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Migration und Integration in Deutschland

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Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Erol Yildiz

„Stadtplaner sollten die besonderen Kompetenzen der Migranten besser nutzen“

Interview mit Prof. Dr. Erol Yildiz zu Migration und Stadtentwicklung. Darin fordert er, dass die besonderen Kompetenzen der Migranten bei der Stadtentwicklung besser genutzt werden. Außerdem geht es um die Frage, weshalb sich Migranten in bestimmten Stadtvierteln sammeln.

Margret Karsch: Menschen sind immer gewandert, Stadtentwicklung ist eine normale Folge dieser Mobilität. Wieso ist das Thema Migration in Deutschland, Österreich und anderen Ländern dann so brisant?

Erol Yildiz: Ein Teil der Diskussion wird immer ideologisch geführt. Die Öffentlichkeit hat den Zusammenhang von Migration und Stadtentwicklung noch längst nicht zur Kenntnis genommen. Wenn man aber guckt, wie die Menschen in den Stadtteilen leben, wie sie dort miteinander umgehen, dann merkt man, dass Menschen im Alltag doch eher pragmatisch orientiert sind.

Karsch: Haben Sie ein Beispiel?

Yildiz:Nehmen wir die Esskultur in Köln: Wenn man essen gehen will, geht man selbstverständlich italienisch, thailändisch, griechisch essen – das gehört zur Normalität. Als ich vor etwa 30 Jahren nach Köln kam, sah Köln ganz anders aus. Es gab draußen keine Sitzgelegenheiten. Heute hat Köln ein ganz anderes Flair. Die Frage ist: Woher kommt das? Ich denke, dass die Migranten viel dazu beigetragen haben. Das gehört zu Köln, das wird im Alltag sozusagen vereinnahmt. Aber wenn man darüber redet, dann tut man immer so, als ob die Migranten das Hauptproblem in Köln und anderen Städten wären.

Karsch: Ist das Zusammenleben in der Realität fortgeschrittener als die Diskussion darüber?

Yildiz: Jeder nutzt im alltäglichen Leben viele Elemente, die nicht lokal sind, auch nicht „kölsch“ oder deutsch. Wie dies wahrgenommen wird, dazu gibt es verschiedene interpretationen. Oft werden bestimmte „Probleme“ oder „Konflikte“ sichtbar gemacht und generalisiert. Bei Einheimischen ist beispielsweise vom beziehungsdrama, bei Migranten vom sogenannten „Ehrenmord“ die Rede. Man spricht dann über türkische oder deutsche Mentalität. In solchen Deutungen kommt das differenzierte Alltagsleben kaum vor. Wenn man wissen will, woher diese Deutungsmuster kommen, dann sollte man zunächst in die Schulbücher schauen. Sie thematisieren Migranten fast nur in Konfliktzusammenhängen und stellen sie als homogene Gruppe dar. Damit werden bestimmte Bilder reproduziert. Es besteht also eine Spannung zwischen dem alltäglichen Leben, dem Umgang miteinander, und der Reproduktion von Bildern von Migranten.

Karsch: Wie kann man diese überholten Bilder verändern?

Yildiz: Man muss in den Schulen ein anderes Bild von Migration vermitteln, das differenzierte Blicke auf Alltagswirklichkeiten ermöglicht. In den Büchern erscheint Migration immer noch als Ausnahme- oder Notfall.

Karsch: Aber natürlich gibt es auch Ängste vor dem Fremden und Konflikte – wie immer, wenn Menschen zusammenleben. Dienen die Minderheiten als Sündenböcke für gesellschaftliche Schwierigkeiten, etwa die Fehler in der Bildungspolitik?

Yildiz: Das ist auch eine machttheoretische Frage. Die Gesellschaft wird vereinfacht betrachtet, reduziert auf eine Spaltung in „wir“ und „die anderen“. Die Frage ist: Wer gehört zum „wir“, wer zu „den anderen“? Es gibt Entwicklungen, die man politisch beeinflussen kann, etwa indem man ein europäisches „Wir“ definiert, dazu gehören dann beispielsweise die Spanier, Griechen oder Portugiesen. Durch die Aufnahme ihrer Heimatländer hat man die Migranten aus diesen Ländern „entproblematisiert“ und unsichtbar gemacht. „Die anderen“ sind dann eben die Türken, auch wenn sie in der dritten Generation hier leben. Wenn jetzt etwas Problematisches passiert, sagen wir: „Das war ja klar.“ Aber die Gruppen sind austauschbar, es kann sein, dass es in 20 Jahren andere sind.

Karsch: Wie kommt es, dass diese Gruppen sich oft in bestimmten Stadtvierteln sammeln?

Yildiz: Das hat schon mit Diskriminierung zu tun: Angehörige bestimmter Gruppen finden in bestimmten Stadtteilen eher eine Wohnung als anderswo, in Köln beispielsweise wohnen viele Türken oder russische Aussiedler in Chorweiler, einem Stadtteil am Rande der Kölns. Und weil die Wohnungen billig sind, leben dort auch viele Einheimische der Unterschicht. Die Mittelschicht wohnt da nicht, auch keine Studierenden. Ohne jemals in Chorweiler gewesen zu sein, wissen sie, dass man dort nicht wohnt. Man spricht von „Parallelgesellschaft“ und Kriminalität, die Deutungen sind festgefahren. Bei dieser Wahrnehmung geht es um ein gefühltes, medial vermitteltes Wissen, nicht um das konkrete Alltagsleben.

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Ein Kommentar
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  1. manz sagt:

    hallo,

    Hört, hört.

    „(z)ugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen, Zuwanderer finanzielle Unterstützung, Stadtplanerisch war Chorweiler ein Fehler.“

    Die Welt ist schon betrüblicher Weise ungerecht.

    Es gibt keine Diskriminierung mehr auf dieser Welt, wenn Deutschland endlich seine […] Grenzen öffnet.
    Ohne Ausnahme sind alle willkommen. Dann folgt der „“(z)ugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen“

    […]

    vgm.



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