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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Köln Radyosu

WDR kürzt türkische Programme von Funkhaus Europa

Pünktlich zum 45. Geburtstag der türkischsprachigen WDR-Kult-Sendung „Köln Radyosu“ soll die Sendezeit gekürzt werden. Damit aber nicht genug: Nach dem Willen des Westdeutschen Rundfunks sollen mehr als die Hälfte aller türkischsprachigen Sendungen gestrichen werden.

Zeitungen, Radio und TV aus der Heimat oder gar Internet – wie wir sie heute kennen – gab es für die ersten Gastarbeiter nicht. Nachrichten aus der Türkei waren Mangelware und deutschsprachige Medien fielen den fehlenden Sprachkenntnissen zum Opfer. Das einzige Mittel gegen die Sehnsucht nach der Heimat war „Köln Radyosu“, das erstmals am 2. November 1964 ausgestrahlt wurde.

Jeden Abend schaltete man pünktlich das Radio ein und die gesamte Familie hörte gespannt die Mixtur aus Musik und Nachrichten aus der Heimat und wehe dem, der auch nur ein Wort sagte, während „Köln Radyosu“ lief – selbst die Kleinsten hatten still zu sein.

So erreichte die Sendung viele Jahre auch bei der zweiten und dritten Generation einen besonderen Stellenwert. Unvergesslich ist die Melodie zu Beginn einer jeden Sendung. Und heute noch erinnert man sich gerne zurück, wenn um 6:05 Uhr „Köln Radyosu“ den Tag einläutet.

Nicht mehr lange, wenn es nach dem Willen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) geht. Drastische Einschnitte sind in den türkischsprachigen Hörfunksendungen von Funkhaus Europa geplant: Mehr als die Hälfte der türkischen Sendungen sollen gestrichen werden. Die Änderung sei durch den Ausstieg anderer ARD-Anstalten aus der Kooperation für muttersprachliche Sendungen nötig geworden, argumentiert der Kölner Sender.

So soll das Wochenendmagazin „Café Alaturka“ ersatzlos gestrichen und das Jugendmagazin Çılgın nur noch in deutscher Sprache ausgestrahlt werden. Ebenfalls soll die werktäglich zwischen 6:05 und 7:00 gesendete türkische Morgenmagazin „Köln Radyosu“ und der Sendeplatz am Sonntagabend (19:30-20:00 Uhr) wegfallen. Dafür sollen die abendlichen Sendungen des Köln Radyosu um 30 Minuten auf eine Stunde verlängert werden. Ein schwacher Trost zum 45jährigen Bestehen des „Köln Radyosu“. „Ein tolles Geburtstagsgeschenk für alle Kolleginnen und Kollegen und unsere Hörer“, beschwert sich ein Mitarbeiter von Funkhaus Europa, der von den Kürzungsplänen nach Medienberichten erfuhr.

Aktivierende Wirkung
Dabei bringt das “Köln Radyosu” von heute Information aus Deutschland und den Hörern den Alltag in Deutschland näher. Es hat sich bis heute für die Integration, Information und Unterhaltung der türkischsprachigen Einwanderer eingesetzt – mit großem Erfolg. Während die deutschen Sendungen eher den Durchschnitt an Höreranrufen erzielen, zeigte „Köln Radyosu“ oftmals mit Hunderten von Anrufern, wie gut es bei den Hörern ankommt und zugleich auch seine aktivierende Wirkung.

Nun wird befürchtet, dass durch die erhebliche Reduzierung der Sendezeit bei den türkischen Hörern das Gefühl verstärkt wird, nicht ernst genommen zu werden oder gar in Deutschland wieder einmal benachteiligt zu werden. „Während in letzter Zeit die leidige Integrationsdebatte verstärkt auf dem Rücken der türkischstämmigen Menschen ausgetragen wird, hat Köln Radyosu seine verbindende Wirkung noch stärker in den Vordergrund gestellt. Eine Kürzung der Sendezeit wird gerade jetzt bei vielen Hörern den Eindruck verstärken, dass auch der WDR mit „den Türken“ nicht anders umgeht, als sie es in der politischen Debatte erleben“, heißt es in einem Hörerbrief.

Dabei leben in Nordrhein-Westfalen etwa eine Million türkischstämmige Migranten – jeder 18. Bürger von NRW spricht türkisch: „Das sind sehr viele GEZ-Zahler!“ so eine Hörerin.

Derweil haben „Köln Radyosu“-Fans eine Unterschriftenaktion gestartet mit der sie gegen die Kürzungspläne der türkischsprachigen Sendungen protestieren. „Schnelles handeln ist jetzt gefragt“, so die Initiatoren „denn schon diese Woche wird die Entscheidung des WDR’s fallen.“

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9 Kommentare
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  1. Markus Hill sagt:

    Zitat:
    „So erreichte die Sendung viele Jahre auch bei der zweiten und dritten Generation einen besonderen Stellenwert. Unvergesslich ist die Melodie zu Beginn einer jeden Sendung. Und heute noch erinnert man sich gerne zurück, wenn um 6:05 Uhr „Köln Radyosu“ den Tag einläutet.“
    Den Leuten seien ja solche Radiosender gegönnt. Wenn nicht durch allgemeine Steuergelder finanziert, kann man ja in Eigeninitiative eine Finanzierungsform dafür finden. Vielleicht können die türkischen Verbände da einmal aktiv werden.
    ABER: In der zweiten oder dritten Generation wären langsam einmal profunde Deutschkenntnisse von Vorteil, da wohl in dieser sehr langen, generationenübergreifenden Zeit langsam eine Entscheidung über den Lebensmittelpunkt gefallen sein sollte. Erwirbt man die Sprachkenntnisse nicht, dann erfolgt auch unangenehmes Feedback seitens der Mehrheitsgesellschaft, da man ohne gute Sprachkenntnisse schlechte Zukunftsaussichten in Deutschland hat. Der jammernde Unterton, das Sich-Beleidigt-fühlen und diese „Die-anderen-sind-ja-so-böse-Haltung“ bestimmt wieder die Tonalität des Artikels. Sehr bedauernswert – der Gedanke, dass man selber zum schlechten Ruf einer Bevolkerungsgruppe durch eigenes Verhalten (bestimmte Gruppen in der türkischen Community) beigetragen, wird wohl wieder, wie so oft, weit von sich gewiesen. Ob so eine Haltung langfristig zur Verbesserung des Rufes der Türken in Deutschland führt – ich wage es zu bezweifeln.
    Im Gegenteil, vermisse ich bei dem Artikel: Es ist doch eigentlich eher traurig, dass Leute in der zweiten- oder dritten Generation die Landessprache noch immer nicht richtig beherrschen. Daran müsste man ansetzen, ggfs. vielleicht auch mit einem gemischtsprachigen Türkeisender, der auch Element von Sprachschulung enthält. Das würde eine konstruktive Richtung andeuten, so dass man langsam von dem trennenden Faktor „Sprachunkenntnis“ (Bringschuld bei Immigration) langsam einmal wegkommen würde. Weniger Sentmentalität, mehr Sprachdidaktik!:-)

  2. Meister Hill,
    was würden wohl gerade Sie sagen, wenn ein türkischer Verband (womöglich mit türkischer staatlicher Unterstützung) einen privaten Radiosender betriebe?

  3. Murat sagt:

    Multikulti hat ausgedient

    Wo immer man etwas über den Beginn der sogenannten Gastarbeiterprogramme im Hörfunk der ARD der frühen sechziger Jahre liest, stolpert man über eine Sprache des herablassenden Wohlwollens. Pädagogen und Sozialpolitiker loben die ARD dafür, daß sie Arbeitsmigranten aus Südeuropa spezielle Hörfunkprogramme in deren Muttersprachen anbietet. Der Süddeutsche Rundfunk machte mit einem italienischsprachigen Angebot am 21. Oktober 1961 den Anfang. Am 21. Mai 1964 koordinierte die ARD bislang vereinzelte Initiativen verschiedener Sendeanstalten zu einem einheitlichen Programm. An diesem Tag wurde auch das erste türkischsprachige Radioprogramm vom WDR in Köln unter dem Namen „Köln Radyosu“ ausgestrahlt.

    http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E08C5E226F6C5412C9564D1EE9AEC5EDE~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    FAZ

  4. Markus Hill sagt:

    Verstehe Ihre Frage nicht. Entweder privat Gelder einsammeln ODER die Türkei spendiert Geld für einen Sender, der sich stark einsetzt für die Vermittlung von DEUTSCHKENNTNISSEN. Es geht um die Ausrichtung der Inhalte, wenn es Brücken nach Deutschland bildet, kann man über solche Konzepte sprechen. Keiner kann den Empfang von so etwas verbieten, so weit ich weiss.

  5. NDM sagt:

    Die Sache mit dem Geldsammeln übernimmt doch schon die GEZ. Das sind öffentlich-rechtliche Sender. Und es ist ja nicht so, dass die Zielgruppe plötzlich verschwunden ist.

  6. Markus Hill sagt:

    Da haben Sie Recht, dass ist durchaus ein Aspekt. Mein Punkt ging aber in die Richtung, dass man darüber diskutieren kann, ob mit allgemeinen Gebührenzahlergeldern unbedingt Dinge finanziert werden müssen, die ständig Mauern in einer Gesellschaft aufbauen. Ein Gedanke war, dass man durchaus einen Türkeifokus haben kann, der neben dem reinen Sentimentalitätsaspekts zusätzlich noch einen integrativen Anspruch hat. Ich würde sogar Unterscheidungen trefffen – bei manchen Einwanderergruppen klappt es sogar ohne Deutschkomponente, da erfolgreich integriert. Bei anderen verschlimmert und zementiert man die desaströsen Tendenzen im Integrationsprozess bzw. man belohnt noch indirekt Lernunwilligkeit und Trägheit (die bekannten Problemgruppen in der türkischen Community, da wäre es durchaus angebracht, Ungleiches auch ungleich zu behandeln – Sprachschulungselement hätten eine positive Funktion).

  7. NDM sagt:

    Die Zielgruppe besteht hauptsächlich aus dem ehemaligen Gastarbeiterbereich, für die diese Programme die ersten heimatsprachlichen Programme waren, die sie in Deutschland gehört haben. Im Gegensatz zum Satellitenfernsehen haben diese Programme auch einen ganz regionalen Charakter, binden die Menschen also an die Region, und das nicht zu knapp, denn es sind die Deutschen(wenn auch nicht deutschsprachigen) Programme, die ihren Zuhörern bei regionalen Angelegenheiten sowohl Stimme, als auch Gehör gibt.

    Integration, Sprachförderung usw. ist ja alles schön und gut – aber du wirst NIE ehemaligen Gastarbeitern der älteren Semester, die heute ihre Rente beziehen, derlei Sachen abverlangen können.

    Rüttgers(CDU) sagte schon bei der Eröffnung der Moschee in Duisburg-Marxloh bezüglich Integration, Deutschkenntnissen, usw. (sinngemäß): „Bei den heutigen älteren Generationen haben wir alle zusammen, wir und Sie, leider Fehler gemacht.(Gemeint war die Nicht-Integration) Bei den Jungen Menschen wollen wir es besser machen. Sie sollen einen gleichberechtigten Platz in unserer Gesellschaft haben.“ Dann kam er mit Deutschkenntnissen, Bildung, Gegenseitige Kulturelle Akzeptanz, und so weiter, und bekam Zustimmung auch von den älteren anwesenden. Aber diesen älteren Anwesenden würde ich niemals etwas wegnehmen, was sie seit Dekaden haben, wenn es vermeidbar ist. Und dazu gehört eben dieses Frühstücksprogramm im Radio. Jugendlichen hingegen kann man mehr abverlangen, und das sollte man auch. Die verstehen auch Türkisch, ohne ihre Deutschkenntnisse zu vergessen. Massive Probleme bekommen Heranwachsende erst dann, wenn die Mehrheit der Zeit auf türkisch kommuniziert wird.

    Radioprogramme würde ich also nicht mit dem Integrations- oder Sprachförderungsargument abschalten. Die Zielgruppe, deren Deutschkenntnisse rudimentär sind und bleiben, ist noch da. Wirklich belastbare Begründungen wären angebracht.

  8. Mehmet sagt:

    Wenn man nun das Angebot aus dem Programm nimmt, bestraft man da nicht eher die Integrierten mit?



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