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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Prognose

Langfristig weniger Arbeitskräfte aus Osteuropa

Die neue Bevölkerungsvorausberechnung des Statistisches Bundesamtes offenbart, dass Arbeitskräfte knapper werden. Deutschland braucht Zuwanderer – aber die Bevölkerung schrumpft auch in Ländern, aus denen viele der Migranten bisher gekommen sind.

VONIris Hoßmann

1978 in Schwerin geboren, studiert seit 2003 Soziologie an der Freien Universität Berlin mit den Schwerpunkten Demografie, Arbeitssoziologie sowie Methoden der Sozialforschung. Im Jahre 2006 absolvierte sie ein mehrmonatiges Praktikum im Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, wo sie im Bereich „Mikrozensus“ tätig war. Seit Anfang 2007 arbeitet Iris Hoßmann als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und schreibt gleichzeitig an ihrer Diplomarbeit.

DATUM16. Dezember 2009

KOMMENTARE3

RESSORTMeinung, Wirtschaft

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Die neue Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes offenbart, was ein Jahrzehnte andauerndes Geburtentief und fehlende Zuwanderung zukünftig für Deutschland bedeuten: Arbeitskräfte werden knapper. Und während die erwerbsfähigen Altersgruppen kleiner werden, gibt es immer mehr ältere Menschen. Die Gruppe derer, die 65 Jahre und älter sind, wird bis 2050 um über 37 Prozent wachsen. Die jüngere Bevölkerung dagegen, die eine Ausbildung noch vor sich hat, schrumpft: Bis 2050 werden rund 32 Prozent weniger unter 20-Jährige in Deutschland leben.

Auch die Gruppe der nach heutiger Vorstellung Erwerbsfähigen zwischen 20 und 64 Jahren wird sich bis dahin um 28 Prozent verkleinern. Was diese Entwicklung für den Arbeitsmarkt bedeutet, ist jetzt schon sichtbar: Nur ausländische Arbeitskräfte können den bereits existierenden Fachkräftemangel in Deutschland ausgleichen.

Ein Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung ist nicht nur verbunden mit einem Arbeitskräftemangel, sondern auch mit einem Mangel an potenziellen Eltern, Steuerzahlern und mit der Gefährdung der sozialen Sicherungssysteme. Allerdings liegt bisher viel Arbeitskraft brach – etwa von Frauen, die gerne arbeiten wollen, aber wegen der mangelhaften Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu Hause bleiben. Das Ziel der Bundesregierung muss es sein, das Arbeitskräftepotenzial in der Bevölkerung voll auszuschöpfen. Dazu gehört es, Nichterwerbspersonen zu aktivieren und die Zuwanderung aus dem Ausland zu verstärken.

Ohne Nettozuwanderung schrumpft das Arbeitskräftepotenzial am stärksten
Abnahme der Anzahl erwerbsfähiger Personen zwischen 20 und 64 Jahren bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu 2008 nach verschiedenen Varianten des Statistischen Bundesamtes

Je nachdem, wie viele Kinder künftig geboren werden und wie viele Menschen zuwandern, sind verschiedene Szenarien zur Verfügbarkeit von Arbeitskräften denkbar: Wandern bis dahin unterm Strich keine Menschen ein, wird Deutschland bis zum Jahr 2050 am meisten Menschen zwischen 20 und 64 Jahren verlieren und hat dann rund 17,5 Millionen weniger Erwerbsfähige als noch 2008. Der Rückgang der Bevölkerung wäre unter diesen Szenarien am geringsten, wenn die Menschen sehr viel mehr Nachwuchs bekämen (2,1 Kinder je Frau) und zusätzlich jährlich 100.000 Menschen im Saldo zuwanderten (Datengrundlage: 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes).

In Deutschland leben 40,2 Millionen Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Hinzu kommen 3,1 Millionen Arbeitslose, die als Teil der Erwerbspersonen gelten, weil sie auf Arbeitssuche sind. Ein Drittel der Nichterwerbspersonen ist jünger als 20 Jahre und noch in einer Ausbildung. Die meisten (16 Millionen) sind 65 Jahre oder älter, also im Rentenalter. Doch jeder Vierte nicht Arbeitsfähige oder nicht Arbeitssuchende ist zwischen 20 und 64 Jahren. Auch hier finden sich die Nichterwerbspersonen vorrangig unter den Jüngeren und Älteren: Jeder Sechzehnte zwischen 20 und 29 Jahren und jeder Zehnte zwischen 55 und 64 Jahren stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, weil viele der Jüngeren ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben und viele der Älteren frühzeitig aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Um die Arbeitskraft dieser Personen besser zu nutzen, sollte zum einen Akademikern ein früherer Eintritt in den Arbeitsmarkt ermöglicht und zum anderen eine bessere Integration von und eine höhere Nachfrage nach älteren Arbeitskräften gefördert werden.

Eine weitere Möglichkeit, die Anzahl der Arbeitskräfte in Deutschland zu erhöhen, besteht darin, mehr Erwerbsfähige aus dem Ausland aufzunehmen. Allerdings ist offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären. Die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes spekulieren auf das Jahr 2014, von dem an für die 2007 beigetretenen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien die Freizügigkeit auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gilt. Die Zuwanderung aus diesen Ländern wäre ab diesem Zeitpunkt nicht mehr reglementiert und die Grenzen wären somit offen. Mehrere Hunderttausend sind bei der aktuellen Entwicklung aber nicht zu erwarten. Denn die auswanderungswilligen Rumänen und Bulgaren sind bereits in den vergangenen Jahren in Länder wie Großbritannien, Irland und Spanien gezogen, die ihren Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten frühzeitig geöffnet haben.

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3 Kommentare
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  1. Boli sagt:

    Dazu gehört es, Nichterwerbspersonen zu aktivieren und die Zuwanderung aus dem Ausland zu verstärken.

    Eine weitere Möglichkeit, die Anzahl der Arbeitskräfte in Deutschland zu erhöhen, besteht darin, mehr Erwerbsfähige aus dem Ausland aufzunehmen. Allerdings ist offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären.

    Ne, Ne du. Und aus welchen Ländern sollen die kommen. Ich glaube kaum aus dem Nahen Osten und der Türkei weil da haben wir jetzt schon genug Probleme und Misstrauen. Und die Leute müssen eh schon gut vorgebildet sein damit sie auch Fachkräftearbeiten verrichten können. Die Zeiten vom Wirtschaftswunder bezüglich ungelernter Jobs sind im großen und Ganzen vorbei.
    Ne, das Einzige was wirklich helfen würde, wäre die gesetzliche Verankerung eines Geburtenprogrammes zur Anhebung der Geburtenraten bei gleichzeitiger vollständiger Unterstützung der betroffenen Frauen damit diese trotz Kinderkriegens sich genauso beruflich Bilden können. Das Gebären von Kindern müsste tendenziell auch wieder um 10 Jahre eher beginnen. Gleichzeitig können wir uns die „Freiheit“ der Kindesabtreibung aus Lust und Laune auch nicht mehr lange leisten. Aber wie schon gesagt, wenn dies so geregelt wäre müssten Familien und Frauen viel stärkere Unterstützung erfahren was die Kinderbetreuung und Bildung allgemein angeht.
    Es fängt meiner Meinung nach schon in der Kindererziehung an. Wenn zu viele Frauen keine Kinder bekommen wollen weil sie diese einfach nerven läuft was schief im Staate Dänemark. Allerding würde ich die Männer hier auch viel stärker in die Pflicht nehmen und kein „ich bin dann mal weg“ einfach so gelten lassen.
    Abtreibung, Kinderklappe all das ist für eine gesunde zukunftsfähige Gesellschaft nicht mehr hinnehmbar. Die Spaßgesellschaft hat sehr bald ausgedient und das finde ich auch gut so.
    Allerdings wecke ich mit meinen Vorschlägen wohl bloß wieder schlafende Hunde die sofort anfangen zu beißen nur weil man Tacheles redet.

  2. Boli sagt:

    Großbritannien, Irland und Spanien gezogen, die ihren Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten frühzeitig geöffnet haben.

    Man kann hier aber auch einwenden das gerade bei diesen 3 Ländern (Island verliert sogar Einheimische an Kanada) aufgrund der Wirtschaftskrise und der folgenden schlechten Arbeitsmarktlage viele Menschen auch wieder weggezogen sind und das obwohl sie vor hatten eigentlich zu bleiben.

  3. […] weiß er angeblich nichts, ebensowenig wie von derjenigen anderer osteuropäischer Länder, wie das „Migazin“ am 16.12.2009 berichtet: Die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes spekulieren auf das Jahr […]



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