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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Keine Peanuts

Sarrazin oder die neue Salonfähigkeit des Rassismus

Thilo Sarrazins Äußerungen über Migrantengruppen sind, um in der Sprache deutscher Banker zu bleiben, keine Peanuts. Wer öffentlich über den Verlust deutscher „Qualität“ durch eine hohe Geburtenrate der Türken schwadroniert oder zum Beleg für die jeweilige Nützlichkeit von Zuwanderergruppen auf unterschiedliche IQs zwischen Juden und Türken verweist, begeht kein Kavaliersdelikt. Diese Äußerungen sind schlichtweg rassistisch, und die Staatsanwaltschaft hat zu Recht die ersten Schritte zur Eröffnung eines Verfahrens wegen Volksverhetzung eingeleitet.

VONGünter Piening

Günter Piening wurde 1991 Pressesprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt. Er ist Mitbegründer eines Flüchtlingshilfevereins in Magdeburg und setzte einen Schwerpunkt seiner Arbeit in die Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. 1996 wurde er zum Ausländerbeauftragten der Landesregierung Sachsen-Anhalt berufen. In dieser Funktion hat er u. a. das 2002 vorgelegte Memorandum „Zuwanderung und Integration in den neuen Bundesländern“ initiiert. Seit dem 1. Juni 2003 ist Günter Piening Beauftragter des Berliner Senats für Integration und Migration.

DATUM14. Oktober 2009

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Doch das ist nur ein Aspekt, mindestens ebenso erschreckend sind viele der Reaktionen auf Sarrazins Äußerungen. Statt zu erwartender Empörung von Medien und Meinungsträgern beginnt eine muntere Rechenstunde über die Frage: Zu wie viel Prozent hat Sarrazin Recht? Das lässt die Frage aufkommen: Ist er ein Einzelfall? Geht es eigentlich um ihn?

Rassistische Äußerungen sind nicht zu X-Prozent richtig oder falsch und lassen sich auch nicht mit einem Faktencheck überprüfen. Sie greifen (vermeintliche) Tatsachen auf und rühren sie zu menschenverachtenden biologistischen oder ethnisierenden Zuschreibungen zusammen. Wenn nun in der Öffentlichkeit viel darüber diskutiert wird, dass Sarrazin ja auch irgendwie Recht hat, und nur wenig über den menschenverachtenden und rassistischen Kern in seinen Äußerungen, dann zeigt das, wie schmal der Grat zwischen provokanten Aufklärungsversuchen und rassistischer Diffamierung ist und wie gering das Bewusstsein in Teilen der meinungsbildenden Oberschicht darüber ist, wann diese Grenze überschritten ist.

Halten wird fest: In den letzten Jahren hat es eine umfassende und ernsthafte Bestandsaufnahme der integrationspolitischen Situation gegeben, und es gibt kaum ein Problem, das nicht umfassend diskutiert wurde. Einzelne Erkenntnisse aus dieser Analyse werden aber inzwischen zu einer Art „Einwanderer-Bashing“ genutzt, das einem dem Atem nimmt. Gerade in den Kreisen, die das Kosmopolitische so sehr schätzen, sind „ironisch gemeinte“ abfällige Äußerungen à la Sarrazin hoffähig geworden. Da liegen bei Teilen unserer Oberschicht Wohlfahrtschauvinismus und Rassismus recht eng beieinander, und die Beleidigungsskala scheint nach oben offen zu sein, wenn es gegen bestimmte Migrantengruppen geht.

Die ganze Wucht dieser Entwicklung trifft besonders Einwandererfamilien aus der Türkei. Wer in diesen Tagen mit türkeistämmigen Berlinerinnen und Berlinern spricht und wer die Schlagzeilen der türkischsprachigen Medien verfolgt, erlebt ihr Entsetzen darüber, dass ein hochrangiges Mitglied der deutschen Wirtschaftselite sich so äußert. Mehr aber noch ist die tiefe Verunsicherung darüber zu spüren, dass es offenbar auf der Bundesebene nur wenige gibt, die ihn bremsen. „Ist nur Sarrazin das Problem?“ war der Kommentar einer türkischsprachigen Zeitung überschrieben und dieses spiegelt das Gefühl vieler.

Gerade die aktive türkische Mittelschicht, die in den letzten Jahren ein großes gesellschaftspolitisches Engagement entwickelt hat, spürt sehr genau die rassistischen Untertöne. Statt die in diesen Jahren gewachsenen Gemeinsamkeiten und das entstehende Wir-Gefühl zu stärken, wird die Kluft zu den Herkunftsgruppen vergrößert.

Die Forderung nach einem Rücktritt, bzw. einer Entlassung von Thilo Sarrazin aus dem Vorstand der Bundesbank hat vor dem Hintergrund, dass ein Teil der deutschen Öffentlichkeit seine Äußerungen „versteht“, eher an Bedeutung gewonnen. Ohne diesen Schritt wird ein Vertrauen in die demokratischen Diskurse in der Bundesrepublik vor allem bei den türkischen Einwanderinnen und Einwanderern für lange Zeit tiefgreifend beschädigt. Diese Wirkung zu verstehen und entsprechend zu handeln, ist eine wichtige Aufgabe der kommenden Debatten. Die Schritte, die die Bundesbank jetzt unternommen hat, können dabei nur ein Anfang sein.

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100 Kommentare
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  1. J. Pütter sagt:

    […] Nicht die realen Missstände sind das Problem, sondern diejenigen, die sie benennen. Dann ist wohl auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht mehr akzeptabel in der Diktatur der Political Correctness. Er sagte 2005 im Interview zu Recht: „Die Zuwanderung von Menschen aus dem Osten Anatoliens oder aus Schwarzafrika löst das (demografische) Problem nicht, schaffte nur ein zusätzliches dickes Problem.“ Sehr lesenswert: http://www.focus.de/politik/deutschland/helmut-schmidt-ii_aid_95473.html

  2. Erkan A. sagt:

    Wie gut, dass es auch so denkende Menschen wie Herrn Pienning gibt, die über die Situation gut aufgklärt sind und für einige Personen in diesem Forum eine Vorbildfunktion einnehmen können. Ich möchte mich hier im Namen der türkischen Community herzlichst bei Herrn Piening für seine offenherzige Stellungnahme bedanken.
    Gruß
    Erkan

  3. municipal sagt:

    Meiner Ansicht nach ist Herr Piening ein Vertreter der immer noch „Multi-Kulti-Begeisterten“ bei den GRÜNEN , die durch die von Ihnen betriebene Politik MITVERURSACHER der bestehenden Probleme beim Thema MIGRATION sind.

    „Gerade die aktive türkische Mittelschicht, die in den letzten Jahren ein großes gesellschaftspolitisches Engagement entwickelt hat, spürt sehr genau die rassistischen Untertöne.“

    Der modernen,aktiven türkischen Mittelschicht hier in Deutschland (und stärker noch in der Türkei) sind die Probleme der Nichtintegration einiger ihrer Landsleute eher unangenehm,
    weil sie mit ihnen „in einen Topf geworfen werden“.

  4. Andre Sieg sagt:

    Ich stelle Nochmal die Frage!!

    Was hat Islam mit Rasse zu tun???

    Sind Christliche oder Aramäische Türken eine Andere Rasse wie Islamische Türken und wechselt man seine Rasse bei einem Religionswechsel!

    Sind Christen eine Rasse und ist AniChristliche Propaganda „Rassismus“

    Gruß Andre

  5. Markus Hill sagt:

    Zitat:
    „Der modernen,aktiven türkischen Mittelschicht hier in Deutschland (und stärker noch in der Türkei) sind die Probleme der Nichtintegration einiger ihrer Landsleute eher unangenehm,
    weil sie mit ihnen “in einen Topf geworfen werden”.
    Das ist auch mein Eindruck aus Gesprächen mit türkischen Freunden (bzw. Deutsche mit Migrationshintergrund). Natürlich regen diese sich teilweise über die Wortwahl auf, aber gerade zwei Freund aus Berlin geben im z. B. in der Sache völlig recht. Das mag nicht repräsentativ sein, gibt einem aber das Gefühl, dass man mit diesen Migranten sehr viele gemeinsame Ineressen hat.
    Mich hat dieser Sachverhalt auch schon längere Zeit bei der Artikelauswahl und bei den Zuschriften in den Foren von migazin.de stark irritiert. Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass viele Themen auch nicht unbedingt repräsentativ sind für die durchschnittliche Befindlichkeit von erfolgreichen, zufriedenen türkischen Migranten. Irgendwie scheint es da eine Spaltung in der türkischen Community zu geben (wie so oft).

  6. Selçuk sagt:

    „“Gerade die aktive türkische Mittelschicht, die in den letzten Jahren ein großes gesellschaftspolitisches Engagement entwickelt hat, spürt sehr genau die rassistischen Untertöne.”

    Der modernen,aktiven türkischen Mittelschicht hier in Deutschland (und stärker noch in der Türkei) sind die Probleme der Nichtintegration einiger ihrer Landsleute eher unangenehm,
    weil sie mit ihnen “in einen Topf geworfen werden”.“

    Das Eine schließt das Andere ja nicht aus. Ich möchte Ihnen nicht unterstellen, dass Sie das Gegenteil behauptet hätten. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen.

  7. Samuel Weingarten sagt:

    Herrn Piening ist es also völlig egal, ob Sarrazins Aussagen richtig oder falsch sind, weil sie seinem Gefühl nach rassistisch sind. Deswegen sieht er keinen Grund, der Realität auf den Grund zu gehen. Mit Realitätsverweigerung kann man nämlich entspannter seine Multi-Kulti-Träume leben und sich dabei noch moralisch höherwertig fühlen.

    Die Realität kann leider manchmal ganz schön hart (und rassistisch) sein. Z.B., dass jüdische Einwanderer durchschnittlich einen deutlich(!) höheren IQ haben als moslemische. Durchschnittlich bedeutet, dass es auf beiden Seiten Ausreiser nach oben und unten geben kann. Aber im Durchschnitt stimmt die Aussage (kann anhand der PISA-Ergebnisse überprüft werden). Mag wohl auch daran liegen, dass aus der Türkei und arabischen Ländern vor allem die Unterschicht einwandert. Weil sie einwandern darf. Weil am deutschen Wesen wieder die Welt genesen soll. Diesmal als Weltsozialamt für die Benachteiligten aller Länder. Mit allen schlimmen Konsequenzen für die Sozialkassen und den inneren Frieden. Aber Herrn Piening stört es anscheinend nicht, wenn Deutschland den Bach runter geht. Hauptsache, er ist ein guter Antirassist und Realitätsverweigerer. Herzlichen Glückwunsch!

  8. emire sagt:

    Herrn Pienning ist das eigentliche Gewissen Deutschlands,die kleinen Nazis sollten dankbar auf solche Rechtschaffenden Menschen sein.
    Der Rest sind Mitläufer und Täter,Die Politiker dieser Türkenhatz sind der Rotz der Vergangenheit,hätte man sie weggeschifft,wäre die Nase sauber.
    Das User wie Municipal mit Sarrazin eine Fan-Gemeinde vom Rechten Mob sind ist unbeschreitbar.

    Deutschland ,Deutschland über alles,von der Maas bis zur Wolga,von der Themse bis zum Donau-Delta.

  9. Baliner sagt:

    Wenn ein Türke sich bei Herrn Pienning bedankt, dann müsten schrill die Alarmglocken läuten!!

  10. Markus Hill sagt:

    Stimmt. Wo Sie da beide Aussagen anführen. Ist natürlich sehr ambivalent hinsichtlich der Stimmungslage und der persönlichen Betroffenheit. Ist auch zwiespältig: Auf der einen Seite will man hart Kritik anbringen (damit sie gehört wird), auf der anderen Seite stösst man die Leute vor den Kopf, deren Unterstützung man eigentlich bräuchte und mit denen man viele gemeinsame Interessen hat.


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