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Migration und Erinnerung

Uni Kassel lässt Gastarbeiter der ersten Stunde zu Wort kommen

Studierende des Fachbereichs Sozialwesen unter der Leitung von Privatdozentin Dr. Christiane Schurian-Bremecker befragten Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen „der ersten Stunde“ nach ihren Erlebnissen bei der Einreise nach Deutschland bzw. der Ankunft in der Stadt Kassel.

„Ich bin ich“, sagt die Spanierin Mercedes, die sich in Deutschland nicht als Deutsche und in Spanien nicht als Spanierin fühlen kann. In Kassel lebt sie seit mehr als 30 Jahren und hatte nun durch ein Projekt der Universität Kassel Gelegenheit, ihre Erlebnisse und Gefühle wach zu rufen. Studierende des Fachbereichs Sozialwesen unter der Leitung von Privatdozentin Dr. Christiane Schurian-Bremecker befragten Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen „der ersten Stunde“ nach ihren Erlebnissen bei der Einreise nach Deutschland bzw. der Ankunft in der Stadt Kassel. Ebenso viele Frauen wie Männer berichteten von ihren Eindrücken, Unsicherheiten und Hoffnungen am Beginn des neuen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland. Entstanden ist daraus das Buch „Ich bin ich … Migration und Erinnerung“, das in Kassel vorgestellt wurde.

Ohne Migration gäbe es Europa und die Bundesrepublik Deutschland in ihrer gegenwärtigen Form nicht. Migrationsprozesse sind ein wichtiger Teil der europäischen und deutschen Geschichte. Im öffentlichen Bewusstsein ist die Bedeutung der Migrationsbewegungen auf unsere Gesellschaft jedoch kaum vorhanden, obgleich als Folge der vor 50 Jahren begonnenen Politik der Arbeitskräfteanwerbung mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrationserfahrungen in der Bundesrepublik Deutschland leben. „Mit den von uns wach gerufenen und dokumentierten Erinnerungen geht es um nichts weniger als darum, die Dominanz des Nationalen zu durchbrechen“, sagt Christiane Schurian-Bremecker. Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen die interkulturellen Beziehungen.

Die Veröffentlichung stellt nach einem theoretischen Teil in Portraits die einzelnen Lebensgeschichten der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner vor. Daran schließen sich Ausführungen zu ausgewählten Bereichen an, wie die Vorgeschichte der Migration, Motivation bzgl. der Einwanderung nach Deutschland, Erlebnisse und Wahrnehmungen in der Anfangsphase des Aufenthalts und eine abschließende Bewertung der Migrationsentscheidung. Aussagekräftige Zitatabschnitte aus den Interviews, die wie kleine Geschichten eingestreut sind, machen es leicht, die damalige Zeit aus dem Blickwinkel der Befragten zu erleben. Die Lebenserinnerungen, ausgewählte erzählte Geschichten und private Fotografien erschließen ein komplexes Thema in Form ungewöhnlicher Zugänge und beleben einen wichtigen Teil der regionalen Zeitgeschichte.

Für Schurian-Bremecker ist diese Arbeit Teil einer aufzubauenden Erinnerungskultur, die historische Prozesse lebendig halten kann. Erzähl- oder Filmabende, Ausstellungen und Orte für Gespräche könnten nach ihrer Vorstellung Teil einer solchen Kultur sein.

Christiane Schurian-Bremecker (Hg.): „Ich bin ich… Migration und Erinnerung“, kassel unversity press 2009