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Migranten-Milieu Studie

Deutsche Milieus

Die neuere Sozialforschung und mit ihr eine vom vhw bei Sinus Sociovision in Auftrag gegebenen Studie [pdf] geht neue und viel versprechende Wege. In einer repräsentativen Befragung wurden im Sommer 2008 über 2.000 Migranten zu ihren Lebens- und Wohnvorstellungen befragt.

Die in Deutschland lebende Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund zeichnet sich durch eine oftmals verkannte Vielfalt aus. Die ethnisch aufgeladene Weltdeutung, es würde sich insbesondere um „Türken“, „Muslime“ oder „muslimische Türken“ handeln, läuft leer. Tatsächlich hat diese Personengruppe einen Anteil von nur 19 Prozent, während die größte Gruppe der Migranten aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kommt. Und auch bei der Religionszugehörigkeit stellt die Studie eingangs fest, dass wir es – entgegen weit verbreiteter Alltagsvorstellungen – mehrheitlich nicht mit muslimischen Personen zu tun haben, deren Anteil nur bei rund 22 Prozent liegt.

An die Stelle eines schlichten Dualismus von wir (die Einheimischen) und ihr (die Fremden) wird ein fein koloriertes Bild moderner Gesellschaften gezeichnet. Für die deutsche Gesellschaft – so die Studie – sind Milieus konstitutiv, während die ethnische Herkunft demgegenüber eher blass und bedeutungslos wirkt. Nicht die ethnische Herkunft, sondern vielmehr die aktuelle Lebensweise und das jeweilige sozialkulturelle Milieu sind für die in Deutschland lebende Wohnbevölkerung prägend.

Migranten, ihre Kinder und Angehörigen sind Teil einer anhand von Milieus fein geschichteten und unterscheidbaren Wohnbevölkerung: „Ein Milieu beschreibt eine Gruppe von Menschen, die sich in Lebensweise und Lebensauffassung ähneln. Die Zugehörigkeit zu einem Milieu basiert dabei auf der lebensweltlichen Grundauffassung, auf Fragen danach, worauf es im Leben ankommt. Eine solche lebensweltliche Grundauffassung wirkt so synchronisierend wie das Pendel eines Uhrwerks: Wer die gleiche lebensweltliche Grundauffassung besitzt, zum gleichen Milieu gehört, ist sich auch in vielen anderen alltäglichen lebensweltlichen Facetten sehr ähnlich: Von Politik und Partizipation über den alltäglichen Konsum bis hin zu Freizeitaktivitäten, Mediennutzung und den Bereich des Wohnens.“ (Auszug aus der vhw-Studie)

Die ethnische Herkunft und der Migrationshintergrund werden in einer globalisierten und dynamischen Welt schnell zur blassen Erinnerung an Vergangenes, während die aktuelle Lebensweise im jeweiligen Milieu am neuen Wohn- und Lebensort gleichzeitig umso wirkmächtiger wird. In den Städten und Metropolen wird dieser Prozess sozialen Wandelns nochmals beschleunigt. Die Migranten ordnen sich im Laufe der Zeit den verschiedenen Milieus der Wohnbevölkerung zu, die sich auch dadurch wiederum ihrerseits wandeln. Dabei erweisen sich die Milieus moderner und dynamischer Gesellschaft als vertikal und horizontal relativ durchlässig. Das Bild von einer Parallelgesellschaft sich selbst separierender und isolierender Subkulturen verliert so in der Perspektive der Milieuforschung seine Starrheit und Undurchlässigkeit. Vielmehr macht die vorliegende Untersuchung deutlich, das sich bei Wertvorstellungen und Orientierungen keine signifikanten Unterschiede zwischen der Wohnbevölkerung mit und der Wohnbevölkerung ohne Migrationshintergrund feststellen lassen. Gleichwohl sollte auch nicht aus dem Blick geraten, dass bei Sozialindikatoren wie Einkommen und Bildung sowie Klassen- und Schichtzugehörigkeit die Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund als Ganzes betrachtet schlechter abschneidet als die Wohnbevölkerung ohne Migrationsbezug. Aber in der Perspektive einer am sozialen Wandel orientierten Milieuforschung steht nicht diese anfänglich relativ ungünstige Ausgangssituation der Bevölkerung mit Migrationshintergrund als Ganzes im Mittelpunkt, sondern der – unterschieden nach Milieus – jeweils unterschiedlich verlaufende Prozess des Aufstiegs und der Integration.

Gravierend und folgenreich ist der Befund der Studie, dass – je nachdem ob ein Migrationshintergrund gegeben ist oder nicht – die Teilhabechancen in der Gesellschaft höchst ungleich sind. So wird beispielsweise deutlich, dass in Milieus mit Migrationshintergrund ein überdurchschnittlich hoher Leistungswille ausgeprägt ist, der aber in der deutschen Gesellschaft in bemerkenswerter Art und Weise ausgebremst zu werden scheint. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es sich nicht um individuelle oder kollektive Verfehlungen handelt, sondern dass die deutsche Gesellschaft Teilhabechancen nur zögerlich gewährt oder sogar gänzlich verweigert.

Hier werden zugleich die Grenzen der Aussagekraft und der Erklärungsfähigkeit der vorliegenden Studie deutlich. Was sind die „Bremsen“, die kulturellen Muster, organisatorischen Gegebenheiten und institutionellen Strukturen, aus denen sich die partielle Undurchlässigkeit, Inflexibilität und Zögerlichkeit der deutschen Gesellschaft speist? Bei der Beantwortung dieser Frage könnten kultursoziologische Vergleiche von Zuwanderungsgesellschaften, wie z.B. der der USA und Großbritanniens, und von nationalstaatlich verfassten Gesellschaften, wie Deutschland und Frankreich, höchst aufschlussreich sein. Und nicht zuletzt wäre ein hinreichendes Maß an politischer Soziologie erforderlich, um Organisationen und Institutionen daraufhin zu untersuchen, inwiefern sie die gesellschaftliche Teilhabe begünstigen oder behindern. Und die Milieuforschung wiederum könnte dann durch Längsschnittuntersuchungen sowohl die Dynamik und den Wandel wie auch die Absorptions- und Adaptationsfähigkeit von Milieus regelmäßig und über einen längeren Zeitraum untersuchen.

In gesellschaftspolitischer Hinsicht macht die vorliegende Untersuchung in beeindruckender Intensität die hohe Identifikation, Akzeptanz und Unterstützungsbereitschaft der Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund für die deutsche Gesellschaft deutlich. So kommen rund 87 Prozent der Befragten zu dem Schluss, es sei richtig gewesen, dass sie und ihre Familien nach Deutschland gekommen sind. Letztlich hätte die Studie ihr Ziel erreicht, wenn sie dazu beitragen würde, dass die deutsche Gesellschaft die hier lebende und vor allem die (groß-)städtischen Siedlungsräume prägende Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund in ihrer Heterogenität und Vielfalt verstehen und deren Potenziale (an-)erkennen würde.

Quelle: Verbandszeitschrift des vhw Forum Wohnen und Stadtentwicklung