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Reportage

Auf türkische Art ins Alter – Erstes deutsches Pflegeheim

Die Eltern zu Hause pflegen oder ins Altersheim bringen. Besonders Familien ehemaliger türkischer Gastarbeiter fällt diese Entscheidung schwer. Das erste deutsche Pflegeheim für türkische Rentner in Berlin krempelt dieses Diskussion langsam um. Vorbilder dafür hat es bisher keine gegeben.

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Berlin. Es schneit an einem grauen, stürmischen Märztag. Am Rande der Betonklötze Berlins, im ehemaligen Szenestadtteil Stadtteil Kreuzberg, von manchen auch liebevoll Klein-Istanbul genannt, steht seit einem Jahr das Türk Bakim Evi, das erste deutsche Pflegeheim für türkische Rentner, finanziert von der Marseille Kliniken AG, einem der großen Marktführer im Bereich Altenpflege. Drinnen im Heim duftet es nach frischem türkischem Tee. Warm und gemütlich ist es hier, geschmückt mit roten Polstern, orientalischen Malereien und Bildern eines türkischen Markts. Der renovierte Industriebau kommt heimisch rüber. Ein eher kühl wirkendes Altenheim mit langen, sterilen Fluren sieht anders aus.

Mit Krücken oder Rollstuhl kommen einige Bewohner – nicht Patienten, man legt hier wert darauf – ins Wohnzimmer des Pflegeheims. Hier trifft man sich, wenn man so will, in der größten Wohngemeinschaft Deutschlands für Pflegebedürftige türkischer Herkunft. Laut plärrt der Fernseher bis in den Flur hinein. Gerade kommt ein türkisches Magazin über den Islam. In einem Vogelkäfig zwitschern gelbe Kanarienvögel beschwingt um die Wette. Einige Rentner sitzen eher gelangweilt, leicht schläfrig auf ihrem Kissen. Andere unterhalten sich bereits am frühen Morgen angeregt über Familie, Politik und die harten alten Zeiten als Gastarbeiter in der Textilfabrik.

Gemeinsam mit anderen Bewohnern sitzt Ziya Bircan im Wohnzimmer und schaut fern. Der Mann, Mitte sechzig, kam vor knapp einem Jahr hierher. Das war nach seinem Herzinfarkt. Seitdem gehört er zu den rund fünfzig Menschen, die hier nach ihren türkischen Bräuchen und Sitten im Alter leben. Das heißt zum Beispiel, dass Männer nur von Männern und Frauen nur von Frauen gepflegt werden, was Bircan wichtig ist. Er ist nur einer der ehemaligen Gastarbeiter, die vor mehr als vierzig Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, auf eigenen Wunsch, um hier gut bezahlte Arbeit zu bekommen. Vor rund vierzig Jahren führte ihn die Neugier nach Deutschland. Doch nicht nur finanzielle Gründe lockten Bircan über Umwege mit viel Glück in die Republik. Seine Liebe sorgte dafür, dass er blieb. Der zweifache Vater erinnert sich gern an seine turbulenten, aufregenden jungen Jahre.

Den Nachmittag im Frankfurter Tanzcafé wird er dabei nie vergessen, als er sich in das Mädchen verliebte, dass er später heiratete. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er daran zurückdenkt. Damals habe er etwas von der Welt sehen wollen. Zuerst arbeitete er bei Frankfurt in einer Fabrik. Erst einige Jahre später zog ihn seine Liebe nach Berlin. Deshalb sei er hier geblieben. Bis zu einem Herzinfarkt Anfang der Neunziger hat er in Berlin gearbeitet. Die Krankheit kam plötzlich. Dann ist er Frührentner geworden. Ein Fernsehbericht habe ihn dann auf das türkische Heim aufmerksam gemacht.

Übliche Überforderung: Altenpflege bleibt an der Frau hängen.
Über ernste Dinge, seine Ängste vor der Krankheit und die Geschichten von früher kann er mit Yildiz Akgün sprechen. Sie ist Sozialarbeiterin im Türk Bakim Evi und weiß, was alte Menschen brauchen. Und, dass viele Familien mit ihren pflegebedürftigen Eltern überfordert sind. Doch es falle Angehörigen schwer, einen pflegebedürftigen Menschen ins Heim zu bringen, sagt die Frau in fürsorglichem Ton. Es sei deshalb ihre Aufgabe, den jüngeren Türken die Altenpflege ihrer Liebsten näher zu bringen.

Akgün will fürs eigene Haus Vertrauen schaffen, ihrer Zielgruppe klarmachen, dass die Pflege der Eltern auch „auf eine gesündere Art“ zu machen ist. Gesünder, als die Pflege wie üblich allein der Frau zu überlassen, sagt die Sozialarbeiterin. Besonders konservative Türken würden denken, dass die Eltern das Gesicht gegenüber der Gesellschaft verlieren, wenn sie „ins Altenheim abgeschoben“ werden. Viele Alte würden deshalb noch zu Hause gepflegt, was „nicht immer ein Vorteil“ sei. Für viele der rund 270.000 lebenden Türken in Berlin ist der Gedanke, die Eltern ins Pflegeheim zu geben, ein Tabu. Deshalb geht Yildiz Akgün raus in die Berliner Moscheen, spult ihre Powerpoint-Präsentationen vom Laptop ab und spricht anschließend mit türkischen Familien über die Probleme mit den Eltern.

Werbung macht die Sozialarbeiterin fürs Heim, indem sie Interessierte einlädt, sich das Haus mal näher anzuschauen. Viele hätten einfach Angst vor dem, was sie nicht kennen: „Wenn sie mal die Bewohner und Pfleger sehen, sind sie meist zufrieden“. Doch so reibungslos klappt es längst nicht immer. Kritik von außen gebe es immer wieder, die Fragen seien oft dieselben: „Warum gibt man Angehörige hier ab? Haben Sie Kinder – und machen das trotzdem?“. Unter ihnen ist eine junge Dame, Mitte zwanzig, religiös, mit Kopftuch. Schüchtern spricht sie Yildiz Akgün an. Sie habe eine Schwiegermutter zuhause. Die Pflege würde allein an ihr hängen bleiben, die Familie denke konservativ und erwarte das so. Niemals könne sie ihrem Ehemann sagen „Du, ich kann das nicht mehr machen. Wir könnten die Schwiegermutter ja doch mal in ein Pflegeheim bringen, oder?“. Die junge Muslimin scheint mit ihrer Pflegerolle überfordert. Trotz aller Schwierigkeiten konnte sich die Frau nicht dazu durchringen, dieses Thema offen zu Hause anzusprechen.

Yildiz Akgün kann sie gut verstehen. Die Hürde der Scham sei nicht so leicht zu umgehen. Um Spannungen in der Familie zu vermeiden, würden die Frauen die Pflege der Eltern meist komplett übernehmen. Viele Frauen würden erst durch die Hochzeit nach Deutschland kommen, wobei dieses Opfer normal sei, sagt Akgün „die Familie geht davon aus, dass die Frau das macht“. Ähnlich war das bei ihr: „Selbstverständlich war das Thema auch bei uns zu Hause ein Tabu“, sagt sie. Lange Zeit konnte die Frau, die selber als Aufklärerin in Sachen Altenpflege unterwegs ist, nicht mit ihrem Vater darüber sprechen.

„Aber inzwischen ist er soweit, dass er selber sagt, er würde er dann doch ganz gerne zu uns kommen“, sagt Akgün beruhigt. Die Tradition „zu durchbrechen“ sei eben nicht leicht. Die Entscheidung fürs Pflegeheim falle Türken deutlich schwerer als Deutschen. Hinzu komme die Sorge um das Ansehen in der türkischen Gemeinschaft, was Bekannte und Verwandte denken könnten, sagt Yildiz Akgün. Die ersten Patienten kamen ins Türk Bakim Evi wegen eines Notfalls wie Ziya Bircan, auf den die Familien nicht vorbereitet waren.

Wenn Menschen älter werden, komme es vor allem auf ihre Sprache, Kultur und Religion an, mit der sie groß geworden sind. Man würde wieder zu seinen Ursprüngen zurückkehren, das Langzeitgedächtnis ein größeres Gewicht habe, sich eher an Anatolien als gestern in Berlin zu erinnern. Zwischen heute und damals bei der Einwanderung, haben sie sich natürlich verändert, einen anderen Lebensstil gefunden. Daher sei es kaum möglich, wieder zurück in die alte Heimat zu gehen. Viele haben noch Verwandte in der Türkei – einen Sozialhilfeanspruch haben sie nicht.

Für Integration ist es zu spät: Vorurteile werden langsam abgebaut
Die Vorbehalte in der Türkischen Gemeinde zu Berlin gegenüber dem Pflegeheim werden inzwischen leiser. Sie ist Mitgesellschafter des Hauses. Seit einigen Monaten kommen mehr neue Bewohner ins Heim als zu Beginn. Die Diskussion über die Zukunft der Eltern sei etwas leichter geworden, heißt es auch aus der Türkischen Gemeinde. Im Heim arbeiten nur zweisprachige Mitarbeiter, alle von ihnen haben selbst türkische Verwandte. Von den rund 150 Betten des bundesweiten Pilotprojekts sind jedoch erst ein Drittel belegt, obwohl rund drei Millionen Türken in Deutschland leben. Neika Kaba-Retzlaff, Leiterin des Pflegeheims, überrascht das nicht.

„Es liegt daran, weil wir die erste Einrichtung dieser Art sind, weil viele türkische Menschen nicht von diesem Angebot noch nichts wissen“, sagt die zierliche Frau im Hosenanzug, die aber auf Zack zu sein scheint, mit akkurat geschnittener Frisur und ernsthaften Auftreten. Ein weiterer Grund: Die Pflegebedürftigkeit ist in türkischen Familien erstmalig aufgetreten. „Unsere Bewohner gehören zur ersten Generation türkischer Einwanderer. Sie sind die ersten von uns, die alt werden. Wir haben in Deutschland keine Vorbilder“, sagt die Leiterin des Altenheims.

Sie findet es wichtig, dass es ein eigenes Heim für türkische Pflegebedürftige gibt. Sich an ein deutsches Heim anzugliedern kann sie sich nicht vorstellen – schon wegen der gleichgeschlechtlichen Pflege, die der Islam vorschreibt. Die Bewohner seien hier gut bedient. Aufgehoben seien die Bewohner auch deswegen so gut, weil sich ein Stück eigener Geschichte in den Mitarbeitern widerspiegelt, Bilder und Berichte alter Zeiten. Irgendwo sei ihnen das alles vertraut. Deutsche Pflegeheime würden türkischen Senioren dagegen eher befremdlich wirken. Vertrauen aufzubauen sei dort noch weniger möglich als hier.

Harald Berghoff, Geschäftsführer des Pflegeheims ist da mit Nejla Kaba-Retzlaff einer Meinung: „Ganz klar muss man auch sagen, dass unsere Bewohner jetzt seit dreißig, vierzig Jahren in Deutschland leben. Da jetzt mit neuen Integrationskonzepten anzufangen, bringt nichts. Der Zug ist in dieser Sache tatsächlich abgefahren“, sagt der Geschäftsführer nüchtern. Bei einem Menschen, der nach fünfzig Jahren noch nicht integriert ist, aus welchen Gründen auch immer, müsse man heute nicht mehr versuchen, ihn „auf seine letzten Lebensjahre noch zu integrieren“, sagt Berghoff bestimmt.

Und wenn ihnen da, platt gesagt, in einem deutschen Heim alles sehr deutsch vorkomme, sei da nichts ist, was ihnen heimisch ist. Der Samowar, eine türkische Teemaschine, die man aus Dönerbuden in Deutschland kennt, gehört einfach dazu. „So richtig türkischen Tee morgens“, das sei etwas Feines und gehöre zum Wohlfühlen dazu, sagt Kaba-Retzlaff. Der Tee ist für ihre Be-wohner genauso wichtig, wie für den Deutschen der frisch gekochte Kaffee. Und im Alter sei das eben apart wichtig.

Ob Sunniten oder Schiiten, Aleviten oder Kurden. Mit der Integration von islamischen Kulturen, die sich sonst im Ausland häufig feindlich gegenüber stehen, klappt es hier schon besser. In zweiter, dritter Generation haben sich vor allem die Nachkommen der Einwanderer dem westlichen Lebensrhythmus angepasst. Großfamilien gebe es kaum noch. „Wir sind ein Haus für Menschen aus der Türkei“, sagt Akgün. Christen seien hier willkommen, wenn auch nicht explizit eingeladen, sagt die Sozialarbeiterin.

Momentan wohnen hier im Heim, bis auf zwei Christinnen, die mit einem Moslem verheiratet waren, ausschließlich Menschen islamischen Glaubens. Hier gibt es keine Kapelle, wie sonst in Altenheimen üblich, sondern eine Moschee im Kleinformat, einen Gebetsraum, in dem regelmäßig ein Berliner Mufti Gottesdienste hält. Das sei ein freibleibendes Angebot. Denn es komme weniger auf die Religion als auf den Menschen selber an: „Jeder Mensch, der sich bei uns wohlfühlt, ist herzlich willkommen“, sagt Geschäftsführer Harald Berghoff.

Neues Pflegeangebot: Umkrempeln türkischer Traditionen
Warum ist das Haus noch nicht voll? Die meisten türkischen Senioren werden eben noch zuhause gepflegt. Doch das neue Angebot krempele Gespräche unter Türken über Altenpflege kräftig um. Vergleichbar sei das mit der deutschen Diskussion der 68er, seit der es „nichts Schlimmes“ mehr ist, auch seine eigenen Eltern, Opa und Oma in professionelle Pflege zu geben. „Wir haben Bewohner aus Kiel, aus Bielefeld, aus Fulda und München. Aus ganz Deutschland eben“, erklärt Berghoff die Multi-Kulti-Mischung der Bewohner.

Im Sinne der Qualität sei der langsame Aufbau „eine ganz hervorragende Sache“, denn jeder Bewohner, der hier bei in die Einrichtung komme, müsse ja auch persönlich und individuell aufgenommen werden. „Wir arbeiten hier mit Biographie-Arbeit, müssen also sehen, wo kommt der Mensch her, was mag er, was vielleicht nicht“, sagt der Geschäftsführer. Es müsse eine Pflegeplanung gemacht werden, die sehr aufwendig ist. Zwei Jahre brauche es wohl noch, bis das Heim voll ausgelastet ist. Das sei langsamer als gedacht, aber man arbeite dran, denn es ist ja ein Pilotprojekt, in dem Erfahrungen gesammelt werden, die in weiteren deutschen Großstädten im Ruhrgebiet, Frankfurt oder Köln, umgesetzt werden können – neue Heime für alte Türken.

Mit den Wohlfahrtsverbänden wie Diakonie, Paritätische und Caritas würde man sich austauschen. Eine ganze Branche würde man damit bewegen, sagt Berghoff selbstbewusst, verwöhnt von dem Medienrummel, den es seit der Eröffnung um dieses Haus gegeben hat. Nicht nur mit Funktionären, auch mit Kindergärten und Jugendvereinen arbeite man unbürokratisch zusammen, tanze, singe und bastele zusammen mit den Bewohnern – meist zu Feiertagen, wenn man mag.

Genauso sei das auch bei den Gesprächen: Man kann oben allein auf seinem Zimmer sein, wenn man will, oder unten zusammen mit den anderen Bewohnern türkisches Fernsehen gucken und Tee trinken. Inzwischen hat Ziya Bircan im Erdgeschoss einige Bekanntschaften gemacht. Aber auch außerhalb des Pflegeheims ist er ein kontaktfreudiger Mensch. Zum Beispiel hat er sich mit dem Gemüsemann um die Ecke angefreundet, den er regelmäßig besucht. Ein kurzer Plausch, kleine Spaziergänge – das sei doch nett und halte ihn fit.