Prognose

Langfristig weniger Arbeitskräfte aus Osteuropa

Die neue Bevölkerungsvorausberechnung des Statistisches Bundesamtes offenbart, dass Arbeitskräfte knapper werden. Deutschland braucht Zuwanderer – aber die Bevölkerung schrumpft auch in Ländern, aus denen viele der Migranten bisher gekommen sind.

Die neue Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes offenbart, was ein Jahrzehnte andauerndes Geburtentief und fehlende Zuwanderung zukünftig für Deutschland bedeuten: Arbeitskräfte werden knapper. Und während die erwerbsfähigen Altersgruppen kleiner werden, gibt es immer mehr ältere Menschen. Die Gruppe derer, die 65 Jahre und älter sind, wird bis 2050 um über 37 Prozent wachsen. Die jüngere Bevölkerung dagegen, die eine Ausbildung noch vor sich hat, schrumpft: Bis 2050 werden rund 32 Prozent weniger unter 20-Jährige in Deutschland leben.

Auch die Gruppe der nach heutiger Vorstellung Erwerbsfähigen zwischen 20 und 64 Jahren wird sich bis dahin um 28 Prozent verkleinern. Was diese Entwicklung für den Arbeitsmarkt bedeutet, ist jetzt schon sichtbar: Nur ausländische Arbeitskräfte können den bereits existierenden Fachkräftemangel in Deutschland ausgleichen.

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Ein Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung ist nicht nur verbunden mit einem Arbeitskräftemangel, sondern auch mit einem Mangel an potenziellen Eltern, Steuerzahlern und mit der Gefährdung der sozialen Sicherungssysteme. Allerdings liegt bisher viel Arbeitskraft brach – etwa von Frauen, die gerne arbeiten wollen, aber wegen der mangelhaften Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu Hause bleiben. Das Ziel der Bundesregierung muss es sein, das Arbeitskräftepotenzial in der Bevölkerung voll auszuschöpfen. Dazu gehört es, Nichterwerbspersonen zu aktivieren und die Zuwanderung aus dem Ausland zu verstärken.

Ohne Nettozuwanderung schrumpft das Arbeitskräftepotenzial am stärksten
Abnahme der Anzahl erwerbsfähiger Personen zwischen 20 und 64 Jahren bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu 2008 nach verschiedenen Varianten des Statistischen Bundesamtes

Je nachdem, wie viele Kinder künftig geboren werden und wie viele Menschen zuwandern, sind verschiedene Szenarien zur Verfügbarkeit von Arbeitskräften denkbar: Wandern bis dahin unterm Strich keine Menschen ein, wird Deutschland bis zum Jahr 2050 am meisten Menschen zwischen 20 und 64 Jahren verlieren und hat dann rund 17,5 Millionen weniger Erwerbsfähige als noch 2008. Der Rückgang der Bevölkerung wäre unter diesen Szenarien am geringsten, wenn die Menschen sehr viel mehr Nachwuchs bekämen (2,1 Kinder je Frau) und zusätzlich jährlich 100.000 Menschen im Saldo zuwanderten (Datengrundlage: 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes).

In Deutschland leben 40,2 Millionen Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Hinzu kommen 3,1 Millionen Arbeitslose, die als Teil der Erwerbspersonen gelten, weil sie auf Arbeitssuche sind. Ein Drittel der Nichterwerbspersonen ist jünger als 20 Jahre und noch in einer Ausbildung. Die meisten (16 Millionen) sind 65 Jahre oder älter, also im Rentenalter. Doch jeder Vierte nicht Arbeitsfähige oder nicht Arbeitssuchende ist zwischen 20 und 64 Jahren. Auch hier finden sich die Nichterwerbspersonen vorrangig unter den Jüngeren und Älteren: Jeder Sechzehnte zwischen 20 und 29 Jahren und jeder Zehnte zwischen 55 und 64 Jahren stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, weil viele der Jüngeren ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben und viele der Älteren frühzeitig aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Um die Arbeitskraft dieser Personen besser zu nutzen, sollte zum einen Akademikern ein früherer Eintritt in den Arbeitsmarkt ermöglicht und zum anderen eine bessere Integration von und eine höhere Nachfrage nach älteren Arbeitskräften gefördert werden.

Eine weitere Möglichkeit, die Anzahl der Arbeitskräfte in Deutschland zu erhöhen, besteht darin, mehr Erwerbsfähige aus dem Ausland aufzunehmen. Allerdings ist offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären. Die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes spekulieren auf das Jahr 2014, von dem an für die 2007 beigetretenen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien die Freizügigkeit auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gilt. Die Zuwanderung aus diesen Ländern wäre ab diesem Zeitpunkt nicht mehr reglementiert und die Grenzen wären somit offen. Mehrere Hunderttausend sind bei der aktuellen Entwicklung aber nicht zu erwarten. Denn die auswanderungswilligen Rumänen und Bulgaren sind bereits in den vergangenen Jahren in Länder wie Großbritannien, Irland und Spanien gezogen, die ihren Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten frühzeitig geöffnet haben.

Und selbst wenn vom Jahr 2014 an mehr Menschen aus den beiden Staaten kommen sollten, werden nicht alle Zuwanderer in Deutschland bleiben. Dies zeigt die aktuelle Entwicklung: Im Jahr 2007 hatte Deutschland eine Nettozuwanderung von rund 19.000 Rumänen. Tatsächlich sind aber fast doppelt so viele eingewandert. Das bedeutet, dass fast 43.000 Rumänen in die Bundesrepublik gekommen sind, gleichzeitig aber 24.000 Rumänen ihr wieder den Rücken gekehrt haben. Die Abwanderung kann mehrere Gründe haben: Die rumänischen Staatsbürger arbeiten oft nur temporär als Saisonkräfte und kehren anschließend in ihre Heimat zurück. Oder sie sehen Deutschland nur als eine Zwischenstation auf dem Weg in ein anderes EU-Land. Somit trägt die kurzzeitige Anwesenheit nur bedingt zur Stabilität des Arbeitsmarktes bei.

In den Annahmen über die Zuwanderung wird zudem nicht berücksichtigt, dass auch in den potenziellen Herkunftsländern die Erwerbsbevölkerung von Schrumpfung betroffen ist – dass die Zahl der potenziellen Auswanderer also sinkt. Denn auch diese Länder sind vom demografischen Wandel betroffen: Abwanderung, Alterung und geringe Nachwuchszahlen prägen die Altersstruktur nachhaltig. Im Jahr 2030 werden in Rumänien rund 1,1 Millionen weniger Erwerbsfähige leben, was einen Verlust von rund acht Prozent gegenüber dem Jahr 2008 bedeutet. Bulgarien wird bis 2030 bereits 16 Prozent seines Arbeitskräftepotenzials verloren haben. Der demografische Wandel in Europa wird den Wettstreit um Arbeitskräfte zunehmend verschärfen – insbesondere um die qualifizierten.

Großes Arbeitskräftepotenzial in Asien und Afrika
Veränderung der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren bis 2050 für ausgewählte Länder (2005 = 100)

In den beiden neuen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien wird das Arbeitskräftepotenzial bis 2050 um mehr als ein Drittel zurückgehen. Dagegen wächst die Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren in Ländern wie Tunesien, Marokko und Indien. In Indien werden 2050 über eine Milliarde Erwerbsfähige leben und somit um die Hälfte mehr als noch im Jahr 2005 (Datengrundlage: United Nations World Population Prospects 2008).

Der Blick muss sich deshalb vermehrt auf die Länder richten, deren Bevölkerung wächst. In den nächsten Jahren dürfte deshalb die Zuwanderung aus Asien und Afrika an Bedeutung gewinnen. Aktuell liegt die registrierte Nettozuwanderung aus Asien und Afrika nach Deutschland noch unter 20.000 Personen im Jahr. Doch ohne Einschränkung der Einwanderung würde sich die Nettozuwanderung aus Ländern wie Indien, Marokko oder Tunesien deutlich erhöhen. Diese Länder haben eine stark wachsende und vergleichsweise junge Bevölkerung, die teilweise unter einem enormen Auswanderungsdruck steht. Schlechtere Arbeitsmarktbedingungen im Heimatland und die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen in Deutschland treiben viele Menschen auf Wanderschaft. Die Zielländer der Migration sind aber vor allem an einem interessiert: an einem ausreichenden Ausbildungsstand der Zuwanderer.

Literatur / Links

  • Bundesministerium des Innern (2008): Migrationsbericht 2007. Berlin. www.bamf.de
  • Europäische Kommission: Eurostat Datenbank, Bevölkerung Europop2008.
  • Elizabeth Leahy / Sean Peoples (2009): Projecting. Population forecasts depend on assumption – and can be wildly wrong. Washington, www.worldwatch.org
  • Statistisches Bundesamt: Genesis Online-Datenbank, Bevölkerungsvorausberechnung
  • Stiftung neue Verantwortung e.V. (2009): Die Erben der Babyboomer – eine neue Ressource für Deutschlands schrumpfendes Arbeitskräftepotenzial. Berlin, www.stiftung-nv.de
  • Vereinte Nationen: World Population Prospects: The 2008 Revision Population Database

Erstveröffentlichung: berlin-institut.org