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Wahlkampf 2009

Ali im Wunderland

Seit einigen Wochen sollte es den in Deutschland lebenden Migranten richtig gut gehen, denn wann wurde schon mal so um ihre Gunst gebuhlt wie im aktuellen Bundestagswahlkampf?

Wer regelmäßig die türkische Presse verfolgt, bekommt jeden Tag in mehreren Zeitungen nette Posen bekannter Politiker mit Unternehmern, Familien oder Jugendlichen zu Gesicht, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind Migranten, die in Deutschland leben.

Auf diversen Titelblättern fordert Bundeskanzlerin Merkel, dass es auch Bundestagsabgeordnete mit Migrationshintergrund geben sollte, während Herr Steinmeier im Innenteil eine halbe Seite für sein Bild und eine sehr persönliche Ansprache an türkische Wähler (selbstverständlich auf Türkisch) beansprucht und Cem Özdemir betont immer wieder, was eine Koalitionsbeteiligung der Grünen den Migranten für Vorteile bringen würde.

Der Fastenmonat Ramadan hätte zeitlich eigentlich gar nicht besser liegen können, als in der letzten heißen Phase des Wahlkampfes. So konnten auch Einladungen zum Iftar, dem abendlichen Fastenbrechen, in den verschiedensten Formaten dazu genutzt werden, um den Muslimen in Deutschland warme Botschaften zuzusenden – parteiübergreifend versteht sich. Politiker mit einem nichtdeutschen Hintergrund entdecken plötzlich den Migranten in sich und treffen vor Ort auf die ausländische Bevölkerung nach dem Motto „Politik von Migranten für Migranten“.

Aus der Kosten-Nutzen Perspektive betrachtet, gibt es im Wahlkampf wohl kaum eine wirtschaftlichere Vorgehensweise als das neue Ethno-Marketing, welches Politiker momentan betreiben. Es ist fast so, als hätte man einen Schatz gefunden, von dem bislang noch keiner wusste. Und nun, wo er entdeckt ist, möchte jeder etwas vom Kuchen haben. Dabei leben diese Menschen doch schon seit über 40 Jahren in diesem Land, das mittlerweile auch ihre Heimat geworden ist. Wieso brauchte die deutsche Politik so lange, um zu verstehen, welches enorme Wählerpotenzial in den verschiedenen Migrantengruppen schlummert?

Frei nach dem Motto „Mehr Demokratie durch Döner“ bekommt man in Mannheim als Migrant, der am 27. September zur Wahlurne geht, einen Döner Kebab – gratis. In der Tat ist das Werben der Politiker um Migrantenstimmen in zweierlei Hinsicht äußerst gewinnbringend für die Demokratie in unserem Land: einerseits nutzen Migranten das ihnen zustehende Wahlrecht und partizipieren in der deutschen Demokratie. Andererseits agieren die Politiker im Auftrag eines größeren, diversifizierteren und auch repräsentativeren Teils der Bevölkerung.

Fraglich bleibt aber, ob dieser Fall auch tatsächlich eintreten wird, wenn die Wahlen erst einmal gelaufen sind. Der Elan, der momentan beim deutschen Wahlkampf im Bezug auf Migrantenwähler zu sehen ist, ist in der Tat erfreulich und beeindruckend. Doch geht es ja bekanntlich nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität. Ähnliche Begeisterung und Mühe wären daher sicherlich auch für die Integration nicht verkehrt, sodass beispielsweise grundlose Moscheekontrollen ein Ende haben könnten.

Alle werben um die Stimme von Ali; er ist zurzeit im Wunderland. Als in Deutschland lebender Mensch sollte er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen, keine Frage. Ob seine Partizipation an den Wahlen sich allerdings für ihn persönlich rentiert, wird sich ab dem 28. September zeigen. Unabhängig davon, welche Koalition entstehen wird.