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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Studie

45 Prozent der Türken fühlen sich in Deutschland unerwünscht

Fast die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken fühlt sich unerwünscht – 42 Prozent wollen in die Türkei zurückkehren, wie aus einer repräsentativen Studie der Forschungsinstitute Info und Liljeberg Research hervorgeht, die am Donnerstag vorgestellt wurde.

Befragt wurden insgesamt 1000 Personen – jeweils ein Drittel davon Deutsche, Türken in der Türkei und in Deutschland lebende Türken. Insgesamt leben hier 2,7 Millionen türkischstämmige Migranten, 30 Prozent davon mit deutschem Pass.

Deutschland und Heimat
Aus der Studie geht hervor, dass lediglich 21 Prozent der Befragten Deutschland als Heimat empfinden. Weitere 38 Prozent empfinden Deutschland und die Türkei gleichermaßen als Heimat und 37 Prozent eher die Türkei. Vor diesem Hintergrund planen immerhin 42 Prozent eine Rückkehr in die Türkei, wobei junge Leute insgesamt häufiger „zurück“ wollen als ältere.

Dennoch ist die überwiegende Mehrheit der Türken in Deutschland nach wie vor davon überzeugt, dass es richtig war, nach Deutschland zu kommen und dass es in diesem weltoffenen Land jeder unabhängig von der Herkunft zu etwas bringen kann. Für 85 Prozent ist klar, dass dabei nur die deutsche Sprache zum Erfolg führen kann.

Gleichzeitig meinen 82 Prozent auch, dass die deutsche Gesellschaft stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen sollte. „Für das Empfinden eines Lebens zwischen den Welten und ein durchaus problematisches Verhältnis der Aufnahmegesellschaft zum Thema Integration spricht z.B. die Tatsache, dass sich 62 Prozent der Befragten in Deutschland als Türke und in der Türkei als Deutscher fühlen“, so die Studie.

45 Prozent fühlen sich in Deutschland unerwünscht, nur 54 Prozent glauben, dass Deutsche und Türken in Deutschland die gleichen Bildungschancen haben und lediglich 53 Prozent möchten ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazugehören. Weniger als die Hälfte fühlen sich in Deutschland genauso akzeptiert wie ein Deutscher. Allerdings verbringt nur jeder vierte nahezu täglich und ca. 60 Prozent mindestens einmal pro Woche seine Freizeit mit Deutschen.

Auf der anderen Seite meinen 93 Prozent, dass sie ihre türkische Kultur bewahren müssten, wobei dies für sie nicht im Widerspruch zur gewünschten Akzeptanz in der deutschen Mehrheitsgesellschaft steht. Vielmehr sind 83 Prozent der Meinung, dass man gleichzeitig ein guter Deutscher und ein guter Moslem sein kann.

Man habe es mit einer Gruppe von Menschen zu tun, so die Studienautoren, die fest zu ihren kulturellen und religiösen Wurzeln und den türkischen Wertewelten steht und auch nicht bereit ist, grundsätzlich davon abzulassen. Jeder Druck in dieser Hinsicht führe „offenbar zu entsprechenden Gegenreaktionen und eher Desintegration“.

„Das öffentliche Meinungsbild geht aber immer mehr genau in diese Richtung: Es wird „Integration“ verlangt, aber Assimilation ist gemeint. Eine Assimilation ist aber innerhalb der nächsten Generationen nicht zu erwarten, da die starke Familieneinbindung und auch die Kontakte ins „Mutterland“ so stark und vielfältig sind, dass sich kulturelle und religiöse Überzeugungen und Wertestrukturen immer wieder reproduzieren“, so die Autoren weiter.

Weitere Studien über Integration und Migration gibt es in chronologischer Reihenfolge im MiGAZIN-Dossier: Studien – übersichtlich und kompakt.

Sprache
Der Befragung zufolge beurteilen 58 Prozent der befragten Türken in Deutschland ihre deutschen Sprachkenntnisse als sehr gut oder gut (78 Prozent der unter 30-jährigen) und 35 Prozent meinen, besser Deutsch als Türkisch zu sprechen. Dennoch sprechen lediglich 16 Prozent zu Hause überwiegend Deutsch.

Die nach wie vor bestehenden sprachlichen Schwierigkeiten sind laut den Autoren der Studie durch die türkische Familiensprache und die lange ausschließliche Erziehung der Kinder außerhalb öffentlicher Kindereinrichtungen gefördert worden. „Es hat sich hier mehr oder weniger bereits eine ‚Pidginsprache‘ entwickelt – ein Gemisch aus deutscher und türkischer Sprache mit jeweils begrenztem Wortschatz“, so die Autoren. Dies werde sich wohl in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Die Sprachschwierigkeiten würden aber nahezu automatisch zu Problemen im Sozialisationsprozess und zu Problemen im Bildungsbereich führen.

Als möglicher Ausweg dränge sich aus den Befragungsergebnissen auf, zunächst einen komplett türkischsprachigen Bildungsgang anzubieten, um zumindest in einer Sprache die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. „Deutsch muss natürlich frühzeitig und parallel als Fremdsprache verpflichtend erlernt werden. Aber auch hier sollte es sich um freiwillige Angebote handeln, denn es gibt natürlich auch sehr gut integrierte türkischstämmige Migranten (knapp ein Drittel der Befragten), die bereits ganz selbstverständlich deutschsprachig sind“, so die Einschätzung der Autoren.

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15 Kommentare
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  1. Markus Hill sagt:

    Zitat:
    „Aber auch hier sollte es sich um freiwillige Angebote handeln, denn es gibt natürlich auch sehr gut integrierte türkischstämmige Migranten (knapp ein Drittel der Befragten), die bereits ganz selbstverständlich deutschsprachig sind“, so die Einschätzung der Autoren.“
    Diese Interpretation empfinde ich nicht unbedingt als zwingend. Eine andere Deutung/Leseweise (wegen Fairness und Ausgewogenheit bei Problemanalyse) könnte auch sein: Auch in der 3. Generation gibt es noch 2/3 der Befragten, die nicht selbstverständlich deutschprachig sind. Natürlich wissen die Autoren der Studie woh genau, dass gerade die Freiwilligkeit (ähnlich wie „freiwillige Umweltschutzauflagen“ bei Unternehmen) beim Deutscherwerb keinesfalls eine Erfolgsgeschichte der türkischstämmigen Migranten darstellt. Irgendwie erscheinen mir die Ergebnisdeutungen recht einseitig gefärbt und interessengetrieben von einer bestimmten Seite.
    Ich weiss auch nicht, ob man dem Integrationsgedanken durch solche Schlagzeilen wie oben einen guten Gefallen tut. Irgendwann werden die ersten Medien dann Schreiben (in Ergänzung sozusagen): „…fühlen sich unerwünscht? Reisende soll man nicht aufhalten“. Es klingt langsam wie eine ständig fordernde, nörgelnde Haltung, bei der man Respekt einfordern möchte. Beim Gegenüber stellt sich meiner Ansicht langfristig der gegenläufige Effekt ein. Es wird eher ein Jammer-Status (Image) geschaffen, anstatt ein positives Bild von Migranten.

  2. Mehmet sagt:

    „Es klingt langsam wie eine ständig fordernde, nörgelnde Haltung, “
    „Beim Gegenüber stellt sich meiner Ansicht langfristig der gegenläufige Effekt ein. Es wird eher ein Jammer-Status (Image) geschaffen,“
    Diese Worte können Sie auch auf die „andere“ Seite spiegeln….

  3. Markus Hill sagt:

    Da gebe ich Ihnen Recht. Zumindest in Teilen, in anderen Teilen wird das Jammern des Gastlands (der Mehrheitsbevölkerung) wohl eher als berechtigte Kritik in den allgemeinen Medien dargestellt. Ansonsten wären wohl auch die Sarrazin-Äusserungen nicht zu so grossen Teilen mit Verständnis in den Medien aufgenommen worden. Diese Mechanismen wirken wohl in der Medienwelt wirken. Das heisst, die türkischen Migranten sind ohnhin diejenigen, die eine sehr schlechte Presse haben. Die Kritik – natürlich auch unberechtigte – bleibt aber weniger als Vorwurf gegenüber der Mehrheitsgesellschaft „kleben“. Auf die kritisierte Minderheit fallen solche Meldungen dann immer wieder zurück. Tenor: „Jetzt machen die hier schon so viele Probleme und jetzt fallen sie noch zusätzlich durch Nörgeln und Fordern auf. Sollen sich ein Beispiel an Vietnamesen und Co. nehmen. Keine Leistung bringen aber Ansprüche stellen!“ etc., etc. So kommen solche Dinge oft in der Presse herüber. Die vielen wahrnehmbaren, erfolgreichen Migrationsmeldungen, positiven Beispiele müssen dann wieder alles ausbügeln. Ich bezweifele, ob derzeit schon die Anzahl der positiven Artikel über türkische Migranten die negativen Artikel in der Presse mehr als ausgleichen. Darauf wollte ich nur aufmerksam amchen. Entscheidend ist da auch weniger, ob die Dinge inhaltlich eine Berechtigung haben oder nicht – durch eine weitere zusätzliche Negativmeldung neutralisiere ich viele positive Meldungen.

  4. Markus Hill sagt:

    PS: Mein Punkt ist einfach der – die Verbände haben schon eine sehr unglückliche Rolle bei der PR für die Belange von türkischen Migranten gespielt (deshalb werden sie wohl von einigen Politikern und Medien nicht mehr ernst genommen). Wenn man solche Meldungen wie oben produziert, knüpft man an die erfolglose PR-Strategie der türkischen Verbände an. Dient das wirklich den Interessen der Migranten? Wird die Wahrnehmung durch solche Meldungen, so ein „Wording“ und die recht „abenteuerliche“ Zahleninterpretationen (1/3-zu-2/3-Deutung des Autors, man könnte eher fast von einer „Sprachbildungskatastrophe in der 3. Generation“ sprechen!), für Migrantenbelange bei der Mehrheitsbevölkerung – Deutsche und erfolgreiche Migrantengruppen – positiv beeinflusst???

  5. Türkenhaupt sagt:

    Wir Türken werden niemals die Forderungen der Deutschen erfüllen können, weil die Ansprüche immer höher werden. Wer als Gemüsehändler arbeitet wird von deutschen Politikern als Arbeitsloser registriert.

    Vor 60 Jahren hat man Juden auf diesen Irrweg getrieben, heute wird das Wissen von damals auf uns Türken angewandt. Es sind nicht alle Türkenfeindlich aber 70% sind es sicherlich. Das reicht um eine Volksgruppe in ihrer Entwicklung zu stoppen.

  6. Boli sagt:

    Als möglicher Ausweg dränge sich aus den Befragungsergebnissen auf, zunächst einen komplett türkischsprachigen Bildungsgang anzubieten, um zumindest in einer Sprache die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln.

    Also wenn man so an die Sache ran geht kann man wirklich gleich wieder in die Türkei zurückgehen.
    Außerdem gibt es viele Menschen die sich selbst bewiesen haben auch in mindestens 2 Sprachen Kompetenzen entwickelt zu haben. Also was soll der Quatsch?

    „Deutsch muss natürlich frühzeitig und parallel als Fremdsprache verpflichtend erlernt werden.

    Also das ist doch der Hohn schlechthin. Da fehlen mir die Worte!!

  7. Otto Fuchs sagt:

    Liebe Mitbürger/Mitbürgerin aus der Türkei,

    vielen Dank für Ihre Entscheidung in unserem Land zu leben und zu arbeiten. Es ist ein schönes Land mit vielen Freiheiten. Viele dieser Freiheiten fehlen in der Türkei. Wer sich unwohl fühlt, sollte die Gründe einmal genug untersuchen und dann die Frage an sich stellen, ob nicht eine Rückkehr angebracht werde.
    Sich Unwohl fühlen führt zu gesundheitliche Dauerschäden.
    Man sollte diese Folgen für die eigene Gesundheit nicht unterschätzen.
    Ich bin für eine einfache Lebensansicht. Wo ich wohne und arbeite ist meine Heimat. Jedes Land bietet viele Möglichkeiten. Bin ich persönlich bereit in dieses „meine Heimat“ mich einzubringen?????
    Sehe ich die positiven Möglichkeiten oder die negativen Möglichkeiten????
    Ich bin ein alter Mann, habe die Welt 35 Jahre bereist, habe gearbeitet und gewohnt. Es war schön, manchmal zum erbrechen. Die Menschen waren immer freundlich und hilfsbereit.
    Heute vermisse ich dies manchmal im meinem Land. Es ist etwas kalt geworden. Vielleicht liegt es am Alt werden. Ich bin auch schon 78.

    Liebe Grüße

  8. Cajun Coyote sagt:

    Hört endlich mal auf mit diesen Juden-Analogien. So etwas zeugt nur von einer erschreckenden historischen Ahnungslosigkeit. Auch als Manipulationsinstrument innerhalb der Diskussion ist es ziemlich dreist.

  9. Kosmopolit sagt:

    @Türkenhaupt
    „Vor 60 Jahren hat man Juden auf diesen Irrweg getrieben, heute wird das Wissen von damals auf uns Türken angewandt.“
    Mit dieser Aussage, betreiben sie geistige Brandstiftung und geben denen Munition, die sich kritisch mit ihrer Ethnie auseinander setzen.
    Bezeichnend ist der Umstand, dass sie andere bewerfen, aber im Gegensatz fehlt ihnen die Bereitschaft zur Kritik der eigenen Traditionen und Geschichte. Hier reihen sie mit dem überwiegenden Teil ihrer Landsleute ein.
    Ich kenne genug Türken, die sich hier leidlich integriert haben, die sich für solche Aussagen schämen. Leider kommen diese Mitmenschen nicht an die Öffentlichkeit, weil sie dann stigmatisiert und quasi als Verräter abgestraft werden. Mittlerweile gibt es genug von diesen Menschen, die sich trauen.
    Zu diesem Thema ein Lesebeispiel gefällig?
    http://www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article5282583/Die-Muslime-und-der-Holocaust-Die-Muslime-und-der-Holocaust.html

  10. NDM sagt:

    „Ubi bene, ibi patria“ – „Wo es mir gut geht, da ist meine Heimat“.

    „Aus der Studie geht hervor, dass lediglich 21 Prozent der Befragten Deutschland als Heimat empfinden. Weitere 38 Prozent empfinden Deutschland und die Türkei gleichermaßen als Heimat“

    Das sind 59%, die ihre Wurzeln in Deutschland geschlagen haben, und diese Zahl nähert sich der absoluten Mehrheit. Vor 10 Jahren wäre diese Zahl mit Sicherheit kleiner ausgefallen. In meinen Augen ist das kein schlechtes Ergebnis.

    Otto Fuchs hat einerseits recht, wenn er sagt, dass sich jeder einzelne selbst fragen sollte, ob er selbst genug dafür getan hat, dass es ihm heute gut geht. Andererseits ist es aber auch Sache der anderen, sich zu fragen, ob sie nicht vielleicht unnötig Steine in den Weg legen, so dass sich er eine oder andere völlig unverschuldet unerwünscht fühlt. Wenn sich ehemalige Gastarbeiter dafür entscheiden, ihre Rente in Deutschland auf den Kopf zu hauen, sollte man eigentlich dankbar dafür sein, und am Markt auf diese Zielgruppe mit ihren tradierten Gewohnheiten eingehen. Das übernehmen heutzutage wohl hauptsächlich die Kinder der ehemaligen Gastarbeiter. Ich weiß nicht, ob es jeder sofort versteht, aber jetzt kommt beispielsweise die richtige Zeit für Textilgeschäfte, etwas mehr rote Unterwäsche anzubieten…

    Insbesondere der Bereich „Grafiken und Charts zur Studie“ ist für mich interessant. Er zeigt, dass die Deutsche Sprache bei jüngeren immer seltener ein Hindernis darstellt.

    Die nächsten Grafiken zeigen auch, dass eine deutliche Mehrheit durchaus Wertschätzung für das Land empfindet, sich jedoch ziemlich viele nicht gleichberechtigt behandelt fühlen. Es kann durchaus sein, dass es sich bei letzteren vor allem um Ältere handelt, welche auf die klassischen Akzeptanzschwierigkeiten stoßen. Gründe hierfür können sein: Schwierigkeiten bei der Sprache, evtl. Bildungsdefizite, sehr traditionelle Kleidungs- und Verhaltensgewohnheiten, usw. – dies ist bei jüngeren mehrheitlich nicht der Fall.

    Bei den Werten und Einstellungen finden sich meines Erachtens nach sehr große Schnittmengen und mehr verbindendes als trennendes – außer bei den Themen „Ehe und Sexualität“ – da kommen viele Türken den besonders frommen Christen wohl recht nahe, hier jedoch der Bereich „Partnerwahl“ ausgenommen.

    Bedauernswert finde ich die erste Grafik auf Seite neun. Angesichts der starken Religiösität lässt sich das jedoch mit entsprechenden religiösen Vorschriften erklären – was es für meinen Geschmack jedoch nicht besser macht. Es zeigt den Religiösen Aspekt von Abgrenzungstendenzen auf – die andere Seite der Ausgrenzungsmedaille.


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