Integration in Deutschland

Viele Daten – wenig Erkenntnis

Was leistet „Der erste Integrationsindikatorenbericht“ der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration?

Die Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, Maria Böhmer, hat jüngst den Bericht „Integration in Deutschland“ vorgestellt. Nach Böhmers Ansicht bestätigt der Report die Richtung und die Erfolge ihrer eigenen Politik. Eine Bewertung der Integrationspolitik lässt der Bericht aber nicht zu.

Wer eine sinnvolle Integrationspolitik betreiben will, braucht erstens Erkenntnisse darüber, wie es um die Integration in Deutschland steht. Zweitens müssen konkrete Ziele formuliert werden. Ob sie erreicht werden, muss sich drittens mit festgesetzten Indikatoren messen lassen, denn nur so kann letztendlich der Erfolg von politischen Maßnahmen bewertet werden. Die Notwendigkeit eines solchen Integrationsmonitoring ist national wie international anerkannt. In Deutschland haben in letzter Zeit mehrere Institute indikatorengestützte Studien vorgelegt, unter anderem das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 1.

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Staatsministerin Böhmer hat ein eigenes Integrationsmonitoring entwickeln lassen. Im Vorfeld wurden die verschiedenen Ministerien und Bundesbehörden befragt, welche Aspekte sie für eine Beurteilung der Integration in Deutschland heranziehen würden. Herausgekommen ist ein Satz von 100 Indikatoren, auf deren Basis in Zukunft ein regelmäßiger Integrationsbericht angefertigt werden soll. Allerdings lassen sich dafür bisher nur die Daten der Jahre 2005 bis 2007 heranziehen, so dass sich schon deshalb über eine Verbesserung oder Verschlechterung der Integration kaum etwas aussagen lässt. Denn erst seit 2005 ist es anhand der Daten des Mikrozensus möglich, nicht nur zwischen deutschen und ausländischen Staatsbürgern zu unterscheiden, sondern – und das ist der entscheidende Punkt – alle Menschen mit Migrationshintergrund zu erfassen. Das sind alle Bürger mit ausländischem Pass und jene, die die deutsche Staatsbürgerschaft mit Geburt oder mit einer Einbürgerung erhalten haben sowie deren Kinder. Da die Aufarbeitung der Daten immer sehr lange dauert, liegen diese erst bis zum Jahr 2007 vor.

Die mit der Erstellung betrauten Wissenschaftler vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik Köln (ISG) und vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung GmbH (WZB) sollten vorrangig eine detaillierte Bestandsaufnahme der in Deutschland vorhandenen Daten vornehmen und ihre mögliche Aussagekraft zum Stand der Integration prüfen. Eine Analyse der Integrationssituation stand nicht im Vordergrund des Berichtes – schon gar keine Langzeitanalyse. Deshalb lautet der für Laien kaum verständliche Untertitel: „Der erste Integrationsindikatorenbericht. Erprobung des Indikatorensets und Bericht zum bundesweiten Integrationsmonitoring“.

Bemerkenswerter Einblick in die Welt der Migranten
In dieser Hinsicht liefert der Bericht tatsächlich außerordentliche Ergebnisse. Jeder der 100 Indikatoren, die zur besseren Übersicht in 14 gesellschaftliche Bereiche (etwa Rechtsstatus, Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnen, Kriminalität oder Gesundheit) gegliedert sind, wurde auf seine Verfügbarkeit und Eignung für ein Integrationsmonitoring hin überprüft. Im deskriptiven Hauptteil der Studie werden die Ergebnisse jedes Indikators kurz präsentiert, wenn möglich für alle der drei untersuchten Jahre. Zum Teil sind diese Ergebnisse nach weiteren Faktoren differenziert ausgewertet, zum Beispiel nach Altersgruppen, Zuwanderungsgeneration oder Geschlecht. Eine so umfassende Bestandsaufnahme möglicher Integrationsindikatoren hat es bisher noch nicht gegeben.

Des Weiteren haben die Autoren für sechs der Bereiche so genannte multivariate statistische Analysen durchgeführt: Sie haben also überprüft, ob das Ergebnis eines Indikators (etwa der Gesundheitszustand) überhaupt vom Migrationshintergrund abhängt oder ob andere Aspekte wie zum Beispiel das Einkommen oder der Bildungsstand eine wichtigere Rolle spielen. Dabei werden die selbst zugewanderten Migranten (erste Generation) den schon in Deutschland geborenen (ab zweiter Generationen) gegenüber gestellt. Mit dieser Methode lassen sich Ursachen für typische Ungleichstellungen von Migranten, wie zum Beispiel eine höhere Erwerbslosigkeit, analysieren.

Was der Bericht nicht leistet
Die vorliegenden Analysen können, wie die Autoren selbst anmerken, bis dato wenig erklären. Dazu sind die Situationen und Hintergründe der Lebenslagen zu komplex, und es müssten noch weit mehr Faktoren berücksichtigt werden. Dennoch liefert der Bericht neue Erkenntnisse. So relativiert er für viele Problembereiche den Zusammenhang mit dem Migrationshintergrund. Dies gilt insbesondere für den untersuchten Bereich „Gesundheit“, wo die Autoren keinen direkten Zusammenhang mit dem Migrationshintergrund einer Person erkennen können.

Dies widerspricht allerdings den vorherrschenden Erkenntnissen. So hat zum Beispiel das Robert Koch-Institut 2007 das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgewertet und dabei festgestellt, dass sich diese unabhängig von ihrer sozialen Zugehörigkeit insgesamt ungesünder ernähren als ihre einheimischen Altersgenossen. Auch wird schon länger in der Fachwelt diskutiert, dass sich Migranten in Bezug auf die Wahrnehmung von Krankheiten und der Umgang mit ihnen häufig von der einheimischen Bevölkerung unterscheidet 2.

Prinzipiell stellt sich bei diesen Vergleichen aber noch eine andere Frage: Selbst wenn Bildung und Einkommen bei vielen Indikatoren einen ausschlaggebenden Einfluss haben, so ist damit noch nicht geklärt, warum so viel mehr Migranten als einheimische Deutsche in bildungsfernen und einkommensschwachen sozialen Schichten leben – und das zum Teil schon seit mehreren Generationen. Für das weitere Verständnis vieler Integrationsdefizite ist die Untersuchung struktureller Barrieren für Migranten, wie zum Beispiel das selektive Schulsystem, genauso wichtig wie die Analyse spezifischer Migrationsgeschichten oder eventueller gruppeninterner Hindernisse, wie zum Beispiel das Verständnis von Bildung oder geschlechterspezifischen Rollenbildern.

Hier legt sich der Bericht jedoch selbst einen Stein in den Weg. Indem er eine „Ethnisierung durch die vorschnelle Zuordnung von Problemlagen zu einzelnen Zuwanderungsgruppen“ verbietet, verbaut er sich die Möglichkeit, spezifische Problemlagen bestimmter Zuwanderungsgruppen zu erkennen. Selbst Untersuchungen, die wie die Studie der Sinus Sociovision „Migranten-Milieus in Deutschland“ aus 2008 Migranten nur nach ihrem sozialen Milieu unterscheiden, erkennen in einigen Milieus eine starke Konzentration von bestimmten Zuwanderungsgruppen. Eine Analyse der Hintergründe hat nichts mit einer „Ethnisierung“ zu tun, schon gar nicht, da viele Zuwanderungsgruppen (etwa aus der Türkei) sich aus ganz unterschiedlichen Ethnien zusammensetzen. Deshalb können Studien wie die des Berlin-Instituts Hinweise auf Zusammenhänge zwischen sozio-kulturellen Hintergründen und bestimmten Schwierigkeiten bei der Integration liefern und die Lösung solcher Probleme erleichtern.

Ebenso vorschnell lehnt der Bericht eine Regionalisierung der Ergebnisse ab. Mit der Begründung, es sei ja nicht bekannt, „welche Faktoren im Einzelnen auf regionaler Ebene eine Rolle spielen“ wird darauf verzichtet, diesen (in Wirklichkeit nur wenig bekannten) Faktoren auf den Grund zu gehen. Hier scheint, ebenso wie bei dem Verzicht, einzelne Herkunftsgruppen differenziert zu betrachten, die politische Vorsicht der Auftraggeberin eine größere Rolle zu spielen als der Erkenntnisgewinn.

Dies gilt auch für den letzten Punkt der methodischen Abgrenzung des Berichtes, in dem auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung von Migration beziehungsweise Integration verzichtet wird. Die Begründung, dass die ökonomische Betrachtung eines sozio-kulturellen Phänomens den Kern der Debatte verfehle, verkennt die Tatsache, dass viele vermeintlich nicht-ökonomischen Probleme erst dann in den öffentlichen und politischen Diskurs eingehen, wenn ihre ökonomische Bedeutung klar wird. Das beste Beispiel hierfür ist der Klimaschutz.

Fazit: Indikatorensatz reduzieren
Dieser Integrationsbericht ist kein Integrationsbericht, weil er die aktuelle Lage der Integration nicht beschreibt. Er ist auch keine Langzeitstudie, sondern bei einem Betrachtungszeitraum von drei Jahren nur eine Momentaufnahme. Die Wissenschaftler haben bei der Beurteilung der Indikatoren, die den Stand der Integration beschreiben können, bestmögliche Arbeit geleistet – eine Bewertung oder gar Erklärung der Integrationssituation in Deutschland sollten sie vermutlich gar nicht liefern. Somit gehen die Schlüsse der Staatsministerin über die tatsächlichen Möglichkeiten hinaus.

Des Weiteren bleibt die Frage, ob ein Integrationsbericht auf Basis dieser Indikatoren überhaupt sinnvoll ist. Schon seit längerem wird von verschiedenen Seiten kritisiert, dass solch ein großer Indikatorensatz in der Praxis nicht handhabbar ist. So werden mehrere der Indikatoren nur alle vier Jahre erhoben, so dass eine fortlaufende Betrachtung kaum möglich ist. Zudem stammen viele Indikatoren aus sehr verschiedenen Erhebungen. Eine Vielzahl bezieht sich sogar auf Quellen, die gar nicht nach Menschen mit Migrationshintergrund unterscheiden, sondern nur nach deutscher und ausländischer Staatsbürgerschaft.

Experten mahnen eine Angleichung der Daten schon lange an, auch die Autoren tun dies erneut. Allerdings greifen ihre Vorschläge, wie der Indikatorensatz sinnvoll reduziert werden kann, nicht weit genug. Ebenso hat sich die Vermischung der Auftragsanforderungen, zum einen den Indikatorensatz zu prüfen und zum anderen einen Integrationsbericht zu erstellen, als nicht durchführbar erwiesen.

Literatur / Links

Mit freundlicher Erlaubnis des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

  1. Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland
  2. siehe dazu den Newsletter-Artikel „Wenn Migranten krank werden. Deutsche Ärzte sind nur unzureichend auf spezifische Gesundheitsprobleme von hier lebenden Ausländern vorbereitet“