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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Migranten-Milieu Studie

Die Richtung stimmt – aber der Weg führt noch weiter

Der individualisierte Blick auf eine innere Vielfalt scheint das Privileg der Mehrheitsgesellschaft zu sein, während die Einwanderungsgesellschaft als eine Komposition ethnischer Kollektive gilt, die sich scheinbar ganz ohne interne Diversitäten und Individualitäten, ohne grenzüberschreitende kulturelle Dynamiken arrangiert.

VONDr. Regina Römhild

Dr. Regina Römhild ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität, München

DATUM6. November 2009

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Transnationalisierung und Kosmopolitisierung: Der Beitrag der Migration zur Modernisierung der Gesellschaft
Die transnationale Migrationsforschung zeigt: Einwanderung ist längst keine „Einbahnstraße“ mehr (wenn es sie je war), auf der Menschen sich von einem gesellschaftlichen „Container“ in den anderen bewegen und, dort angekommen, alle Brücken hinter sich abbrechen. Stattdessen halten Migranten vielfältige Beziehungen über die Grenzen hinweg aufrecht: Sie kommunizieren mit der Familie und mit Freunden im Herkunftsland, sie verfolgen Nachrichten und nehmen auch aus der Distanz der Migration an neuen kulturellen, politischen Entwicklungen in anderen Regionen Europas und der Welt teil, sie kehren für kürzere oder längere Zeiten zurück, sie bauen ökonomische und soziale Kontakte auf, die sie auch aus der Ferne mit Menschen und Märkten jenseits der nationalen Grenzen verbinden. Ökonomische, soziale und kulturelle Transnationalisierung ist längst keine exklusive Angelegenheit der mulitnationalen Wirtschaftsunternehmen mehr, sondern auch ein „von unten“ im Alltag der Einwanderungsgesellschaft vorangetriebenes Projekt.

Das trifft in besonderer Weise auch auf jüngere Migranten und auf hier geborene Jugendliche zu, die selbst keine Migrationserfahrung haben und sich dennoch ihre eigenen transnationalen kulturellen und sozialen Räume entwerfen: Dabei schaffen sie sich neue Bezugspunkte, die über die konkreten Herkünfte der Eltern weit hinausreichen – in die weltstädtischen Metropolen im Süden und Osten Europas, in die weit verzweigten Landschaften religiöser Diasporas, in die globale Welt jugend- und popkultureller Szenen. Das „global heimat“-Projekt (Römhild u.a.) zeigte am Beispiel Frankfurts, dass so auf deutschem Boden etwa neue „türkische“ Kulturen entstehen, die sich jedoch nicht auf eine ländliche Herkunft der Eltern beziehen, sondern ein kosmopolitisches Istanbul mit der Partyszene in Bodrum, dem Rap der europäischen Vorstädte und dem schwarzen Soul der USA verbinden. Solche Entwicklungen tragen ganz wesentlich dazu bei, dass aus Einwanderungsmetropolen wie Frankfurt, Berlin oder München zunehmend kulturelle Weltstädte werden, die nicht nur durch eine globalisierte Ökonomie, sondern vor allem durch die kulturellen Erfindungen der Migration mit der Welt jenseits der nationalen Grenzen eng verknüpft sind. Das gilt auch für religiöse oder politische Netzwerke: Die Forschung zur Rolle des Islam in der Migration zeigt, dass es sich hier eben nicht (nur) um einen Import aus dem Ausland handelt, sondern oft um neue Entwicklungen und Ausrichtungen, die gerade Migranten in der Diaspora vor dem Hintergrund ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Leben in der „Aufnahmegesellschaft“ entwerfen.

Solche transnationalen Orientierungen, Beziehungen und Existenzweisen widersprechen jedoch dem klassischen Integrationsbegriff, der darin einen Mangel an Loyalität und Identifikation mit einer neuen nationalen Heimat sieht und Migranten stattdessen auf ein angepasstes Leben vor Ort verpflichten will. Die transnationalen Welten der Migration kommen so entweder gar nicht in den Blick – oder aber sie gelten schnell als bedrohliche „Parallelgesellschaften“. In dieser Abwehrhaltung zeigt sich jedoch ein fataler Irrtum: Es kann in der Auseinandersetzung mit Migration heute weniger denn je darum gehen, eine scheinbar homogene „deutsche“ Nati-onalgesellschaft gegen den Einfluss von Mobilität und Transnationalität zu verteidigen. Vielmehr wäre zu erkennen, dass das Modell der „Nation“, wie es auch den gängigen Integrationsvorstellungen noch immer zugrunde liegt, der transnationalen Realität der spätmodernen Einwanderungsgesellschaft längst nicht mehr angemessen ist. Unter diesen Bedingungen kehrt sich das Verhältnis von „Tradition“ und „Moderne“ um: Während das Ideal der Sesshaftigkeit zunehmend zum Traditionsbestand einer nationalen Moderne wird, praktizie-ren Migranten längst ein hypermodernes, mobiles Leben in mehreren Heimaten, das die Zukunft postnationaler Formen der Bürgerschaft vorwegnimmt. Und so müsste die Frage der „Integration“ auch an die noch immer am Ideal der Nation festhaltende Mehrheitsgesellschaft gestellt werden: Wie gut ist sie gerüstet für eine Beheimatung in der Realität einer zunehmend transnationalen Welt?

Bezug der Studie: Gegen eine Schutzgebühr von 15,- € für vhw-Mitglieder bzw. für 25,- € für Nichtmitglieder ist die Studie (Umfang 88 Seiten) über das Referat Öffentlichkeitsarbeit zu erhalten: Referat Öffentlichkeitsarbeit, Ruby Nähring / Ulrike Röhner, Tel. 030 39 04 73-170/121

Vor diesem Hintergrund ist nicht nur von transethnischen, d.h. viele Herkünfte übergreifende, sondern auch von transnationalen, d.h. vielfältige Weltbeziehungen umfassende Milieus in der Einwanderungsgesellschaft auszugehen – eine Dimension, die die vorliegende Studie noch ausklammert. Tatsächlich aber ist vermutlich keines der beschriebenen Milieus in der Weise lokal begrenzt, wie es hier den Anschein hat. Stattdessen werden gerade Lebensstile und Alltagskulturen zunehmend von solchen Weltbeziehungen mitgeprägt, die dadurch – durch die Präsenz der Migration – Eingang in lokale Lebenswelten finden. Im sozialen Raum der Milieus kommen nicht nur die „sesshaften“ Deutschen, sondern auch Migranten verschiedener Herkünfte mit diesen unterschiedlichen Weltbeziehungen in Kontakt – eine Dimension „interkultureller Kommunikation“, die bislang noch kaum ins Blickfeld von Forschung und Politik geraten ist. An diesen Kreuzungen der transnationalen Beziehungen im lokalen Nahraum entstehen jedoch gerade jene kulturellen Innovationen, die eine Stadt zur Weltstadt machen. Und an diesen Kreuzungen entscheidet sich, ob die Kosmopolitisierung lokaler Lebenswelten in neue Formen eines kosmopolitischen, d.h. nationale Grenzen und globale Ungleichheiten überschreitenden, bürgerschaftlichen Engagements übersetzt werden kann – oder ob sich hier (vorerst) neue Konfliktlinien auftun, mit denen sich Einwanderungsgesellschaften heute im Dienste einer gemeinsamen Zukunft auseinandersetzen müssen.

Quelle: Verbandszeitschrift des vhw Forum Wohnen und Stadtentwicklung

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Ein Kommentar
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  1. Markus Hill sagt:

    Zitat:
    „Während das Ideal der Sesshaftigkeit zunehmend zum Traditionsbestand einer nationalen Moderne wird, praktizie-ren Migranten längst ein hypermodernes, mobiles Leben in mehreren Heimaten, das die Zukunft postnationaler Formen der Bürgerschaft vorwegnimmt.“
    In dem Text der Dame von oben sind durchaus interessante Gedanken zur Betrachtung von Nation, Nationalitäten, Migration etc. zu finden. Auch die Milieu-Betrachtung (z. B. grössere Gemeinsamkeiten von türkischen Akademikern mit deutschen Akademikern im Unterschied zu bildungsfernen Türken in Berlin-Neukölln) erscheint mir interessant und aufschlussreich. Die Frage ist, ob die Hauptrichtung des ganzen Artikels irgendwie falsch liegt: Als Beispiel – von welchen „5,7 %“ der türkischen Migranten spricht sie in Ihrem Artikel? Sind diese soziologisch gesehen in irgendeiner Weise repräsentativ für die Alltagsrealität mit Migranten aus Köln-Mülheim, Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln?
    Die Gedanken von ihr bleiben bei soviel Realitätsferne wohl nur Trockenübungen für Migrationstheorie. Das ist insofern schade, da die Untersuchungsmethodik – Definition über Milieus (Vielleicht als Ergänzung zur traditionellen Nationalitätsbetrachtung) – bestimmt konstruktiven Input für die Migrationspolitik geben könnte. Obwohl die Dame einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, scheint da doch sehr stark der Wunsch Vater des Gedanken sein. Aus wissenschaftlicher Sicht erscheinen im dem Text einfach zuviele normativen, wertenden Aussagen. Natürlich gibt es keinerlei Zwang oder wissenschaftliche Begründung, dass man zu den selben Schlüssen kommen muss wie sie. Soziologie hat wahrscheinlich oft nicht zu Unrecht den Kritikern Anlass dazu gegeben, Gesellschaftswissenschaften eine gewisse „Scheinwissenschaftlichkeit“ zuzuschreiben. Da wäre es schöner gewesen, Sie hätte sich auf die reine Beschreibung von Zuständen beschränkt, dass würde die Aussagen seriöser erscheinen.:-)



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