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Studie

Weniger Ehrenmorde als gedacht

Die Mehrzahl der in den Medien als „Ehrenmord“ bezeichneten Gewalttaten in Migrantenfamilien haben andere Ursachen und werden nicht aus Ehrgründen begangen. Dies ist das Ergebnis einer Studie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

In Ihrer Dissertation über „Ehrenmorde aus kulturanthropologischer Perspektive“ hat die Volkskundlerin Anna Caroline Cöster sich auf die Suche nach den Hintergründen sogenannter Ehrenmorde begeben. Das Bundeskriminalamt spricht zwar von 55 Ehrenmorden innerhalb der vergangenen acht Jahre. „Diese Zahl ist aber viel zu hoch“, so ihr Resultat. Aus 25 untersuchten Gerichtsurteilen habe es sich „nur in zehn Fällen tatsächlich um einen geplanten Mord im Namen der Ehre“ gehandelt.

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Fememorde haben seit der Ermordung Hatun Sürücüs 2005 in Berlin wiederholt Entsetzen ausgelöst. Weltweit rechnen die Vereinten Nationen mit 5000 Todesopfern jährlich. Zu derartigen Exzessen kommt es auch in westlichen Ländern, jedoch weniger häufig als gedacht. Von 55 Opfern in acht Jahren spricht das BKA. Aber ist jeder dieser Morde ein Ehrenmord? Anna Caroline Cöster nähert sich den Hintergründen, um dem Phänomen schärfere Konturen zu verleihen. Auch die Bedrängnis möglicher Opfer bringt sie zur Sprache. Hier geht es  zum Inhaltsverzeichnis.

Fehlende Hintergrundinformationen
Gegenüber MiGAZIN erklärt sie, weshalb Ehrenmorde zahlenmäßig viel größer wahrgenommen werden, als es der Realität entspricht. „Dies hat meines Erachtens zwei Gründe: Zum einen hat man erst seit Ende der 1990er Jahre und insbesondere nach dem Mord an Hatun Sürücü im Jahr 2005 begonnen, Ehrenmorde wahrzunehmen. Es gibt in Pressearchiven Hinweise darauf, dass Ehrenmorde auch schon zu Beginn der 1980er Jahre verübt wurden, aber man hat sie in dieser Zeit statistisch noch nicht erfasst. Zum anderen beruhen die Zahlen, die immer wieder aufgegriffen werden, häufig auf der Vorstellung, dass ein Mann ausländischer Herkunft, der ein nahes Familienmitglied tötet, einen Ehrenmord begeht.“

Vielmehr seien detaillierte Hintergrundinformationen zu den Familien und dem Geschehen vor der Tat notwendig, um herausfinden zu können, ob es sich um einen Ehrenmord handelt oder nicht. „Diese Hintergrundinformationen fehlen bei der statistischen Erfassung der Fälle jedoch meist, da die Hintergründe bereits aus Datenschutzgründen auch nicht publik gemacht werden dürfen“, so die Wissenschaftlerin weiter.

Vermischung von Affekttaten und Ehrenmorden
So komme es, dass auch Fälle in die Statistiken mit einfließen, bei denen die Tat nicht auf verletzte Ehre (im kollektiven Sinne) zurückzuführen ist. Eine Affekttat eines Einzelnen sei jedoch kein Ehrenmord. Durch die Vermischung von Affekttaten und Ehrenmorden falle es jedoch schwer, ehrbezogene Gewalt von Formen häuslicher Gewalt zu trennen. Cöster weiter: „Da ehrbezogene Gewalt, deren extremste Form der Ehrenmord ist, aber eine spezifische Form häuslicher Gewalt darstellt, ist es notwendig hier zu trennen, um sie adäquat angehen zu können“. Diese Trennung habe nichts damit zu tun, Gewalt an Migrantinnen zu rechtfertigen. Das sei absolut nicht ihr Anliegen. “Es geht mir nur um eine Trennung von ehrbezogener und häuslicher Gewalt ohne das eine gegen das andere abwiegen zu wollen.“

Mit einem Beispiel führt Die Volkskundlerin weiter aus, wie das zu verstehen ist: „In einem der in die Statistiken eingehenden Fälle wurde eine Frau von ihrem Ehemann während eines Streits in der häuslichen Küche erstochen. Dieser war über seine Tat derart entsetzt, dass er die Frau ins Krankenhaus brachte. Taten wie diese sind zweifellos schlimm und verachtenswert, aber es handelt sich nicht um Ehrenmorde.“

Ehrenmorden liege nicht das Verständnis eines individuellen Ehrbegriffs, sondern eines kollektiven Familienehrbegriffs (türkisch namus) zugrunde. Sie würden meist nicht unüberlegt begangen. Darüber herrsche jedoch oft Unwissen, „was dazu führt, dass auch Taten als Ehrenmorde deklariert werden, die keine sind.“

Mit der Religion hat das nichts zu tun
Daher warnt Cöster vor pauschalen Schlüssen. Gewalt im Namen der Ehre werde von keiner Religion gefordert, auch nicht vom Islam, obwohl sie verstärkt in islamisch geprägten Ländern vorkomme. „Ich bin keine Religions- oder Islamwissenschaftlerin und kann mich daher nur darauf berufen, was andere Wissenschaftler meinen festgestellt zu haben. Demnach schreibt keine Religion das Töten im Namen der Ehre vor“, so die Wissenschaftlerin gegenüber MiGAZIN.

Die Motive für einen Ehrenmord entstünden in Gesellschaften, die von Männern und von Stammesdenken dominiert würden. „Ehrenmorde in Deutschland werden meinen Erkenntnissen zufolge zwar mehrheitlich von Personen ausgeübt, die aus der Türkei zugewandert sind, aber keinesfalls ausschließlich, wie zuletzt ja auch der Ehrenmord an der Afghanin Morsal gezeigt hat. Türkeistämmige Personen stellen die größte Zuwanderergruppe, ich denke, dass die Zahl daher besonders ins Gewicht fällt.“

Integrationspolitisch nicht sinnvoll
Für Integrationspolitisch sinnvoll hält Cöster das Hochbauschen von Zahlen nicht. Es handele „sich hier aber nicht um eine gezielte Stimmungsmache, sondern schlichtweg um Unsicherheiten in der Verortung solcher Taten“, die tatsächlich oft auf den ersten Blick nicht eindeutig auf einen familiären oder kollektiven Ehrbegriff zurückzuführen seien.

Cöster weist außerdem darauf hin, dass nicht nur Frauen Opfer von Ehrenmorden sind. In den von ihr untersuchten Fällen seien Männer genauso häufig tödlich betroffen wie Frauen. „Bei einer Affäre mit einer verheirateten Frau etwa wird der Mann als der Verantwortliche angesehen, da er sich etwas anmaßt, was ihm nicht zusteht“, so Cöster. Eine Einrichtung für Männer, die mit Frauenhäusern vergleichbar sei, gebe es bislang aber nicht. Die Schutzeinrichtungen seien weitestgehend an Frauen ausgerichtet.