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Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Datenlage und Forschungsstand

Gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund

Die gesundheitlichen Risiken der sog. Gastarbeiter/-innen, die bisher in der Gesundheitsversorgung nur „irgendwie“ mitversorgt wurden, fanden erst in Verbindung mit ihrer Niederlassung in der Bundesrepublik Deutschland öffentliche Beachtung.

1. Entwicklungen zu mehr Aufmerksamkeit für Migration und Gesundheit
Beim Rückblick auf die Migrationsgeschichte der vergangenen 50 Jahre spiegeln sich nicht nur die Heterogenität und der Wandel der Begriffe für die zunehmende zugewanderte Bevölkerung wieder sondern auch Veränderungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und in den politischen Konzepten. Auch in der Gesundheitsforschung und -Versorgung zeichnet sich eine kontinuierliche Reaktion auf diese Entwicklungen ab. So fanden gesundheitliche Risiken der sog. Gastarbeiter/-innen, die bisher in der Gesundheitsversorgung nur „irgendwie“ mitversorgt wurden, erst in Verbindung mit ihrer Niederlassung in der Bundesrepublik Deutschland öffentliche Beachtung.

Die in den 1970er Jahren einsetzende Zuwanderung im Rahmen von Familienangehörigen konfrontierte das Gesundheitswesen mit neuen Herausforderungen und vereinzelte Studien konzentrierten sich dann in den 1980er Jahren auf ausländische Kinder im Krankenhaus und ausländische Frauen in der Geburtshilfe. Zentrale Probleme wurden bei der sprachlichen und soziokulturellen Kommunikation aufgezeigt, und Studien aus der Geburtshilfe zeigten, dass Ausländerinnen von Informationen und präventiven Maßnahmen der Gesundheitsversorgung häufig  ausgeschlossen blieben, die Schwangerschaftsvorsorge seltener wahrnahmen, eine schlechtere Schwangerschaftsüberwachung hatten und die von ihnen geborenen Kinder eine höhere perinatale Mortalität und Frühgeburtenrate aufwiesen (Collatz et al 1985).

In den 1990er Jahren war die Zuwanderung v.a. durch politische Flüchtlinge aus verschiedenen Herkunftsländern und deutschstämmige Aussiedler/-innen aus Osteuropa und deren Familienangehörige geprägt. Publikationen aus dieser Zeit befassten sich vorwiegend mit psychosozialen Belastungen der Migration, Traumatisierung durch Flucht, Folter und Vertreibung, transkulturellen Aspekten der Psychiatrie, sowie der Versorgung der inzwischen älter gewordenen sogenannten ersten Migrantengeneration. Der  Gesundheitssituation von Aussiedler/-innen, die in der Gesundheitsversorgung offenbar weniger auffielen, wurde kaum Aufmerksamkeit geschenkt.

Vor allem im Zuge der Angleichung an europäische Gesetze wurde 2000 der Erwerb der Staatsangehörigkeit erleichtert und mit dem Zuwanderungsgesetzes 2005 die Tatsache festgeschrieben, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Wenige größere migrationssensible Datenerhebungen und Studien (z.B. Sozioökonomisches Panel, PISAund KIGGS-Studie) vor allem aber der Mikrozensus 2005 des Statistischen Bundesamtes, offenbarten Fakten zur Realität der Einwanderungsgesellschaft Deutschland. Anders als in bisherigen statistischen Daten, die Migration nur auf der Grundlage der Staatsangehörigkeit erheben, verwendet der Mikrozensus seit 2005 den Indikator „Migrationshintergrund“ auf der Basis eines Geburtsortes und des Geburtsortes der Eltern im Ausland und zählte, dass heute 15,3 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben. Die Veröffentlichung dieser Daten bewirkte eine verstärkte öffentliche Wahrnehmung der Bedeutung der Immigration für die demographische Entwicklung und initiierte neue Integrationsdebatten und Programme zur Verbesserung der Bildungs- und Erwerbssituation der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Während Migration bisher eher aus einer Defizitperspektive diskutiert wurde, drückt sich in neueren Veröffentlichungen wie z.B. in der 2009 veröffentlichten Studie „Ungenutzte Potenziale“ des Berlin-Instituts für Bevölkerungsentwicklung ein Umdenken auf bisher vernachlässigte Ressourcen aus.

Prof. Dr. Theda Borde, MPH
Seit 2004 Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Studierte Politologie und Gesundheitswissenschaften und promovierte in Public Health in Berlin. Langjährige Praxis in Internationalem Bildungs- und Beratungszentrums für Migrantinnen in Berlin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Charité Universitätsmedizin Berlin in verschiedenen Forschungsprojekten. Von 2002-2005 Vorsitzende des ‚Committee of Experts on Health Services in a Multi-cultural Society’ des Europäischen Gesundheitsausschusses des Europarats in Strasbourg. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Migration und Gesundheit, Versorgungsforschung, Gesundheitsförderung, Diversity im Gesundheits- und Sozialwesen, Sozialmedizin, Transnationale Soziale Arbeit, Migration, Gesundheit und Soziale Arbeit.

In Deutschland und auf europäischer Ebene werden auch Fragen der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund verstärkt aufgegriffen. Inzwischen ist allgemein anerkannt, dass die soziale, ethnische und kulturelle Vielfalt in allen europäischen Ländern zunimmt und dass Europa aus demographischen und ökonomischen Gründen auf Zuwanderung angewiesen ist. Da Studien aus verschiedenen europäischen Ländern bei Migranten/-innen und ethnischen Minderheiten im Vergleich zu einheimischen Bevölkerung höhere Gesundheitsrisiken belegen (vgl. Carballo u. Mboup 2005) ist die Verbesserung der Gesundheitschancen von Immigranten/-innen nicht nur aus menschenrechtlicher Sicht sondern auch aus der Perspektive des gesellschaftlichen Zusammenhalts und im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit geboten. Einen Meilenstein stellt vor diesem Hintergrund die „Recommendation(2006) 18 Health services in a multicultural society“ des Europarates dar, in der Problemlagen und Potenziale der Gesundheitsversorgung ethnischer Minderheiten aufgeführt und Empfehlungen an die Regierungen der Mitgliedstaaten formuliert werden. 2007 fand unter der EU Ratspräsidentschaft Portugals die Konferenz „Health and Migration in the EU“ in Lissabon statt, bei der neben der gesundheitlichen Lage auch Aspekte des Zugangs, der Inanspruchnahme und der Qualität der Gesundheitsversorgung für Menschen mit Migrationshintergrund auf höchster politischer Ebene diskutiert wurden. Weitere Entwicklungen auf europäischer Ebene sind z.B. im Bericht „Quality in and equality of access to health care services“ erkennbar, der 2008 von der Europäischen Kommission herausgegeben wurde.

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