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Migration und Integration in Deutschland

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Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Reportage

Auf türkische Art ins Alter – Erstes deutsches Pflegeheim

Die Eltern zu Hause pflegen oder ins Altersheim bringen. Besonders Familien ehemaliger türkischer Gastarbeiter fällt diese Entscheidung schwer. Das erste deutsche Pflegeheim für türkische Rentner in Berlin krempelt dieses Diskussion langsam um. Vorbilder dafür hat es bisher keine gegeben.

VONJan Thomas Otte

Jan Thomas Otte hinterfragt mit kritischen Reportagen krustige Glaubenssätze und Denkstrukturen. Der Journalist schreibt Reportagen über Karrierestreben, soziales Engagement und Sinnsuche. Für seine Porträts über Einwanderer und Austeiger, Integration und Migration ist er zu mehreren Awards nominiert worden. Dabei bezieht er auch die Religion seiner Gesprächspartner mit ein. Als Theologe hält Jan Thomas Otte Fragen nach Glauben, Identität und Moral für unterschätzte Tugenden. Jan Thomas Otte studierte an der Universität Heidelberg. Parallel kam eine Journalistenausbildung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung hinzu. Der Business-Querdenker, Deutschland-Fan und bekennende Christ schreibt für Medien wie den Rheinischen Merkur, die Rhein-Neckar-Zeitung oder DIE WELT. Regelmäßig schreibt er bei Perspektive Mittelstand eine Kolumne zum Thema WorkLife. In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich in Kirchen und dem Kinderschutzbund in Deutschland. Außerdem hat er als Journalist das Magazin Karriere-Einsichten gegründet. Mit einem Team von 10 Korrespondenten berichtet er hin und wieder auch über Integrationsthemen. Schliesslich bedeutet Karriere ja manchmal auch, international mobil zu sein. Mehr auf Jan Thomas Ottes Homepage.

DATUM8. Oktober 2009

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Für Integration ist es zu spät: Vorurteile werden langsam abgebaut
Die Vorbehalte in der Türkischen Gemeinde zu Berlin gegenüber dem Pflegeheim werden inzwischen leiser. Sie ist Mitgesellschafter des Hauses. Seit einigen Monaten kommen mehr neue Bewohner ins Heim als zu Beginn. Die Diskussion über die Zukunft der Eltern sei etwas leichter geworden, heißt es auch aus der Türkischen Gemeinde. Im Heim arbeiten nur zweisprachige Mitarbeiter, alle von ihnen haben selbst türkische Verwandte. Von den rund 150 Betten des bundesweiten Pilotprojekts sind jedoch erst ein Drittel belegt, obwohl rund drei Millionen Türken in Deutschland leben. Neika Kaba-Retzlaff, Leiterin des Pflegeheims, überrascht das nicht.

„Es liegt daran, weil wir die erste Einrichtung dieser Art sind, weil viele türkische Menschen nicht von diesem Angebot noch nichts wissen“, sagt die zierliche Frau im Hosenanzug, die aber auf Zack zu sein scheint, mit akkurat geschnittener Frisur und ernsthaften Auftreten. Ein weiterer Grund: Die Pflegebedürftigkeit ist in türkischen Familien erstmalig aufgetreten. „Unsere Bewohner gehören zur ersten Generation türkischer Einwanderer. Sie sind die ersten von uns, die alt werden. Wir haben in Deutschland keine Vorbilder“, sagt die Leiterin des Altenheims.

Sie findet es wichtig, dass es ein eigenes Heim für türkische Pflegebedürftige gibt. Sich an ein deutsches Heim anzugliedern kann sie sich nicht vorstellen – schon wegen der gleichgeschlechtlichen Pflege, die der Islam vorschreibt. Die Bewohner seien hier gut bedient. Aufgehoben seien die Bewohner auch deswegen so gut, weil sich ein Stück eigener Geschichte in den Mitarbeitern widerspiegelt, Bilder und Berichte alter Zeiten. Irgendwo sei ihnen das alles vertraut. Deutsche Pflegeheime würden türkischen Senioren dagegen eher befremdlich wirken. Vertrauen aufzubauen sei dort noch weniger möglich als hier.

Harald Berghoff, Geschäftsführer des Pflegeheims ist da mit Nejla Kaba-Retzlaff einer Meinung: „Ganz klar muss man auch sagen, dass unsere Bewohner jetzt seit dreißig, vierzig Jahren in Deutschland leben. Da jetzt mit neuen Integrationskonzepten anzufangen, bringt nichts. Der Zug ist in dieser Sache tatsächlich abgefahren“, sagt der Geschäftsführer nüchtern. Bei einem Menschen, der nach fünfzig Jahren noch nicht integriert ist, aus welchen Gründen auch immer, müsse man heute nicht mehr versuchen, ihn „auf seine letzten Lebensjahre noch zu integrieren“, sagt Berghoff bestimmt.

Und wenn ihnen da, platt gesagt, in einem deutschen Heim alles sehr deutsch vorkomme, sei da nichts ist, was ihnen heimisch ist. Der Samowar, eine türkische Teemaschine, die man aus Dönerbuden in Deutschland kennt, gehört einfach dazu. „So richtig türkischen Tee morgens“, das sei etwas Feines und gehöre zum Wohlfühlen dazu, sagt Kaba-Retzlaff. Der Tee ist für ihre Be-wohner genauso wichtig, wie für den Deutschen der frisch gekochte Kaffee. Und im Alter sei das eben apart wichtig.

Ob Sunniten oder Schiiten, Aleviten oder Kurden. Mit der Integration von islamischen Kulturen, die sich sonst im Ausland häufig feindlich gegenüber stehen, klappt es hier schon besser. In zweiter, dritter Generation haben sich vor allem die Nachkommen der Einwanderer dem westlichen Lebensrhythmus angepasst. Großfamilien gebe es kaum noch. „Wir sind ein Haus für Menschen aus der Türkei“, sagt Akgün. Christen seien hier willkommen, wenn auch nicht explizit eingeladen, sagt die Sozialarbeiterin.

Momentan wohnen hier im Heim, bis auf zwei Christinnen, die mit einem Moslem verheiratet waren, ausschließlich Menschen islamischen Glaubens. Hier gibt es keine Kapelle, wie sonst in Altenheimen üblich, sondern eine Moschee im Kleinformat, einen Gebetsraum, in dem regelmäßig ein Berliner Mufti Gottesdienste hält. Das sei ein freibleibendes Angebot. Denn es komme weniger auf die Religion als auf den Menschen selber an: „Jeder Mensch, der sich bei uns wohlfühlt, ist herzlich willkommen“, sagt Geschäftsführer Harald Berghoff.

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3 Kommentare
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  1. municipal sagt:

    Einige markante Auszüge aus diesem Bericht , die auch den Gesamtkomplex „türkisch/muslimische“ Migation beleuchten, und Sachverhalte in einem anderen Licht erscheinen lassen:

    …die hier nach ihren türkischen Bräuchen und Sitten im Alter leben. Das heißt zum Beispiel, dass Männer nur von Männern und Frauen nur von Frauen gepflegt werden, was Bircan wichtig ist.

    Er ist nur einer der ehemaligen Gastarbeiter, die vor mehr als vierzig Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, AUF EIGENEN WUNSCH, um hier gut bezahlte Arbeit zu bekommen.

    Besonders konservative Türken würden denken, dass die Eltern das Gesicht gegenüber der Gesellschaft verlieren, wenn sie „ins Alten-heim abgeschoben“ werden.

    …..die Fragen seien oft dieselben: „Warum gibt man Angehörige hier ab? Haben Sie Kinder – und machen das trotzdem?“. Unter ihnen ist eine junge Dame, Mitte zwanzig, religiös, mit Kopftuch. Schüchtern spricht sie Yildiz Akgün an. Sie habe eine Schwiegermutter zuhause. Die Pflege würde allein an ihr hängen bleiben, DIE FAMILIE DENKE KONSERVATIV UND ERWARTE DAS SO. Niemals könne sie ihrem Ehemann sagen „Du, ich kann das nicht mehr machen. Wir könnten die Schwiegermutter ja doch mal in ein Pfle-geheim bringen, oder?“. Die junge Muslimin scheint mit ihrer Pflegerolle über-fordert. Trotz aller Schwierigkeiten konnte sich die Frau nicht dazu durchringen, dieses Thema offen zu Hause anzusprechen.

    Die HÜRDE DER SCHAM sei nicht so leicht zu umgehen. Um Spannungen in der Familie zu vermeiden, würden die Frauen die Pflege der Eltern meist komplett übernehmen. Viele Frauen WÜRDEN ERST DURCH DIE HOCHZEIT NACH DEUTSCHLAND KOMMEN, wobei dieses Opfer normal sei, sagt Akgün „die Familie geht davon aus, dass die Frau das macht“.

    Sich an ein deutsches Heim anzugliedern kann sie sich nicht vorstellen – schon wegen der GLEICHGESCHLECHTLICHEN PLEGE,DIE DER ISLAM VORSCHREIBT.

    „Wir sind ein Haus für Menschen aus der Türkei“, sagt Akgün. Christen seien hier willkommen, WENN AUCH NICHT EXPLIZIT EINGELADEN, sagt die Sozialarbeiterin.

    ……
    Hervorhebungen wichtiger Punkte (durch GROSSSCHREIBUNG) durch mich.

  2. calahan sagt:

    Ein grandioses Beispiel für eine grandios geglückte Integration, nicht wahr? Sogar Christen seien willkommen, nanana! Was sagt denn das tolle ,einzigartige Buch dazu? Da sollten sie doch mal nachschlagen! Nicht das noch die Hölle wegen Apostasie droht!
    Wenn man da an die sterilen italienischen, griechischen, portugiesischen, englischen oder französischen Altersheime in Deutschland denkt, mein Gott, was sind die schlecht integriert!



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