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Migration und Integration in Deutschland

Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

Thilo Sarrazin

Rücktrittsforderung nach Ausländer-Schelte

Thilo Sarrazin ist erst seit dem 1. Mai 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank. Nach einem Interview mit dem Kulturmagazin „Lettre International“ Mitte vergangene Woche wird bereits nach knapp fünf Monaten Amtszeit sein Rücktritt gefordert. Er hatte sich in rechtspopulistischer und abfälliger Manier über Türken, Araber und über die Mittelschicht geäußert.

„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“ und „Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren“, ist ein Auszug aus dem Repertoire Sarrazins. Außerdem meinte er: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert“ und „Das gilt für 70 Prozent der Türken und für 90 Prozent der arabischen Bevölkerung“.

Nachdem die Deutsche Bundesbank sich zuvor „entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin“ distanziert hatte und sich eine Empörungswelle breitgemacht hatte bedauerte Sarrazin den Vorfall: „Die Reaktionen, die mein Interview in Lettre International verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Das bedauere ich“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Seine Absicht sei gewesen, „die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskriminieren“.

Diese Entschuldigung reichte nicht. Auch Bundesbankchef Axel Weber attackierte seinen Vorstandskollegen scharf und forderte ihn indirekt zum Rücktritt auf. Die Aussagen seien „bedenklich“ und „nicht mit dem Verhaltenskodex der Bundesbank vereinbar“, sagte Weber am Samstag am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Istanbul. „Jeder hat Verantwortung für die Institution und muss mit sich selbst ins Gericht gehen“, sagte Weber weiter. Es gehe nicht um Personen, sondern um Institutionen.

Forderungen nach einem Parteiausschlussverfahren aus der SPD gegen den früheren Berliner Finanzsenator wurden ebenfalls laut. „Nach diesen Äußerungen ist Thilo Sarrazin in der Sozialdemokratie untragbar“, sagte die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl. „Die Parteigliederung, bei der Herr Sarrazin Mitglied ist, sollte ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn einleiten. Dafür liegen nun ausreichend Anhaltspunkte vor. Er ist schon lange kein Sozialdemokrat mehr.“, so Högl weiter. Auch SPD-Politiker Vural Öger werde sich beim Parteivorstand für einen Parteiausschluss Sarrazins einsetzen. Er bezeichnete die Äußerungen als „beschämend, widerlich und skandalös“.

Muss Thilo Sarrazin nach seiner Ausländer-Schelte zurücktreten?
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    Ich weiß nicht. (2%)
     
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    Richtig unangenehm wurde es für Sarrazin, als das Landeskriminalamt eine Prüfung angekündigt hatte, ob „die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten wurden und sich der Anfangsverdacht für einen strafbaren Inhalt ergibt“.

    Unterstützung erfuhr der frühere Finanzsenator lediglich von der NPD. Sarrazin bringe „die Entwicklung unseres Landes auf den Punkt“, sagte ein Sprecher der rechtsextremen Partei.

    So fiel auch dem Vizechef der türkischen Zentralbank, Ibrahim Turhan, nicht mehr ein, als höheren Beistand für Sarrazin zu rufen: „Allah möge ihm mehr Verstand geben.“

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    97 Kommentare
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    1. Markus Hill sagt:

      „Dies liegt aber meiner Meinung nach nicht nur daran das man Vorbehalte hat gegen diese Gruppen sondern das und das muß hier auch einmal akzeptiert werden schlicht und ergreifen KEINE ARBEIT mehr da ist.“
      Ihre Aussage klingt sehr resigniert. Fast „Weltuntergang“, ist ja auch eine Meinung.
      Es stimmt, Berlin ist strukturschwach. Es stimmt auch, dass für Unqualifizierte (kaum Sprachkenntnisse, keine Ausbildung bzw. schlechter Schulabschluss etc.) kaum oder keine Arbeit da ist bzw. das subjektive Empfinden besteht, dass diese Arbeit für eigene Qualifikation oder Nicht-Qualifikation als unterbezahlt erscheint. Ein Übriges tun die Sozialtransfers, man gewöhnt sich vielleicht bei manchen Gruppen daran. ABER: Besteht da nicht noch Hoffnung, dass man durch bestimmte Massnahmen (Bildung etc.) nicht noch etwas ändern könnte?

    2. Johanna sagt:

      >–> Als Finanzsenator??? Wofür gibt es denn dann Innensenator, etc.? <

      Die Herren kennen sich doch untereinander.

      Herr Sarrazin hatte als Finanzsenator einen guten Überblick über die Kosten von Schulabbrechern und Arbeitslosen.

    3. Johanna sagt:

      >… die Sozialtransfers, man gewöhnt sich vielleicht bei manchen Gruppen daran. ABER: Besteht da nicht noch Hoffnung, dass man durch bestimmte Massnahmen (Bildung etc.) nicht noch etwas ändern könnte?<

      Da sollten wir uns die typischen Einwandererländern zum Vorbild nehmen:

      Wer nach einer gewissen Zeit nicht arbeitet, bekommt keine finanzielle Unterstützung.

    4. Krischan Pipengruen sagt:

      Ich geb‘ mal ’nen kostenlosen Tipp ab:

      Die Sarrazin-Sache wird sich bald g a n z a n d e r s entwickeln, als sie nach den ersten hysterischen Reaktionen der linken Gutmenschen- und rechten Türken („Allah gebe Herrn Sarrazin Verstand!“)-Fraktion begonnen hat.

      Ein durchaus ernstzunehmender T e i l der deutschen Qualitätsmedien ist bereits in der Beurteilung umgeschwenkt, weitere werden noch folgen. Natürlich nicht die verprantelte Süddeutsche, aber andere schon.

      Der Grund für die hysterischen Reaktionen der linken Gedankenpolizei liegt darin, daß sich Sarrazin nicht an das von ihnen seit 1968 verordenete Neusprech gehalten hat und die Dinge so benennt, wie er sie als langjähriger Berliner Finanzsenator vorgefunden hat (übrigens: wer besitzt hier in diesem Kreise mehr Sachkompetenz als Sarrazin? Bitte melden und begründen!)

      Also – ich meine, eine ganz neue, viel ernsthaftere Diskussion über türkische und arabische Integrationsverweigerer und ihre unvermeidlichen Kopftuchmädchen hat bereits begonnen.

      Sehr deutliche Worte spricht dazu Heinz-Olaf Henkel im DLF (man beachte, wie dem Guti, der die Fragen stellt, nach und nach völlig der Strom ausgeht):

      http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/10/05/dlf_20091005_1222_66c29c06.mp3

      Also, liebe MIGazinler, wenn ich ein Einwanderer aus der Türkei wäre oder aus einer eingewanderten Familie käme, würde ich mich schleunigst über das Interview hermachen und die argumentative Auseinandersetzung mit Sarrazins Thesen suchen und nicht darauf hoffen, daß die alten bequemen Denkverbote in alle Ewigkeit gelten werden.

      Beim WDR, im Gutmenschenfunk also, der keine journalistischen Gesichtspunkte mehr zu vertreten scheint, gibt’s so eine Türkin, Asli Sevindim, die es falsch vormacht:

      http://www.wdr.de/tv/aks/sendungsbeitraege/2009/kw40/1002/index.jsp
      ab 25:30

      Argumente?
      Null!
      Gutmenschengelaber?
      100 %.

      Das können unsere Fachkräfte im MIGazin, das ich übrigens regelmäßig und mit großem Interesse lese, doch sicherlich besser.

      Also – wo sind die Argumente gegen Sarrazin, wo …?
      Wo ist etwas, über das sich diskutieren läßt?

    5. li sagt:

      Herr Sarazin muß weg.
      Seine Äußerungen sind volksverhetzende braune Soße.

      Hätte er statt Türken oder Araber
      zu bemühen sich in gleicher Weise über Juden geäußert hätten wir gar keine
      Diskussion, er wäre schon in der ersten Minute nach der Veröffentlichung ohne jede Diskussion abberufen worden.

      Ich empfhehle daher den Kontakt auf der Seite der Bundesbank
      jedem die Abberufung von Sarazin zu fordern.

      LI
      LI

    6. Jens sagt:

      „“Unterstützung erfuhr der frühere Finanzsenator lediglich von der NPD.”“

      Nicht ganz.

      Hier nur ein Beispiel:

      Interview mit Hans-Olaf Henkel, ehem. BDI-Präs.: Sarrazin und Meinungsfreiheit:

      http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/10/05/dlf_20091005_1222_66c29c06.mp3

    7. Bogo sagt:

      @Krischan Pipengruen
      Das die Medien umschwenken, ist uns nicht entgangen.
      Das ändert aber nichts daran, dass Thilo Sarrazin nicht der erste und auch nicht der letzte sein wird der sich im Umgangston vergriffen hat.
      Was hat ein Thilo Sarrazin wohl für die deutsche Unterschicht übrig, wenn es keine Ausländer sind, die seinen Unmut erregen?.
      Im übrigen, braucht es keiner Arschtritte seitens der Politik um die Diskussion anzustossen, die ist längst im Gange und selbst der Anatole aus dem letzten Kabuff in der Türkei, weiß schon lange das mit Deutschland nicht gut Kirschen essen ist, wenn es an die eigene Geldbörse geht und er sich schläunigst um seine Integration zu kümmern hat.
      Außerdem ist ihnen bei der ganzen Freude über Sarrazins Äußerung entgangen, was unsere Elite von dem Gemüsehändler um die Ecke hält, ich denke mal der deutsche Gemüsehändler wird jetzt genau wissen wozu er in dieser Gesellschaft taugt, wenn es den türkischen nicht mehr gibt.
      Ach herrje, wie war das mit der Politik und dem Staat?
      Der Bürger wählt Politiker, damit sie einen Staat schaffen der produktiv ist, seit wann beschwert sich der Arbeitnehmer über den Bürger aus dessen Hand er gefüttert wird, wo er doch selbst den Hintern nicht hoch gekriegt hat. Ich als Chef (Bürger) würde den Politikern Beine machen, die ihre Pflicht nicht erfüllen und obendrauf noch die Schuld auf andere schieben.
      Ach SPD schon abgewählt?
      Zu viel am Busen der Macht genuckelt und vergessen worum es in der Sozialdemokratie geht?
      Damit haben die „vielen“ kleinen Kopftuchmädchen (30% der Muslima tragen Kopftuch) nun wirklich nichts zu tun und den Sinn der Sprüche von Sarrazin können die Medien noch so lang suchen, drehen und wenden,
      er war es jedenfalls nicht, der eine Integrationsdebatte ausgelöst hat oder sind sie erst seit heute hier?.

    8. Orianus sagt:

      Es wird Zeit, dass der Muff von 40 Jahren, der uns seit 1968 nichts als Denkverbote, Werteverfall und geistig verödete Stromlinienförmigkeit gebracht hat, endlich durchgelüftet wird.

      Herr Sarrazin besitzt meine Hochachtung, und das nicht erst seit gestern. Ich habe schon vor längerer Zeit einmal mit ihm gechattet und ihn danach gefragt, wie er es denn mit seinen Überzeugungen im rotroten Senat aushalte, worauf er meinte, es sei eine tägliche Herausforderung für ihn, seine Senatskollegen zu überzeugen, und das gelinge ihm mal mehr, mal weniger gut. Der Vorwurf, er habe als Finanzsenator in Berlin nichts bewirkt, geht völlig ins Leere. Ich würde sagen, bei den vorliegenden Rahmenbedingungen einer rotroten Senatsmehrheit hat Sarrazin das Maximum für Berlin erreicht – nur ihm war es zu verdanken, dass die Hauptstadt nicht völlig vor die Hunde ging und sogar Erfolge bei der Haushaltssanierung verbuchen konnte.

      Ich hoffe, dass nach Herrn Henkel sich weitere prominente Fürsprecher aus der Deckung wagen und Klartext reden. Es kann nicht angehen, dass existenzielle Probleme unseres Landes mit billigen und inhaltsleeren Floskeln aus der Denkschule der PC weiterhin unter den Teppich gekehrt werden. Herr Sarrazin braucht jetzt die Unterstützung des freien, des liberalen Deutschland. Das zarte Pflänzchen des Pluralismus, das durch Sarrazins – brilliantes – Interview hervorgetreten ist, darf nicht leichtfertig zertreten werden. Wegschauen ist out, Farbebekennen angesagt. Die schweigende Mehrheit muss das Sprechen lernen.

      Es ist an der Zeit, das nach links gekenterte Deutschlandschiff wieder auf einen klaren Kurs zu bringen.

    9. Orianus sagt:

      Natürlich hat er auch andere Einwanderergruppen benannt, aber eben nicht als Problemfälle, sondern als Beispiele überwiegend gelungener Integration. Genau hier hat er doch differenziert, also das getan, was man ihm unterlassen zu haben vorwirft. Lesen Sie doch mal das ganze Interview. Beachten Sie den Kontext seiner Begründungen und Erläuterungen und begnügen Sie sich nicht mit den Versatzstücken, die die Qualitätspresse Ihnen vorsetzt.

      Undifferenziert sind seine Scharfrichter, nicht er selbst.

    10. Malte sagt:

      Herr Sarrazin muß nicht nur sofort zurücktreten sondern er muß für seine volksverhetzenden und beleidigenden Äußerungen auch vor Gericht gestellt und verurteilt werden. So ein geistiger Brandstifter hat in der Politik und auf einem so hohen öffentlichem Posten nichts zu suchen. Das er aus der SPD ausgeschlossen werden muß steht da nur außer Frage. Dieser Mann hat nichts mehr in hohen öffentlichen Ämtern oder der Politik verloren. Er ist ein Hetzer übelster Sorte, der einen Keil zwischen die MigrantInnen und Aufnahmegesellschaft treibt. So kann niemals ein interkulturelles Miteinander enstehen, wenn Leute wie Sarrazin das gesellschaftliche Klima vergiften, indem sie mit ihren Haßtriaden und Vorturteilen ganze Bevölkerungsgruppen aufs schärfste beleigen. Wo stünde denn heute Deutschland wenn die Türken nicht angeworben wären? Die Türken haben Deutschland mitaufgebaut, man sollte ihnen ein bisschen mehr Respekt zollen, anstatt auf ihnen rumzuhacken und sie als „nutzlos“ zu betiteln. Ich verurteile Sarrazins Äußerungen auf schärfste. Ich hoffe ergebens, dass er dafür die Konsequenzen zu tragen hat. Und die bedeuten: Rücktritt von seinem Amt als Bundesbankier, Ausschluß aus der SPD und Anklage und Verurteilung wegen Volksverehtzung.


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