Medienanalyse

Die Leere nach dem Mord

Am 11. November 2009 veruteilte das Landgericht Dresden den Deutschrussen Alex Wiens für den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini zu einer lebenslangen Haftstrafe. In ihrem Urteilsspruch betonte Richterin Birgit Wienand, daß Wiens nicht aus diffusem Rassismus gehandelt hat, sondern aus blankem Haß auf Muslime.

Woher aber hatte der Mörder diesen Haß? Das Dresdner Landgericht ist bedauerlicherweise dieser Frage nicht nachgegangen. Und auch die deutschen Medien interessierten sich wenig dafür. Dabei wäre die Explosion von Muslimfeindschaft, die am 1. Juni 2009 zum Tod Frau El-Sherbinis führte und fast auch ihren Mann das Leben gekostet hätte, ein sehr triftiger Grund gewesen, über eine Ideologie zu reden, die sich wie eine Epidemie in Deutschland verbreitet hat. Spätestens jetzt wäre es an der Zeit gewesen, beispielsweise die Hetz-Website „Politically Incorrect“ gesellschaftlich zu ächten, die täglich ca. 50.000 Besucher mit rassistischen und muslimfeindlichen „News“ bedient. Spätestens jetzt hätte die Rede davon sein müssen, daß jeder zweite Deutsche negativ gegen Muslime und alle, die er für Muslime hält, eingestellt ist. Spätestens jetzt wäre eine kritische Debatte über Autoren wie Henryk M. Broder, Necla Kelek, Udo Ulfkotte, Ralph Giordano oder Hans-Peter Raddatz angezeigt gewesen; Autoren, die mit ihren Brachialattacken gegen Muslime und „Gutmenschen“ erheblich dazu beigetragen haben, den als „Islamkritik“ getarnten Rassismus salonfähig zu machen. Und spätestens jetzt hätten die Medien darüber nachdenken müssen, wieviel sie selbst dazu beigetragen haben, daß einer wie Alex Wiens sich einbildet, Muslime hätten „kein Recht, in Deutschland zu leben“.

Nichts davon ist geschehen. Statt dessen wetteiferten die Berichterstatter darin, den Mörder Marwa El-Sherbinis als Einzeltäter und jämmerlichen Paranoiker darzustellen. Exemplarisch Sabine Rückert, von der „Zeit“ als Korrespondentin zum Prozeß in Dresden entsandt: Es gebe, schrieb sie, „was die Entstehung der Tat betrifft, keine Lehre zu ziehen aus dieser Tragödie. Was bleibt, ist eine sinnlose Leere“. Das geschmacklose Wortspiel mit „Lehre“ und „Leere“ entspricht der Gedankenlosigkeit, in der Rückert feststellt, es sei „einsamer Haß“ gewesen, der Wiens getrieben habe. Aber Wiens ist mit seinem Haß nicht allein, sondern in fürchterlich großer Gesellschaft. Kurz nach dem Volksentscheid der Schweizer gegen den Bau von Minaretten etwa bekannten in einer repräsentativen Umfrage des „Spiegel“ 44 Prozent der Deutschen, sie seien gleichfalls gegen die Errichtung von Minaretten. Und der momentan prominenteste Islamfeind Deutschlands, Thilo Sarrazin, der unermüdlich gegen „unproduktive“ Muslime und „Kopftuchmädchen“ eifert, sitzt unbehelligt im Vorstand der Deutschen Bundesbank – dabei bedürfte es nur eines Wortes von Kanzlerin Merkel, ihn in die Gosse zu setzen, für die er so gern predigt.

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Doch Frau Merkel ist, was die nötigen Worte zur Muslimfeindschaft unter ihren Bürgern betrifft, generell zurückhaltend, wo nicht gar gleichgültig. Elf Tage vergingen, bevor sie sich dazu durchrang, dem ägyptischen Präsidenten Mubarak offiziell ihr Beileid für den Mord an einer Ägypterin auf dem Boden eines deutschen Gerichts auszudrücken. Mittlerweile hatten die militanten Fanatiker der Muslimbruderschaft und der iranische Präsident Ahmanideschad den Mord in Dresden und die skandalöse Ignoranz der deutschen Regierung für ihre Propaganda instrumentalisiert. Dies wiederum erschien vielen deutschen Redaktionen interessanter als der Mordfall selbst. Der war Anfang Juni 2009 – trotz seiner Grausamkeit und trotz des symbolträchtigen Tatorts – außer von der Lokalpresse von kaum einer deutschen Zeitung oder Nachrichtensendung besonders beachtet worden. Rassismus, egal in welcher Form, ist ein Thema, das in Deutschland nicht gern besprochen wird. In seiner neuesten Variante, dem Muslimhaß, wird er erst recht klein geredet: Auch das ist eine der Lehren aus dem Mord an Marwa El-Sherbini, die Journalisten wie Sabine Rückert nicht wahrhaben wollen.

Am Prozeß gegen den Mörder Alex Wiens interessierten viele Berichterstatter vor allem die massiven Sicherheitsvorkehrungen der Dresdner Polizei: Sogar Scharfschützen waren auf dem Dach des Gerichtsgebäudes postiert. Daß deren Gewehre nicht auf Leute wie Wiens, sondern auf Muslime gerichtet waren – der Dresdner Polizeichef begründete die Maßnahmen mit dem Gefasel eines obskuren Internet-Islamisten -, war ein weiterer Beleg für die Angst und den Abscheu vor dem Islam, der sich in Deutschland breitgemacht hat. Doch so gut wie kein deutscher Reporter hat diesen Beleg registriert. Nachdem weder Terroristen noch gewalttätige Demonstranten sich vor dem Landgericht hatten blicken lassen, zogen die Kamerateams – vermutlich enttäuscht – wieder ab. Die hysterischen Maßnahmen der Dresdner Polizei schienen den Reportern kaum einen kritischen Kommentar wert.

Feindbild Moslem

Seit dem 11. September 2001 wirkt der Islam so gruselig wie noch nie und mit ihm jeder, der an ihn glaubt: Moslems stehen unter dem Generalverdacht, verkappte Terroristen zu sein, todessüchtig und mordlüstern. Trotz einer wachsenden Verbreitung antimoslemischer Ressentiments gibt es bislang keinen profunden Beitrag dazu. Zwar wurden der Islamismus in Deutschland, Integrationswillen und -perspektiven der moslemischen Deutschen oft beschrieben. Die rassistische Hetze unter dem Deckmantel des Antiislamismus blieb jedoch bislang unbeachtet. Dieses Buch liefert Fakten über den Islamismus, die Lage der Moslems in Deutschland, über die Wortführer, Anhänger und die realpolitischen Folgen des Antiislamismus. All denen, die besorgt diese Entwicklung beobachten und die sich vom Hinweis auf Al-Qaida nicht mundtot machen lassen wollen, bietet »Feindbild Moslem« Argumente und Hintergründe. Das Buch „Feindbild Islam“ gibt es bei Amazon.

Statt dessen bemühten sich zahlreiche Journalisten, die Existenz einer „Islamophobie“ in Deutschland zu bestreiten. Dabei wetteiferten Autoren der linken Presse – wie Alex Feuerherdt in „Jungle World“ – und Autoren rechter Publikationen – wie Michael Miersch in der „Welt“ – miteinander. Nicht zufällig sind diese beiden Journalisten auch für die „Achse des Guten“ tätig, ein Publizisten-Netzwerk, dessen prominentestes Mitglied der Muslimhasser Henryk M. Broder ist. In der Angst vor dem Islam und der ressentimentgeladenen Überzeugung, alle gläubigen Muslime seien verkappte Terroristen, überwinden viele Linke und Rechte ideologische Grenzen und reichen sich die Hände. So einig sind sie sich in ihrer Wut auf den Islam, daß sie gar nicht merken, wie grotesk es wirkt, wenn sie behaupten, die „Islamophobie“ in Deutschland gäbe es gar nicht. Dabei sind sie selbst doch die besten Beispiele dafür.

Kurz vor Ende des Prozesses gegen Alex Wiens lief für die Skrupellosen vom Boulevard längst wieder „business as usual“. Am 9. November 2009 titelte „Bild“: „Schöne Türkin vom Ehemann ermordet?“ Obwohl die Polizei zu den Motiven des mutmaßlichen Täters noch gar nichts sagen konnte, wußte „Bild“ bereits, was hier passiert war: „Schon wieder so ein verdammter ‚Ehrenmord‘!“ Der Tod Marwa El-Sherbinis hätte eine Gelegenheit sein können, ja, müssen, die muslim- und im weiteren Sinn migrantenfeindliche Ideologie hinter diesen Zeilen zu thematisieren. Daß dies so gut wie gar nicht passiert ist, sagt über die Popularität und Gefährlichkeit des antimuslimischen Ressentiments ebenso viel aus wie die Mordschlächterei von Alex Wiens. Er ist nicht allein. Er hat überall in Deutschland Gesinnungsgenossen, und sehr viele davon sitzen dort, wo Meinung gemacht wird. Das sollte die Lehre aus dem Mord an Marwa El-Sherbini sein. Aber – hier paßt das degoutante Wortspiel der „Zeit“-Reporterin Rückert -: In den Medien herrscht die Leere.