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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Studie

45 Prozent der Türken fühlen sich in Deutschland unerwünscht

Fast die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken fühlt sich unerwünscht – 42 Prozent wollen in die Türkei zurückkehren, wie aus einer repräsentativen Studie der Forschungsinstitute Info und Liljeberg Research hervorgeht, die am Donnerstag vorgestellt wurde.

Befragt wurden insgesamt 1000 Personen – jeweils ein Drittel davon Deutsche, Türken in der Türkei und in Deutschland lebende Türken. Insgesamt leben hier 2,7 Millionen türkischstämmige Migranten, 30 Prozent davon mit deutschem Pass.

Deutschland und Heimat
Aus der Studie geht hervor, dass lediglich 21 Prozent der Befragten Deutschland als Heimat empfinden. Weitere 38 Prozent empfinden Deutschland und die Türkei gleichermaßen als Heimat und 37 Prozent eher die Türkei. Vor diesem Hintergrund planen immerhin 42 Prozent eine Rückkehr in die Türkei, wobei junge Leute insgesamt häufiger „zurück“ wollen als ältere.

Dennoch ist die überwiegende Mehrheit der Türken in Deutschland nach wie vor davon überzeugt, dass es richtig war, nach Deutschland zu kommen und dass es in diesem weltoffenen Land jeder unabhängig von der Herkunft zu etwas bringen kann. Für 85 Prozent ist klar, dass dabei nur die deutsche Sprache zum Erfolg führen kann.

Gleichzeitig meinen 82 Prozent auch, dass die deutsche Gesellschaft stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen sollte. „Für das Empfinden eines Lebens zwischen den Welten und ein durchaus problematisches Verhältnis der Aufnahmegesellschaft zum Thema Integration spricht z.B. die Tatsache, dass sich 62 Prozent der Befragten in Deutschland als Türke und in der Türkei als Deutscher fühlen“, so die Studie.

45 Prozent fühlen sich in Deutschland unerwünscht, nur 54 Prozent glauben, dass Deutsche und Türken in Deutschland die gleichen Bildungschancen haben und lediglich 53 Prozent möchten ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazugehören. Weniger als die Hälfte fühlen sich in Deutschland genauso akzeptiert wie ein Deutscher. Allerdings verbringt nur jeder vierte nahezu täglich und ca. 60 Prozent mindestens einmal pro Woche seine Freizeit mit Deutschen.

Auf der anderen Seite meinen 93 Prozent, dass sie ihre türkische Kultur bewahren müssten, wobei dies für sie nicht im Widerspruch zur gewünschten Akzeptanz in der deutschen Mehrheitsgesellschaft steht. Vielmehr sind 83 Prozent der Meinung, dass man gleichzeitig ein guter Deutscher und ein guter Moslem sein kann.

Man habe es mit einer Gruppe von Menschen zu tun, so die Studienautoren, die fest zu ihren kulturellen und religiösen Wurzeln und den türkischen Wertewelten steht und auch nicht bereit ist, grundsätzlich davon abzulassen. Jeder Druck in dieser Hinsicht führe „offenbar zu entsprechenden Gegenreaktionen und eher Desintegration“.

„Das öffentliche Meinungsbild geht aber immer mehr genau in diese Richtung: Es wird „Integration“ verlangt, aber Assimilation ist gemeint. Eine Assimilation ist aber innerhalb der nächsten Generationen nicht zu erwarten, da die starke Familieneinbindung und auch die Kontakte ins „Mutterland“ so stark und vielfältig sind, dass sich kulturelle und religiöse Überzeugungen und Wertestrukturen immer wieder reproduzieren“, so die Autoren weiter.

Weitere Studien über Integration und Migration gibt es in chronologischer Reihenfolge im MiGAZIN-Dossier: Studien – übersichtlich und kompakt.

Sprache
Der Befragung zufolge beurteilen 58 Prozent der befragten Türken in Deutschland ihre deutschen Sprachkenntnisse als sehr gut oder gut (78 Prozent der unter 30-jährigen) und 35 Prozent meinen, besser Deutsch als Türkisch zu sprechen. Dennoch sprechen lediglich 16 Prozent zu Hause überwiegend Deutsch.

Die nach wie vor bestehenden sprachlichen Schwierigkeiten sind laut den Autoren der Studie durch die türkische Familiensprache und die lange ausschließliche Erziehung der Kinder außerhalb öffentlicher Kindereinrichtungen gefördert worden. „Es hat sich hier mehr oder weniger bereits eine ‚Pidginsprache‘ entwickelt – ein Gemisch aus deutscher und türkischer Sprache mit jeweils begrenztem Wortschatz“, so die Autoren. Dies werde sich wohl in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Die Sprachschwierigkeiten würden aber nahezu automatisch zu Problemen im Sozialisationsprozess und zu Problemen im Bildungsbereich führen.

Als möglicher Ausweg dränge sich aus den Befragungsergebnissen auf, zunächst einen komplett türkischsprachigen Bildungsgang anzubieten, um zumindest in einer Sprache die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. „Deutsch muss natürlich frühzeitig und parallel als Fremdsprache verpflichtend erlernt werden. Aber auch hier sollte es sich um freiwillige Angebote handeln, denn es gibt natürlich auch sehr gut integrierte türkischstämmige Migranten (knapp ein Drittel der Befragten), die bereits ganz selbstverständlich deutschsprachig sind“, so die Einschätzung der Autoren.

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15 Kommentare
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  1. […] Das MiGAZIN bringt ausführlich und mit einer Reihe von Tabellen das Ergebnis einer Befragung von 1000 Türken. Ich kann hier nur  Beispiele bringen. […]

  2. municipal sagt:

    @ NDM

    Sie schreiben

    Bedauernswert finde ich die erste Grafik auf Seite neun. Angesichts der starken Religiösität lässt sich das jedoch mit entsprechenden religiösen Vorschriften erklären – was es für meinen Geschmack jedoch nicht besser macht. Es zeigt den Religiösen Aspekt von Abgrenzungstendenzen auf – die andere Seite der Ausgrenzungsmedaille.

    Hier kommt das zu Tage, was von diesen Gruppen immer angemahnt wird, aber selbst NICHT vorhanden ist: TOLERANZ !

    Ursache ? Die Religion, und deren Stellenwert und Positionierung über den Verstand.

  3. Boli sagt:

    Also ich möchte sagen das der von Municipal eingestellte Zeitungsartikel viele der Probleme anspricht die unter anderem dazu geführt haben das Türken anders wahrgenommen werden als z.B. Spanier etc. .
    Ich könnte fast wetten das es hauptsächlich diesen 45 % Türken sind, die viele oder gar alle der von Necla Kelek angesprochenen Punkte komplett verweigern.
    So schnell kann der Zeigefinger zum Spiegelbild werden. Ich habe es schon so oft gesagt. Wenn die Deutschen so pauschal ausländerfeindlich sind wieso geht es anderen Ethnien nicht genauso wie den Türken?? Wieso werden andere Religionen die man als genauso fremd wie den Islam bezeichnen kann (z.B. Buddhismus oder Hinduismus) nicht ebenso attackiert wie der Islam? Auch diese Frage müssen sich die Betroffenen bitte einmal selbst stellen und vor allem einmal ehrlich beantworten. Dann bräuchte man solche Studien überhaupt nicht.

  4. TU sagt:

    @Kosmoplit

    Sie haben versucht ein Argument darzulegen. Leider ist Ihnen das ganze nicht gelungen. Wenn Sie demnächst versuchen ein Argument gegen der derzeitige Integrationsprobleme darzulegen tun Sie bitte dies ohne die selbst ernannten Pseudo-Autorinnen, Pseudo-Theologinnen und Kultur-Kritikerrinnen wie […] aus. Das gleiche gilt nämlich auch für […] oder […]. Ich kam mit zwölf Jahren nach Deutschland. Was ich aber sehr schnell gelernt habe war, dass man Pluspunkte dafür bekam wenn man seine Herkunft, Kultur und Religion schlecht geredet hat denn, dass wollte die Mehrheitsgesellschaft hören und setzte das ganze mit gelungener Integration gleich. Nach der Mehrheitsgesellschaft gibt es so zu sagen zwei Wege zur gelungener Integration. Das erste ist Assimilation und das zweite wäre, dass was Frau […], […] und […] tun. Wenn ich heute das gleiche tue wie die vorher genannten Damen nämlich die Kultur von 70 Millionen Menschen oder die Religion von weltweit 1,6 Milliarden Menschen in Frage stellen wäre ich nach der Meinung von Mehrheitsgesellschaft integriert, denn das ist es was die Mehrheitsgesellschaft hören will. Unabhängig davon was für Erfahrungen die Damen […], […] oder […] mit Ihrer Kultur und Religion gemacht haben lass ich von denen kein Vorwurf an meiner Kultur, Religion und Elternhaus machen. Diese Damen haben es gelernt Ihre Lebensunterhalt zu verdienen und genau diesen gehen die im Moment nach.

    Bis demnächst !!!!

  5. NDM sagt:

    Und jetzt? Religionen verurteilen und verbieten?

    Nene, dann würde ich den Begriff „Toleranz“ überhaupt nicht ins Feld führen. Die Zahlen halte ich zwar für bedauerlich, halte sie jedoch nicht für ein Anzeichen von besonderer Intoleranz, und ich erlaube mir auch noch kein voreiliges Werturteil darüber, bevor ich mehr weiß. Die Wahrheit ist höchstwahrscheinlich deutlich komplexer, zumal ich persönlich nur sehr selten Intoleranz von einem Türken oder einer Türkin verspüren konnte – eher das Gegenteil ist die Regel. Um hinter die Ursachen dieser Zahl zu kommen, sind viel detailliertere, empirische Studien vonnöten, die ein paar weitere Fragen zum Thema „Interkonfessionelle Ehe“ stellen.


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