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Mordprozess

Marwa-Mörder verantwortet sich unter hohen Sicherheitsvorkehrungen

Im Juli hatte der tragische Tod Marwa El-Sherbinis, die in einem Gerichtssaal von einem 28-jährigen aus islamfeindlichen Motiven erstochen wurde, ganz Deutschland erschüttert. Heute beginnt der Prozess unter hohen Sicherheitsvorkehrungen.

Im Dresdner Landgericht beginnt heute der Prozess um den Mord an der schwangeren Muslimin Marwa El-Sherbini, die am 1. Juli in einem Gerichtssaal erstochen wurde. Der Täter ist wegen Mordes an der schwangeren 31-Jährigen und versuchten Mordes an ihrem 32-jährigen Ehemann angeklagt. Für den Prozess, der unter strengen Sicherheitsauflagen stattfindet, sind bislang elf Verhandlungstage bis zum 11. November vorgesehen.

Marwa El-Sherbini war Anfang Juli als Zeugin im Prozess gegen den 28-jährigen Alex W. eingeladen. Es ging um eine Beleidigung. Alex W. hatte die Kopftuch tragende Frau im Sommer 2008 auf einem Spielplatz als „Islamistin“, „Terroristin“ und „Schlampe“ beschimpft. Während der Verhandlung zog der Angeklagte ein Küchenmesser und stürmte auf die Zeugin los. Marwa erlag ihren schweren Verletzungen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mörder einen „ausgeprägten Hass auf Nichteuropäer und Moslems“ als Motiv für seine Tat vor. Ein Gutachter erklärte Alex W. inzwischen für voll schuldfähig.

Für den Prozess gelten strenge Sicherheitsauflagen. Im Schwurgerichtssaal wurde unter anderem eine mobile Wand aus fünf Zentimeter dicken Panzerglas eingebaut, der Zuschauer und Prozessbeteiligte trennt. Etwa 200 Polizisten sollen das Gerichtsgebäude absichern.

Der islamfeindliche Mord hat die islamische Welt und die Muslime in Deutschland sehr bewegt und zahlreiche Proteste und Großdemonstrationen ausgelöst. Das Institut für Medienverantwortung ruft deshalb die deutschen Medien dazu auf, zum Mordprozess umfassend und kritisch zu berichten. Es gehe auch um den Ruf Deutschlands, seiner Justiz und seiner Polizeibeamten. „Gerade im Ausland wird man kritisch beobachten, ob die deutschen Behörden und Medien selbstkritisch mit dem tragischen Ereignis umgehen“, erklärte die Institutsleiterin, Dr. Sabine Schiffer.

Schiffer bemängelte zudem die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen im Gerichtssaal, obwohl der Täter in seiner ersten Vernehmung gedroht habe, „Waffen oder Sprengstoff“ mitzubringen, wenn er welche gehabt hätte. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge habe der Ehemann von Marwa El-Sherbini aus diesem Grunde Strafanzeige gegen den Gerichtspräsidenten und den Vorsitzenden Richter des Verfahrens eingereicht. „Wir versuchen gegen den Polizisten und gegen das Gericht selbst ein Verfahren anzustrengen“, sagte auch der Bruder des Opfers Tarek El-Sherbini, der Badischen Zeitung mit Hinweis auf den Polizeibeamten, der während der Messerattacke in den Gerichtssaal stürmte und statt auf den Angreifer auf Marwas Ehemann schoss, der versucht hatte, seine Frau zu schützen. „Schließlich ist Marwa nicht in einem Supermarkt, sondern in einem Gericht ermordet worden“, sagt er. Also liege ein Teil der Verantwortung bei der Justiz.

Täter Schuldunfähig?
Bereits eine Woche vor Beginn des Strafprozesses wurde bekannt, dass der Mörder in Russland wegen einer psychischen Erkrankung vom Wehrdienst befreit wurde. Dies führte zu Spekulationen hinsichtlich seiner Schuldfähigkeit.

Aus dem Wehrpass des Beschuldigten gehe hervor, dass dieser wegen „ausgeprägter, langwieriger psychotischer Zustände“ wie Schizophrenie, chronische Wahnzustände und affektive Psychosen 1999 von der Musterungskommission im russischen Perm ausgemustert wurde, berichtete der „Focus“.

Ein Rechtshilfeersuchen der Staatsanwaltschaft, in dem nach den Gründen für die Ausmusterung des 28-jährigen Tatverdächtigen gefragt wurde, sei bisher unbeantwortet geblieben. „Wir haben aus Russland noch keine Antwort auf die Frage erhalten, warum seinerzeit die Ausmusterung erfolgte“, so Oberstaatsanwalt Avenarius der Nachrichtenagentur ddp gegenüber. Bisher lägen jedoch keine Anhaltspunkte für die Aufhebung der Schuldfähigkeit vor. Ferner sei der Zustand des Beschuldigten während der Tat entscheidend. Und dies festzustellen sei die Aufgabe des Schwurgerichts.