Virus

Sarrazynismus

Das „Volk der Dichter und Denker“ stemmt sich gegen Relativierungen des Eigenbildes (BILD-Umfrage pro Sarrazin 51%, ablehnend 39%) und entdeckt dabei, wenn wir diese unsere „nationalen Reservate“ nicht retten, würde es eng, gingen wir möglicherweise „verloren“…

Mag sein, der gesellschaftliche Wandel in seiner (versteckten) Atemlosigkeit überfordert viele Menschen, die jetzt mehr als bisher gewohnt, für die Organisation ihrer gewählten Lebensplanung „kämpfen“ müssen. Das gewünschte Beschauliche steht im Kontrast zur impulsiven Globalisierung, von der oft nur Spitzenstöße allgemein wahrgenommen werden. Dabei bleiben Fakten und Hintergründe verborgen. Manche verdrängen oder leugnen, dass Deutschland auf der Weltkarte nur ein kleiner Punkt ist, derer es viele gibt. Die Suche nach eigener Bedeutung und eigenen Identitäten verheddert sich oft im Konglomerat von bewussten und unbewussten Ängsten. Deshalb ist Spurensuche angesagt und zwar im Gegensatz zur schier endlosen Meinungsbörse des Integrationsstandes der Bevölkerung.

Unter der nationalen Bettdecke des wiedervereinten Deutschlands lauern noch immer geistige Restmutanten jener kultur-historischen Exzesse unseliger Zeit vor 1945 wie Karies in Winkeln der Gesellschaft, die mit den erwähnten Ängsten neuen Auftrieb erfahren. Das „Volk der Dichter und Denker“ stemmt sich gegen Relativierungen des Eigenbildes (BILD-Umfrage pro Sarrazin 51%, ablehnend 39%) und entdeckt dabei, wenn wir diese unsere „nationalen Reservate“ nicht retten, würde es eng, gingen wir möglicherweise „verloren“, wie das schon mehrfach von Anti-Europa-Klägern vorgetragen wurde, die dem Gedankengut eines Sir Sarrazin nicht entgegenstehen, der ein oder andere ihm sogar verbunden ist.

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Greifbar sind da die angeblich unserer Kultur fremden „Ausländer“, die das Land „überschwemmen“ würden. Und das ist der Kairos des „Sarrazynismus“ – die letzten Gefechte der ewig Gestrigen auf Verjüngungstour?

Ein Virus aus Deutschland?
Es ist der virale Sarrazin-Impetus, dem Deutschland wiederholt wenig schmeichelhafte Aufmerksamkeit in der Welt verdankt. Andere Länder haben bekanntlich selbst genügend vergleichbare, keineswegs geringere Probleme. ABER niemand vergisst dort! An das kultur-historische Schreckgespenst aus unseliger Zeit des alten Jahrtausend, wird die Welt(-Presse) erneut durch deutsche Initiative vernehmbar erinnert. Mit dieser Last werden in Deutschland auch nachwachsende Generationen „infiziert“, sowohl im positiven wie im negativen Sinne. Die Motive gegenüber Deutschland sind dabei nicht immer edel, durchaus auch „ökonomisch“ motiviert.

Der Sarrazin-Virus trifft eine weltorientierte Bundesbank, deren Lebenselixier ein offenes europa- und weltweites Miteinander im Interessenabgleich der Nationen ist, besonders schmerzhaft. Die BB präsentiert Deutschland in der Welt mit ökonomischem und politisch achtenswertem Gewicht, aber Herr Sarrazin fährt da in die Parade und persifliert, dass es in Deutschland eine ökonomisch minderwertige Schicht gäbe.

Schon wieder – erinnert sich das fragende Ausland? Da gab es doch schon mal ethnisch und rassistisch begründete Lehre und Praxis vom lebensunwerten Leben, wobei Teilen („die uns aussaugen“) davon sogar ökonomische (weil „nicht produktive Elemente“) Erosionen des (Kriegs-)Staates angelastet wurden. Zur Vervollständigung sei an das alte Muster von damals erinnert – auch heute werden „Fremde“ gemeinsam mit bestimmten Deutschen von Sarrazin „bewertet“.

In diesem „wachgehaltenen“ Zerrspiegel erblüht die geistige Untat von Sarrazin. Er wollte über diesen Hebel status-heischend Bedeutung gewinnen, nach dem sein „Bundesbanker“-Image auf und ab changierte. Und weil er so seine Debatten-UNKULTUR kalkulierte, muss er sich gefallen lassen, dass er dafür mit jenem Gedankengut mehr oder weniger identifiziert wird.

Daran ändert seine verbal-leise geknurrte Entschuldigung nichts, denn es handelt sich um gedruckte Äußerungen. Inzwischen soll es, wohl aus juristischen Gründen, von ihm schriftliche Erklärungen (AFP/SWR) über „nicht gelungene Formulierungen“ geben. Gerade die objektiv bestehende intellektuelle Substanz von Sarrazin macht seine „Entschuldigung“ so extrem unglaubwürdig. Denn seine medialisierten schmutzigen Böllerschüsse waren von Anfang an mit jedem Buchstaben ganz bewusst so und nicht anders gewollt. Es ist bekannt: „BB-Präsident Axel Weber hatte handschriftlich alle kritischen Passagen markiert“, was teilweise im Zusammenhang mit der Presseabteilung der BB anders berichtet wurde. Sarrazin ignorierte diese von ihm -sowohl wegen Details wie auch pauschal- „als Zensur“ bewertete Kritik zu 100%, ohne den Text in „Lettre International“ zu ändern.

Die fehlerhafte Rede vom „verbalen“ Fehltritt
Diesen Impetus kaschierten fast alle Fernsehsendungen. Am Dienstag, 13.10.2009, folgte das ZDF-Mittagsmagazin mit „verbaler Fehltritt“ der Behauptung von Professor Aßländer über die „verbale Entgleisung“. Sarrazin äußerte sich eben nicht unbedacht oder gar versehentlich im Eifer des Gefechts eines hastigen Interviews, was quasi entschuldbar wäre! Die Prüfung dieses medialen Aspektes offenbart bei fast allen, die das Wort öffentlich ergriffen, verkrampftes Bemühen, den Impetus zu kaschieren oder gar zu leugnen, um dann hocheilig sich im Migrationsdiskurs zu profilieren. Verfolgt man diese Spuren, fallen sogar Verbindungen zu den Europa- und Türkeibeitritts-Skeptikern auf.

NEIN, es geht bei der Kritik über diesen Vorgang objektiv nicht im Geringsten um Prozentzahlen, wer wann und warum und wie viel vom Staat „absahnt“, ob Deutscher oder Nicht-Deutscher. Es geht nicht um die zahlreichen objektiv bestehenden Integrationsmängel, die wir ausnahmslos als Gesamt-Gesellschaft durch unser aller Versäumnisse zu ertragen und endlich zu lösen haben – egal ob als Folge unserer Wirtschaftswunder-Blindheit oder aus Unachtsamkeiten aller Beteiligen entstanden oder ob sie sich seit Jahrzehnten in Fiskal- und Ökonomieproblemen der Staatshaushalte „begründen“.

Ein Virus in den Köpfen?
Es geht um die Mutante „Ausländerfeindlichkeit“ in jenen Teilen unserer Gesellschaft, die sich in ihrem vermeintlichen bedroht-Sein von den Gedanken Sarrazyn’s bestätigt fühlen und nicht erkennen, dass dieses Virus wie Karries in den Köpfen wirkt. Karries wächst oft unbemerkt und zerstört seinen Nistplatz, obwohl Zähne sogar zu den härtesten Substanzen des Körpers zählen!

Denn es sind nicht nur aufgewärmte „Reste“ historisch tradierter Ausländerfeindlichkeit, die ganz offensichtlich auch nachwächst. Sie dient sattsam bekannter Stellvertreterpolitik. Im Bewusstsein eigener Unzulänglichkeiten wird durch Projektionen auf konstruierte Versagergruppen eine Entlastung gesucht. Denn gemessen an „DENEN“, sind „WIR“ doch geradezu vorbildlich und musterhaft. Die angeblich „kleinen“ Steuertricksereien der meisten BürgerInnen verschwinden gegenüber „Unsummen jener Transfers“ aus öffentlichen Sozialhaushalten. „Und wenn schon, WIR arbeiten ja auch“, um nur zwei von hundert Stufen der Rechtfertigungsrolltreppe zu nennen. Diese „Kunst“ erhöht das allseits tröge Selbstbewusstsein durch Schnippchen-Schlagen und verhüllt objektive Missstände im Nebel der Totalabwehr „DIE wollen ja nicht“. Bedarfsweise wird das enthüllend präsentiert und so konfiguriert sich im verfestigtem Standpunkt die selbst erfüllende Prophezeiung. Mit kriminologischem Vokabular könnte man das als Viktimologie der Integrationsprobleme bezeichnen. Ursache und Wirkung sind mehrfach wechselseitig in Abhängigkeit.

Wie gehen wir miteinander um?
Wann wird es in Deutschland zum Standard sich aus diesen Nebelschwaden zu lösen, um gesellschaftliche Probleme sachbezogen und offen, aber „ohne rassistische und fremdenfeindliche“ und verächtliche Einschläge der Mehrheit, sondern im objektiven Respekt vor ausnahmslos allen Menschen dieses Landes zu diskutieren?

Es steht im Vordergrund, wie wir in dieser Diskussion miteinander umgehen – jede Kritik über Missstände ist dann akzeptabel, wenn diese Kritik nicht selbst neue Missstände erzeugt! Die Missachtung des grundrechtlich geschützten Werte-Konsens gegenseitiger Achtung ist ein Missstand, selbst dann, wenn es dabei noch nicht um strafrechtlich relevante Normverstöße geht. Insoweit verbietet es sich, auf der Basis der inkriminierten Anwürfe die Diskussion inhaltlich aufzunehmen!

Als vorbildliches Beispiel für durchgängig sachgerechte Darstellung mit klarem Blick erweisen sich zahlreiche Sachbeiträge öffentlicher und nichtöffentlicher Organisationen jüngster Zeit. Zu erinnern ist an die Vorlage von 2008 des „Deutschen Instituts der Wirtschaft (DIW)“: „Migranten in Berlin – Schlechte Jobchancen, geringe Einkommen, hohe Transferabhängigkeit

Die „Deutschland“-Datengrundlagen des begründenden Mikrozensus wurden im Migazin.de bereits in anderen sachorientierten Zusammenhängen verwendet. Auch das Buch von Armin Laschet, Integrationsminister NRW, „Die Aufsteiger-Republik – Zuwanderung als Chance“ setzt sich in vorbildlicher Weise mit den Gegebenheiten konstruktiv auseinander.

Zur Erhellung zuvor dargelegter Auffassungen noch einen Hinweis für nachdenkliche Geister zur eigentlich schon mehrfach positiv aufgefallenen „Lettre International“, die seltsamerweise den sarrazynischen Beitrag veröffentlichte. Das ach so in Verwirrungen der Zeit verhaftete Goethe-Institut beschreibt dieses Print als eine „Diskussionsplattform der Weltbürger, gegen jede nationale Borniertheit anschreibend“ – – – ok, üben wir uns auch hierzu in Toleranz.