MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Mordprozess

Marwa-Mörder verantwortet sich unter hohen Sicherheitsvorkehrungen

Im Juli hatte der tragische Tod Marwa El-Sherbinis, die in einem Gerichtssaal von einem 28-jährigen aus islamfeindlichen Motiven erstochen wurde, ganz Deutschland erschüttert. Heute beginnt der Prozess unter hohen Sicherheitsvorkehrungen.

Täter Schuldunfähig?
Bereits eine Woche vor Beginn des Strafprozesses wurde bekannt, dass der Mörder in Russland wegen einer psychischen Erkrankung vom Wehrdienst befreit wurde. Dies führte zu Spekulationen hinsichtlich seiner Schuldfähigkeit.

Aus dem Wehrpass des Beschuldigten gehe hervor, dass dieser wegen „ausgeprägter, langwieriger psychotischer Zustände“ wie Schizophrenie, chronische Wahnzustände und affektive Psychosen 1999 von der Musterungskommission im russischen Perm ausgemustert wurde, berichtete der „Focus“.

Ein Rechtshilfeersuchen der Staatsanwaltschaft, in dem nach den Gründen für die Ausmusterung des 28-jährigen Tatverdächtigen gefragt wurde, sei bisher unbeantwortet geblieben. „Wir haben aus Russland noch keine Antwort auf die Frage erhalten, warum seinerzeit die Ausmusterung erfolgte“, so Oberstaatsanwalt Avenarius der Nachrichtenagentur ddp gegenüber. Bisher lägen jedoch keine Anhaltspunkte für die Aufhebung der Schuldfähigkeit vor. Ferner sei der Zustand des Beschuldigten während der Tat entscheidend. Und dies festzustellen sei die Aufgabe des Schwurgerichts.

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. markus eisgruber sagt:

    So abscheulich auch der Mord an der Muslimin Marwa El-Sherbinis ist, wird doch eines bitter deutlich, dass die Angst vor dem sogenannten Fremden nicht nur ein Thema von Menschen ohne Migrationshintergrund auf der einen Seite und Menschen mit Migrationshintergrund auf der anderen Seite ist.
    Es leben Menschen unterschiedlicher Herkunft in Deutschland, die natürlich ganz unterschiedliche Wertesysteme haben. Das ist eine Realität. Es ist doch dann nur natürlich, wenn Menschen, die ganz verschiedene Werte und Anschaugen haben, die Nähe zu dem vermeidlich Anderen oft nicht ertragen können. Dieses ist aber nichts Neues, wie die Geschichte und Gegenwart anderer Einwanderungsländer zeigt. Das Üben von Tolerranz ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt, und fordert eine Bringschuld von allen Menschen in diesem Land, die an einer offen und solidarischen Gesellschaft interessiert sind.
    Dieser Vorfall ist leider keine Singularität, sondern spiegelt die innere Zerrissenheit dieser Gesellschaft wider. Die Hauptschuld dieses schrecklichen Ereignisses liegt nicht bei den Protagonisten, dies wäre doch zu einfach, sondern bei der Politik, die sich dei dem Thema Integration als zu beschränkt erwiesen hat.
    Markus Eisgruber

  2. So einfach ist es denn auch nicht.
    Die Schuld liegt ganz unzweifelhaft bei dem Täter.
    Die Gesellschaft ist aktuell keinesfalls innerlich so zerrissen, dass solche Taten gutgeheißen würden.
    Selbst die Schreibtischtäter, die mit ihrem Appell an die Fremdenfeindlichkeit durch verschiedene Phrasen wie z.B. „Fördern und Fordern“ sind über solche Taten erschrocken und können sich den Mitwirkungsanteil ihrer Integrationspolemik kaum vorstellen.

  3. Markus Hill sagt:

    „Die Gesellschaft ist aktuell keinesfalls innerlich so zerrissen, dass solche Taten gutgeheißen würden.“
    Richtig, das sehe ich ähnlich. Es erscheint mir deshalb umso verwerflicher, dass da bestimmte Leute/Verbände zu versuchen, die Tat zu instrumentalisieren. Weniger um des Opfer Willens, sonder wollen eher um sich selbst etwas aus der Kritiklinie zu bringen. Ich tue mich schwer mit der Politik-Medien-Schelte, dass diffuse Umfeld hat meiner Ansicht nach immer weniger Einfluss als persönliche Faktoren. Nicht alle Computerspieler werden zu Killern – allein anhand dieser Diskussion sieht man, auf was für einem schlüpfrigen Argumentationsfeld man sich bewegt. Da ist bis heute noch Streit, Widerspruch – wie generell in diesem Feld. Die oft kritische oder unkritische Kommentierung von Islam-Fragen in Deutschland kann ich (die Anzahl dieser Fälle, die man „konstruiert“, scheint keineswegs steigend) mit DIESEM Vorfall nicht in Verbindung setzen. Ich bezweifele, ob der Mörder überhaupt richtig die Tagespresse verfolgt. Sollte er diese getan haben, wird er da keine Mordaufrufe gesehen haben. Genauso wie die ständige, kritische Berichterstattung über Heuschrecken und überzogene Boni nicht zu Mordaufrufen an Bänkern umgedeutet werden sollten. (Die Instrumentalisierung im Nachhinein halte ich für eine zu durchschaubare Absicht, die Medien bei der gegenwärtigen Prozessberichterstattung erscheint mir da wesentlich besonnener – es gibt ja auch berechtigterweise viele offen Kritikpunkte, wie z. B. das Verhalten der Polizei etc.).



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...