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Migranten-Milieu Studie

Wo liegt der „Norden“ superdiverser Stadtgesellschaften?

Prof. Dr. Thomas Kunz, Vertretungsprofessor für das Fachgebiet „Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft“ an der Fachhochschule Frankfurt am Main, kommentiert die Studie „Migranten-Milieus“ des vhw (wir berichteten).

Um es vorwegzunehmen: Es ist zu begrüßen, dass das Thema Migration auch in Milieustudien zunehmend den grundlegenden Stellenwert einnimmt, der ihm kraft seiner demografischen Bedeutung zukommt. Deutschland ist ein Einwanderungsland und die Kommunen und Städte sind seit Längerem die zentralen Orte, an denen Migration (und Integration) im wahrsten Sinnen des Wortes „stadt“finden. Dieser Bedeutung trägt die Studie (und auch ihre Vorläufer) Rechnung. Nachfolgend sollen einige Punkte herausgegriffen werden, um diese Innovation zu illustrieren.

Begrüßenswert ist zum einen die Anerkennung zunehmender Diversität, die sich in der Studie mittels der – wenn auch eher randständigen – Verwendung des Begriffes „superdivers“ vollzieht. Der Terminus Superdiversität kann als Antwort auf und Überwindung der Begrenztheiten und ethnisierenden Fixierungen des Begriffes Multikulturalität verstanden werden. Ob er diesen Anspruch tatsächlich zu erfüllen kann, muss die weitere Diskussion zeigen. Aber ein begrifflicher Anfang ist immerhin gemacht. Die Betonung des begrifflichen Unterschiedes und die umrissene Dynamik bei der Suche nach neuen, angemesseneren Kategorien, welche die integrationspolitischen Realitäten heutiger Stadtgesellschaften adäquater benennen, lässt sich auch am Beispiel der Diskussionen um neuere kommunale Integrationskonzepte belegen.

So wird beispielsweise in Frankfurt am Main – über Jahrzehnte eine, wenn nicht die bundesdeutsche Vorzeigekommune, wenn es um städtische Integrationspolitik und deren Institutionalisierung ging – derzeit ein neues Integrationskonzept erarbeitet, welches dieser Diversität Rechnung zu tragen beansprucht. Und wesentlich ist hierbei auch die kritische (Selbst-)Infragestellung des in die Jahre gekommenen Begriffes Multikulturalität1. Ebenso begrüßenswert an der vhw-Studie ist die generelle Betonung des Stellenwertes von Stadtentwicklung und der Bedeutung der sozialräumlichen Ebene für gesellschaftliche Integrationsprozesse in einer Einwanderungsgesellschaft. Mag diese Erkenntnis für Fachleute und Experten bereits seit Längerem zum Wissenskanon gehören: Es ist dennoch erfreulich, wenn dieser Sachverhalt durch die Publikation der Studie einmal mehr ins öffentliche Bewusstsein rückt.

Positiv zu erwähnen ist ferner, dass mit der Studie die in der bundesdeutschen Integrationsdiskussion häufig erkennbare Problemgruppenfixierung konterkariert wird. Mit der Feststellung, dass „Migranten der Schlüssel zur Stadtgesellschaft von morgen“ seien, wird deutlich, dass hier Innovations- und Impulspotenziale schlummern, die bislang noch gar nicht oder zu wenig wahrgenommen wurden. Ebenso spannend sind die Erkenntnisse, die sich mit Blick auf die Dynamik der Milieuentwicklung im Bevölkerungsteil der Menschen mit Migrationshintergrund abbilden lassen. Hier vermag die Studie einen interessanten Mosaikstein zur Sichtbarmachung sozialer Integrationsprozesse – und dem Beharrungsvermögen bestimmter (hier: traditioneller) Milieubereiche – beizusteuern. Gleichwohl gilt es, hierfür Ursachen zu benennen und zu diskutieren, welche Aussagen hieraus ableitbar sind. Auch auf die gezielte Vertiefung des Themas Integration entlang zentraler Bereiche (Staatsangehörigkeit, Sprachkenntnisse, Bildung) ist positiv hinzuweisen.

Kritisch zu kommentieren ist hingegen in der vorgelegten Studie grundsätzlich der Ansatz, für Menschen mit Migrationshintergrund einen eigenen, vom sog. mehrheitsgesellschaftlich orientierten Milieuansatz unterschiedenen zu verfolgen. Auch wenn die Autoren mit dem erweiterten Begriff Migrationshintergrund hantieren, so wären, gerade in Anbetracht der Konjunktur, die jener Begriff in der migrations- wie integrationspolitischen Debatte in Deutschland mittlerweile zu verzeichnen hat, doch zumindest dessen Reichweite und Schwierigkeiten skeptisch zu reflektieren2. Manch Deutscher (mit Migrationshintergrund) und manche sog. Ausländerin sind doch längst Bestandteil einer gemeinsamen Milieulandschaft. Folglich wäre u.a. zu reflektieren, warum und – wenn ja – bis wann Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und welche die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, kraft der Fremdzuschreibungskategorie Menschen mit Migrationshintergrund eigentlich ein eigenes Migrantenmilieu zugewiesen werden soll? Das Dilemma der nach Migrationshintergrund getrennten Milieuwelten führt zu Zuordnungszwängen. Wie ist diesen zu entgehen?

Bezug der Studie: Gegen eine Schutzgebühr von 15,- € für vhw-Mitglieder bzw. für 25,- € für Nichtmitglieder ist die Studie (Umfang 88 Seiten) über das Referat Öffentlichkeitsarbeit zu erhalten: Referat Öffentlichkeitsarbeit, Ruby Nähring / Ulrike Röhner, Tel. 030 39 04 73-170/121

Perspektivisch ist ein gemeinsamer Milieuraum zu entwickeln, der die Kategorie Migrationshintergrund berücksichtigen (kann), jedoch nicht als Unterscheidungskriterium fungiert, um voneinander scharf abgrenzbare Milieusettings zu bilden. Diese Kritik und den hieraus zu entwickelnden künftigen Milieuansatz sehen und benennen erfreulicherweise auch die Autoren der vhw-Studie. Hierbei halten sie auch fest, dass die jetzigen Erkenntnisse bereits nahelegen, dass die provokante Frage nach sog. parallelgesellschaftlichen Tendenzen durch die Milieustudie verneint werden kann. Diese Einschätzung ist wichtig, zumal bereits der Ansatz der Entwicklung einer parallelen Milieulandschaft diese Frage sozusagen von Hause aus nahelegte. Der in der Studie vorgestellte Ansatz, die Milieulandschaft der sog. Mehrheitsgesellschaft und der Migranten-Milieus gemeinsam abzubilden, weist – trotz der Feststellung, beide seien „nicht 1:1 vergleichbar“ – in die richtige Richtung. Ihn entsprechend differenziert zu entwickeln steht allerdings noch aus. Ein erster Schritt ist jedoch gemacht. Ziel muss es sein: Der Sinus-Milieu-Ansatz sollte endlich so superdivers werden, wie es die Stadtgesellschaften bereits sind. Dies ist die Richtung, die der vom vhw vorgelegte Milieu-Kompass vorgibt.

Quelle: Verbandszeitschrift des vhw Forum Wohnen und Stadtentwicklung

  1. vgl. Frankfurter Rundschau v. 27. August 2009, S. F6. []
  2. vgl. Hamburger, Franz (2005): „Die Verschiedenheit dominiert“ in: Treffpunkt 2/2005, S.3/4. []