugungen, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist. „Jedes Jahr kamen Zehntausende zu uns, aber wir haben zu lange wie eine Monstranz den Satz hochgehalten, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist“, kritisierte nun von Beust. In den USA und in Großbritannien sind Einwanderung und doppelte Staatsbürgerschaft selbstverständlich anerkannte Tatsachen. Zwar sei die Tradition hierzulande eine andere, „aber uns fällt kein Zacken aus der Krone, wenn wir das ändern“.

Ob von Beust, der einer schwarz-grünen Landesregierung vorsteht, mit diesen Sätzen ein Umdenken in der Union einleiten kann, bleibt nur zu hoffen. Nach wie vor tut die CDU/CSU sich schwer mit Korrekturen in der Integrationspolitik, auch wenn sich bereits einiges geändert hat, seit den Tagen als Roland Koch (CDU) noch Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft sammelte. In jedem Falle bleibt anzuerkennen, dass von Beust sich in die Lage der Betroffenen hineinversetzt und der Diskussion so Impulse verleiht.

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8 Kommentare
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  1. […] doppelte Staatsbürgerschaft findet großen Raum in den Europaausgaben türkischer Tageszeitungen (wir berichteten). Die SABAH zitiert von Beust in der Schlagzeile mit „Wir sollten Jugendliche nicht zwingen“; […]

  2. Non-EU-Alien sagt:

    Sehr begrüßenswert. Ich befürchte allerdings, dass der gute Herr von Seiten der CDU wieder „zur Ordnung“ gerufen werden wird…

  3. Semih Saran sagt:

    Es hat auch in der CDU immer mutige Politiker gegeben, wie zum Beispiel Heiner Geißler, die eine andere Meinung vertreten haben als die Mehrheit ihrer Parteikollegen. Ole von Beust ist auch ein solcher Politiker. Ich jedenfalls finde es schön, dass die Idee der doppelten Staatsbürgerschaft nicht nur von den Grünen, der SPD und der Linken unterstützt wird…

  4. delice sagt:

    Seit geraumer Zeit habe ich festgestellt, dass es einen im Grunde neutralen Text man im Internet liest, der sich etwa um Integration, Islam oder die doppelte Staatsangehörigkeit handelt. Das ist im Spiegel-Online so oder auch bei der Jungen Freiheit oder sonst wo, wobei der Spiegel durch seine Autoren Mohr, Henryk M. Broders & Co. Eher noch zu den Anstiftern gehören.

    Siehe hierzu auch den Beitrag im Spiegel, wie auch die ganz und gar freimütigen Kommentare im dazugehörigen Forum:
    Debatte über Islamophobie
    Peinlicher Aufklärungsunterricht
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,672117,00.html

    wegen dem Beitrag in der SZ und der FAZ am Sonntag

    Unsere Hassprediger
    http://www.sueddeutsche.de/politik/846/500117/text/

    Hetzer mit Parallelen
    http://www.sueddeutsche.de/politik/837/499119/text/

    Und aktuell über das obige Thema der doppelten Staatsangehörigkeit in der Jungen Freiheit.

    CDU-Politiker kritisieren Staatsangehörigkeitsrecht
    http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display.154+M52a48c1962e.0.html

    Man fragt sich natürlich unweigerlich ist das nun eine neu Taktik bestimmter Interessen, damit Volkes Stimme sich richtig auskotzen kann?! Denn, wenn man sich die Kommentare der emsigen Leser sich dann anliest erinnert man sich wahrlich an frühere Zeiten. Zeiten, die man meinte überwunden zu haben! Mit der Angst kriegt man es schon! Man stellt sich unweigerlich dann die Frage geht das so genannte „Dritte Reich“ jetzt übergangslos weiter? Denn im Wortgebrauch und Intention ist es nahezu das Gleiche, was man aus dieser Zeit und davor auch kennt!

  5. Loewe sagt:

    Was ist jetzt wahrscheinlicher: dass man die kontraproduktive Optionsregelung fallen lässt – oder dass man sie beibehält?
    Ich tippe auf letzteres: die Anti-Ausländer-Stimmung, die Anti-Islam-Stimmung fordert ihren Tribut von der CDU/CSU/FDP. Die werden sich nicht trauen, das zu tun, was Ole von Beust und alle diejenigen fordern, die wissen, dass es zur Integration keine Alternative gibt.
    Es ist fatal: Eine Mehrheit der Bundesbürger ist gegen die Integration. Wissen diese Leute, was die Konsequenz ihrer Anti-Integrationshaltung sein wird?

  6. Johanna sagt:

    „Es ist fatal: Eine Mehrheit der Bundesbürger ist gegen die Integration. Wissen diese Leute, was die Konsequenz ihrer Anti-Integrationshaltung sein wird?“

    Wenn jemand gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ist, ist er gleichzeitig „gegen die Integration“?

    Also, diese Logik muss mir mal jemand erklären.

  7. Arab3:16 sagt:

    Dersellbe Von Beust, der 3 Jahre lang mit der ausländerfeindlichen Schill-Partei regiert hat, fordert jetzt auf einmal einen Doppelpass!!!! Interessant. Na wo war er denn eigentlich als sein Kumpel Koch die Unterschriftenaktion durchgeführt hat????

  8. Hans Werth sagt:

    @ delice (22.01.2010 00:01h)

    Die vom 22.01.2010 dem nachfolgenden Satz vorausgehende Zusammenstellung von Presseartikeln ist nicht nur Beweiskette immanenter Missverständnisse, sondern kann vor allem die nachfolgende Frage nicht mit einem Jota aufrichtigen Diskurses indizieren.

    „Man stellt sich unweigerlich dann die Frage geht das so genannte „Dritte Reich“ jetzt übergangslos weiter?“

    Wer so argumentiert, setzt sich in das Boot jener defätistischen Stimmen, zu denen er Gegnerschaft vorgibt. Das ist schädlicher Fatalismus, der neue Ressentiments zu erzeugen geeignet ist.

    Wir leben in einer europaweit gesicherten Barriere gegen jedweden „Dritte Reich“-Ansatz, was im Übrigen „übergangslos“ vor 65 Jahren ein für alle Mal beendet wurde. Das mörderische Regime in seiner verheerenden Tragik ist vorbei !
    Nirgendwo in Europa gibt es auch nur ein Nano „Drittes Reich“, wenngleich viele ablehnenswerte Strömungen durch den Kontinent flimmern. Darüber hinaus bewährt sich die EU als sicheres Bollwerk dagegen.
    Selbst wer nur ungenügend sich zur Reflektion befähigt weiß, sollte historische Dimensionen nicht dadurch verharmlosen, dass er dumme Redensarten und fremdenfeindliche Einstellungen mit jenem staatsorganisierten menschenvernichtenden Unrecht gleichsetzt.
    Wer gegen extreme Auffassungen und Einstellungen angehen will, ist nur dann glaubwürdig, wenn er selbst absolute innere Distanz zu extremen Ansätzen jeder Art verkörpert.



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