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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Migranten-Milieu Studie

Die Richtung stimmt – aber der Weg führt noch weiter

Der individualisierte Blick auf eine innere Vielfalt scheint das Privileg der Mehrheitsgesellschaft zu sein, während die Einwanderungsgesellschaft als eine Komposition ethnischer Kollektive gilt, die sich scheinbar ganz ohne interne Diversitäten und Individualitäten, ohne grenzüberschreitende kulturelle Dynamiken arrangiert.

VONDr. Regina Römhild

Dr. Regina Römhild ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität, München

DATUM6. November 2009

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Gemeinsamkeiten und Differenzen neu ausloten
Das Neue an der vorliegenden Studie ist nun, dass sie erstmals gezielt den bislang üblichen nationalen Rahmen der Mehrheitsgesellschaft überschreitet und die reale Mischung von Herkünften und Nationalitäten zugrunde legt – wobei sie allerdings wiederum nur einen Teil dieser gemischten Gesellschaft betrachtet: diesmal jedoch die sonst ausgeblendeten (Teil-)Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist zunächst legitim, um nachzuweisen, dass dieser Teil der Gesellschaft ebenso vielfältig differenziert ist wie die sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Aber zukünftig – und die Studie weist selbst schon darauf hin – muss diese Unterscheidung überwunden werden. Denn viel interessanter als eine getrennte Betrachtung von „Migranten“- und „Deutschen“-Milieus ist die Frage nach neuen Gemeinsamkeiten, aber auch weiteren Differenzierungen in und zwischen diesen großen „Lagern“ der klassischen Integrationspolitik.

So zeigen neuere (auch meine eigenen) Forschungen, dass insbesondere in der jungen Generation immer neue Mischungen von Szenen und Netzwerken entstehen, die sich quer zu allen – einschließlich den „deutschen“ – Herkünften an sub- und jugendkulturellen Stilen orientieren. Aber auch generell ist die Kontakthäufigkeit und -intensität zwischen „einheimischen Deutschen“ und „Migranten“ – wie immer wieder in einschlägigen Forschungen festgestellt – so groß, dass nicht von „Parallelgesellschaften“, sondern im Gegenteil von übergreifenden Milieus auszugehen ist. Dazu fehlen jedoch bislang systematische qualitative, ethnografische Studien, die nicht nur die Existenz solcher Milieus untersuchen, sondern auch die darin entstehenden sozialen und kulturellen Vernetzungen, d.h. die über eine reine Ähnlichkeit der Lebensstile hinausgehenden Formen einer gemeinsamen sozialen und kulturellen Alltagspraxis (wozu der Milieu-Ansatz alleine nur wenig aussagen kann).

Die Frage nach der tatsächlichen Vernetzung in und über Milieus hinweg macht einen entscheidenden Unterschied. Denn hier könnte sich durchaus zeigen, dass trotz ähnlicher Orientierungen und Lebensstile (vorerst) keine gemeinsame Alltagspraxis entsteht. So etwa in einem konservativen, religiös orientierten Milieu, das prinzipiell verschiedene Konfessionen umfasst, ohne dass sich die Akteure dieser Ähnlichkeit bisher bewusst sind, im Gegenteil: Hier stehen religiöse und vor allem auch ethnisch interpretierte Abgrenzungen (zwischen Christen und Muslimen, zwischen „Deutschen“ und „Türken“) einer Entdeckung der Gemeinsamkeiten entgegen. Ganz ähnlich könnte es sich auch in den aufstiegs- und bildungsorientierten Milieus verhalten: Denn hier treffen die etablierten mehrheitsgesellschaftlichen Vertreter dieser Milieus zunehmend auf „Neuzugänge“ aus der Einwanderungsgesellschaft, ohne dass dies die traditionell ethnisierten Grenzen zwischen diesen Akteuren automatisch aufheben würde. In Frankfurt, wo wir auf diese Frage im Rahmen einer Studie zur Diversität und Transnationalität der Stadtgesellschaft (gemeinsam mit Steve Vertovec und einem Team von Kulturanthropologen) stießen, zeigt sich, dass traditionell „deutsche“ Nachbarschaften und Neubauviertel zunehmend, wie die Stadt insgesamt, auch von Migranten und ihren Nachfahren bewohnt und angeeignet werden – ganz entgegen der Vorstellung einer räumlichen Konzentration von „Ausländern“ in „sozialen Brennpunkten“. Hier ist Konfliktpotenzial absehbar, aber nicht auf der Seite „integrationsunwilliger“ Migranten, sondern auf der Seite der etablierten „Mehrheit“, die eine transethnische Erweiterung „ihres“ Milieus oft erst noch zu vergegenwärtigen hat.

Und schließlich werden Milieus auch von faktischen sozialen Ungleichheiten durchkreuzt, die auf grenzpolitisch bedingte Statusunterschiede zurückzuführen sind. Gut qualifizierte, aufstiegs- und bildungsorientierte Migranten können ihre Zugehörigkeit zu dem entsprechenden Milieu oft gar nicht geltend machen – wenn ihre Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird und wenn sie ihre Existenz in der großen Grauzone zwischen dauerhaftem und geduldetem bis „illegalem“ Aufenthaltsstatus organisieren müssen. In dem Frankfurter Projekt konnten wir zeigen, dass diese Dimension einer neuen „Super-Diversität“ von Aufenthaltstiteln und daran geknüpften sozialen Lagen im Zuge der nationalen und besonders der neuen EU-europäischen Grenzpolitiken eine zunehmende Vielfalt nichtwestlicher, nicht-„europäischer“ Einwanderungsgruppen betrifft, was eklatante soziale Ungleichheiten innerhalb der Nationalitäten und sogar innerhalb einzelner Familien schafft.

Rechtsanwältinnen aus der Ukraine, die in Deutschland als Putzfrau oder Pflegekraft arbeiten, ghanaische Lehrer, die als Zeitungsverkäufer, in den Küchen der Gastronomie oder auf Baustellen beschäftigt sind, brasilianische Naturwissenschaftlerinnen, die keinen adäquaten Job finden und deshalb auf die Rolle der Hausfrau und auf das Gehalt ihres (deutschen) Ehemannes zurückgeworfen werden, sind typische Beispiele dieser bislang zu wenig beachteten transnationalen Ungleichheiten in der Migration. Der Milieuansatz ist hier gerade deshalb wichtig, weil er die Widersprüche zwischen einer lebensweltlichen sozialen und kulturellen Zugehörigkeit und den Grenzen gesellschaftlicher Partizipation – aufgrund ethnisierter Hierarchien – aufzeigen kann. „Integration“ muss deshalb – wie wir dies im Frankfurter Projekt vorgeschlagen haben – neu verstanden werden als eine zu unterstützende soziale Annäherung und Vernetzung aller Bürger innerhalb und zwischen Milieus.

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Ein Kommentar
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  1. Markus Hill sagt:

    Zitat:
    „Während das Ideal der Sesshaftigkeit zunehmend zum Traditionsbestand einer nationalen Moderne wird, praktizie-ren Migranten längst ein hypermodernes, mobiles Leben in mehreren Heimaten, das die Zukunft postnationaler Formen der Bürgerschaft vorwegnimmt.“
    In dem Text der Dame von oben sind durchaus interessante Gedanken zur Betrachtung von Nation, Nationalitäten, Migration etc. zu finden. Auch die Milieu-Betrachtung (z. B. grössere Gemeinsamkeiten von türkischen Akademikern mit deutschen Akademikern im Unterschied zu bildungsfernen Türken in Berlin-Neukölln) erscheint mir interessant und aufschlussreich. Die Frage ist, ob die Hauptrichtung des ganzen Artikels irgendwie falsch liegt: Als Beispiel – von welchen „5,7 %“ der türkischen Migranten spricht sie in Ihrem Artikel? Sind diese soziologisch gesehen in irgendeiner Weise repräsentativ für die Alltagsrealität mit Migranten aus Köln-Mülheim, Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln?
    Die Gedanken von ihr bleiben bei soviel Realitätsferne wohl nur Trockenübungen für Migrationstheorie. Das ist insofern schade, da die Untersuchungsmethodik – Definition über Milieus (Vielleicht als Ergänzung zur traditionellen Nationalitätsbetrachtung) – bestimmt konstruktiven Input für die Migrationspolitik geben könnte. Obwohl die Dame einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, scheint da doch sehr stark der Wunsch Vater des Gedanken sein. Aus wissenschaftlicher Sicht erscheinen im dem Text einfach zuviele normativen, wertenden Aussagen. Natürlich gibt es keinerlei Zwang oder wissenschaftliche Begründung, dass man zu den selben Schlüssen kommen muss wie sie. Soziologie hat wahrscheinlich oft nicht zu Unrecht den Kritikern Anlass dazu gegeben, Gesellschaftswissenschaften eine gewisse „Scheinwissenschaftlichkeit“ zuzuschreiben. Da wäre es schöner gewesen, Sie hätte sich auf die reine Beschreibung von Zuständen beschränkt, dass würde die Aussagen seriöser erscheinen.:-)



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