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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Falsche Maßstäbe

Grundgedanken zur politischen Teilhabe von Menschen muslimischen Glaubens

Vor acht Jahren hätte ich mir niemals vorstellen können, Mitglied einer politischen Partei zu werden oder den Blick auf das gesellschaftliche Ganze zu richten Der 11. September war für uns alle einschneidend.

VONMuhammad Sameer Murtaza

Muhammad Sameer Murtaza war von 2006 bis 2008 wissenschaftliche Hilfskraft im Kompetenzzentrum Orient-Okkzident (KOOM) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Sommer 2007 übernahm er die Leitung des Seminars Politische Strömungen im Islam am Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2008 ist er Angestellter bei Pharma International in Mainz-Laubenheim, SPD Mitglied und Fremd-Dozent an der Krankenpflegeschule des Katholischen Klinikum Mainz St. Hildegardis. Seine jüngste Veröffentlichung: Muslime im Krankenhaus. Ein interreligiöser Ratgeber für das Krankenpflegepersonal.

DATUM22. September 2009

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Ich hatte zwei Jahre zuvor meinen muslimischen Glauben gefunden und versuchte diesen, soweit wie es mir möglich war, zu verstehen und zu praktizieren. Keine einfache Aufgabe, wenn es keinen islamischen Religionsunterricht gibt und die Imame der beiden türkischen Moscheen im Ort kein Deutsch sprechen. An jenem 11. September wusste ich, dass ich am nächsten Tag in der Schule unweigerlich Rechenschaft ablegen müsste, ob meine Religion so etwas gebiete. So war es dann auch. Ich musste von Schulstunde zu Schulstunde, von Fach zu Fach, von Lehrer zu Lehrer und natürlich auch meinen Mitschülern erklären, dass die Geschehnisse in New York nicht mit dem Islam vereinbar seien. Statt einen fachkundigen muslimischen Theologen einzuladen, wandte man sich an mich. Die Erfahrung mich von etwas distanzieren zu müssen, mit dem ich sowieso nichts zu tun hatte, hinterließ in mir das Gefühl der Fremdheit, des Anderssein.

Bis zum Abitur wurde ich durchgängig mit dem Thema Islam konfrontiert. Manche Geschichtsstunden entwickelten sich zu reinen Debatten zwischen meinem Lehrer und mir, in denen Hungtington Grüßen ließ.

Im mündlichen Abitur wurde ich dann in Geschichte geprüft, dabei ging es weniger um den Unterrichtsstoff, als um die Frage, ob ich als Bildungsminister eines muslimischen Landes die Lektüre Nathan der Weise einführen würde.

Je länger ich von meiner Außenwelt als Fremder wahrgenommen wurde, desto mehr kapselte ich mich freiwillig ab. Damals gefiel ich mir in meiner Rolle des rebellischen Außenseiters. Heute, rückblickend, stelle ich jedoch fest, dass mir durch mein Alleinsein nichts anderes mehr als der Islam geblieben war. Mein Glaube erhielt eine ein- und überdimensionale Rolle. Ich glaube, dass viele Menschen muslimischen Glaubens genau diese Erfahrung nach dem 11. September gemacht haben.

Das WIR und DIE in unserem Land
Als Islamwissenschaftler stelle ich fest, dass Menschen muslimischen Glaubens, aber auch nichtmuslimischen Glaubens eine imaginäre Vorstellung vom Islam geschaffen haben. Menschen nichtmuslimischen Glaubens führen in der Regel alle politischen, alle sozialen, alle kulturellen und alle wirtschaftlichen Probleme der Muslime auf den Islam zurück. Das Fehlen von Demokratie in der muslimischen Welt wird dem Islam angelastet. Ehrenmorde im türkischen Milieu werden dem Islam angelastet. Müll im Berliner Tiergarten wird dem Islam angelastet. Die Zeit titelte vor kurzem: „Im Berliner Tiergarten lassen Muslime Müll zurück.“ Den gleichen Fehler machen aber auch Menschen muslimischen Glaubens, die die Lösung all ihrer politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Probleme dem Islam aufbürden. Unter dem verheißungsvollen Slogan al-islam huwa al-hall (Der Islam ist die Lösung) wird die Religion zu einem messianischen Versprechen, das Erwartungen projiziert, die nicht eingehalten werden können. Der Islam wird somit von Menschen nichtmuslimischen und muslimischen Glaubens zur Ideologie verzerrt oder verklärt.

Hinterfragen wir diesen imaginären Islam. Wir alle sprechen wie selbstverständlich von dem Islam. Doch welchen Islam meinen wir? Sprechen wir von der sunnitischen oder schiitischen Konfession? Von der theologischen Schule der Athariyya, der Asch’ari oder der Maturidiyya? Von der hanafitischen, malikitischen, schafi’itischen oder hanbalitischen Rechtsschule? Von Zwölfer-Schiiten, siebener Schiiten oder fünfer Schiiten? Von puritanischen Bewegungen wie dem Wahhabismus, Reformbewegungen wie jene von Muhammad Abduh, ideologische Bewegungen wie der Muslimbruderschaft, revolutionären Bewegungen wie der Hizb Al-Tahrir oder nihilistischen Bewegungen wie der Al-Qaida? Der Islam ist ein Euphemismus. Der Islam ist sicherlich kein schwarzer Monolith, sondern ein Mosaik. Ein Mosaik wie es das Judentum und das Christentum auch sind. Den Muslim gibt es ebenso wenig wie es den Juden oder den Christen gibt.

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57 Kommentare
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  1. Boli sagt:

    Ich bin mir bewusst, dass in vielen so genannten muslimischen Ländern Christen eine solche Teilhabe verwehrt wird. Aber ich und andere Menschen muslimischen Glaubens sind nicht verantwortlich für die Politik dieser Länder, noch heißen wir sie gut. Unsere Heimat ist hier. Und wenn wir nachts träumen, dann träumen wir in deutscher Sprache. Undemokratische Länder sollten nicht unser Maßstab sein. Der athenische Staatsmann Perikles sagte einmal: „Wir ahmen nicht nach, sondern sind Vorbild für andere.

    Na, also der erste Satz trägt eine Verharmlosung der wahren Zustände in sich. In mehreren dieser Länder steht auf Glaubensabfall vom Islam die Todesstrafe. Und in diesen Ländern hat man als Christ auch meistens keine allzu große Lebenserwartung.
    Als ich mich vor einiger Zeit in Athos (Griechenland) griechisch-orthodox habe taufen lassen habe ich mitbekommen, das ein Ägyptischer Muslim für 3 Monate extra nach Athos gekommen ist, um Christ zu werden. Das alleine zeigt die Zustände der meisten muslimischen Länder auf. Zuhause hätten sie den Mann im günstigsten Fall eingesperrt und unter Drohungen und Folter wieder versucht zurück zu kehren.

    Sie haben gesagt, das der Islam viele Strömungen hat. Schön das endlich einmal jemand anfängt und die Unterschiede aufzeigt. Jetzt fehlt es eigentlich nur noch heraus zu finden, welche Muslime in Deutschland in welcher Anzahl leben. Finden sie die Nestbeschmutzer, so finden Sie die, die den Ruf ALLER Muslime schädigen. Es gibt keinen anderen Weg. Wahabiten z.B. muss Deutschland meiner Meinung nach nicht länger tolerieren.
    Verweist die Nestbeschmutzer des Nestes und es herrscht Frieden. Aber nur rumjammern, jaaaa die bösen Deutschen schlagen auf alle Muslime ein. Ich habe die Gründe gerade genannt. Es liegt in der Hand der Muslime sich zu rehabilisieren.

  2. Markus Hill sagt:

    „Ich bin mir bewusst, dass in vielen so genannten muslimischen Ländern Christen eine solche Teilhabe verwehrt wird. Aber ich und andere Menschen muslimischen Glaubens sind nicht verantwortlich für die Politik dieser Länder, noch heißen wir sie gut. Unsere Heimat ist hier. Und wenn wir nachts träumen, dann träumen wir in deutscher Sprache.“
    Sehr interessant. Statements in dieser „EIN-Eindeutigkeit“ werden häufig von Vertretern der Muslime auf deutscher Seite vermisst. So ein Statement baut mehr Brücken, als jedes unberechtigte „Diskriminierungs-Gejammer“ (ohne Leugnung von tatsächlichen „Benachteiligen“) und jede Verschwörungstheorie („alle hassen die Türken / Muslime“, etc.). Die Frage ist, ob solche Aussagen wohl mehr eine Minderheitenposition sind oder so langsam auch Mainstream in der islamischen Community in Deutschland darstellen. Es wäre zu begrüssen.

  3. Mehmet sagt:

    „Vertretern der Muslime auf deutscher Seite vermisst.“

    Nun Herr Hill, sagen tun viele diesen Satz. Nur wird es komischerweise nie in die Medien getragen. Der türkische Schläger ist für politische Zwecke eben besser geeignet, um Wahlen zu gewinnen.

  4. Kosmopolit sagt:

    Unter den Migranten unterschiedlichster Ethien und Religionen fokussieren sich nur überproportional die Muslime über ihre Religion. In Europa ist eigentlich Staat und Religion getrennt. Vielleicht geben hier die Muslime Auskunft, wie das hier praktiziert werden kann, wenn bei einem großen Teil der Muslime, bewusst oder unbewusst, islamische Gesetze höher eingeschätzt bezw. befolgt werden wie die Landesgesetze oder das GG. Das hier unterschiedliche Wertssysteme aufeinanderprallen, muss nicht extra erwähnt werden.

  5. Kosmopolit sagt:

    Sehr geehrter Herr Muhammad Sameer Murtaza,
    die Muslime möchten hier Teilhabe am politischen Geschehen partizipieren. Gegenfrage; wo bleibt gleicberechtigt diese Teilhabe von Christen in Ländern, die älter sind als der Islam. Ich spreche hier von den Kopten, deren Lebensgrundlage ( Schweine ) erst kürzlich vernichtet wurde, oder im Irak, wo diese Christen unbarmherzig ausgerottet werden. Die Türkei klammern wir hier mal aus, obwohl das ursprüngliche Christentum alter als das osmanische Reich war.
    Frage: Ist das alles einer friedlichen und barmherzigen Religion würdig, wie sich hier der Islam bezeichnet? Oder muss ich immer hören, das hat nichts mit dem Islam zu tun ? Ich stelle immer wieder fest, dass man sich hier keiner Diskussion stellt, was ich sehr bedauere.

  6. Mehmet sagt:

    Im Islam gilt, dass man sich den Eigenheiten im Rahmen der Gesetze eines anderen Gesellschaftssystems anpassen muss, sobald man daran teilnimmt.

  7. Kosmopolit sagt:

    Den Spruch kenne ich zur Genüge, entspricht das der Wirklichkeit??

  8. Markus Hill sagt:

    Da befinden wir beide uns jetzt im Feld der Spekulation. Ich kann nicht behaupten und beweisen, dass Medien etwas nicht veröffentlichen, was andere angeblich doch oft sagen sollen. Dann müssten Sie mir jetzt Links oder Nachweise zeigen über Meldungen, die nicht veröffentlicht wurden. Zusätzlich müsste bei diesen nicht-veröffentlichen Statements auch noch belegt werden, dass diese aus „niedrigen Motiven“ nicht veröffentlicht wurden. Mir erscheint das sehr schwierig. Wir beide wissen das dann wohl nicht. (Ich gehe von den mir zugänglichen Medien aus, wobei es schon vereinzelt positive Statements gab – so eindeutig in der Christentum-Kirchen-Frage habe ich noch keine wahrgenommen).
    Was ich recht sicher weiss bzw. vermute: Es gibt keine Verschwörung der deutschen Presse gegen die Muslime/Türken. Wir haben vor kurzem einen skandalösen Fall mit deutschen Schlägern gehabt (S-Bahn, München), auch bei jedem Amoklauf in Schulen mit Deutschen wird normal berichtet. Man kann sogar sagen, dass sich die Medien im Bereich Türken/Kriminalität stark zurückhalten, weil sie gerade nicht in den Ruf von Ausländerfeindlichkeit geraten wollen.
    NATÜRLICH: Medien sind „auflagengeil“ – gute Stories (auch durch türkische Schläger initiiert) verkaufen sich besser. Besonders brutale Taten etc. wirken immer auflagensteigernd. Das Gesetz der Ökonomie gilt halt auch dort, mit allen unerfreulichen Erscheinungen.

  9. Gecko sagt:

    Was ist mit Tariq Aziz, der als Christ irakischer Vize-Regierungschef war, bis das Regime gestürzt wurde. Damals wurden die Christen im Irak nicht verfolgt. Terror und ethnische bzw. religiöse Konflikte sind mit dem US-Engagement ins Land gekommen.
    Werfen wir einen Blick auf das heutige Libanon, wo Michel Suleiman, ein Christ, Staatspräsident ist, obwohl die Christen inzwischen von den Schiiten als größte religiöse Gruppe abgelöst worden sind. Wer weiß wieviele Parlamentarier, Staatssekretäre und hochrangige Diplomaten in der muslimischen Welt noch christlichen Glaubens sind.
    Das soll nicht heißen, dass Christen in islamischen Ländern nicht diskriminiert würden. Doch, es gibt Diskriminierungen und teilweise sogar gewalttätige Übergriffe gegen sie, genauso wie es in Europa Diskriminierungen und teilweise gewalttätige Übergriffe gegen Muslime gibt.

  10. Mehmet sagt:

    Was einzelne Personen daraus machen, das kann der Islam an sich nicht entscheiden. Eine Religion gibt Vorgaben, inwiefern diese eingehalten werden, entscheidet der Mensch.


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