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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Kurzgutachten

Jugendliche ohne Berufsabschluss

Der Anteil der Jugendlichen ohne Berufsabschluss liegt seit Jahren bei rund 15%. Eine wichtige Ursache ist, dass der tatsächliche Bedarf an Ausbildungsplätzen bislang viel zu niedrig eingeschätzt wird. Dies zeigt das Kurzgutachten der Friedrich-Ebert-StiftungJugendliche ohne Berufsabschluss“.

Gravierende Mängel in der bisherigen Praxis der Ausbildungsmarktbilanzierung und der sich daraus ergebende fehlende Handlungsdruck führen dazu, dass bislang Jahr für Jahr selbst für ausbildungsreife Jugendliche viel zu wenig Ausbildungsplätze bereitgestellt wurden.

Seit den Anfängen der Berufsbildungsberichterstattung in den 1970er-Jahren ist es üblich, die jährliche Ausbildungsmarktbilanz zum Stichtag 30. September zu ziehen. Zu diesem Zeitpunkt hat das neue Ausbildungsjahr aber bereits begonnen, und viele erfolglose Ausbildungsstellenbewerber sind bereits auf Alternativen wie Praktika, erneuten Schulbesuch, berufsvorbereitende Maßnahmen oder Jobben und Erwerbstätigkeit ausgewichen. Damit gelten sie aber am 30. September als „versorgt“ und nicht mehr als Ausbildungsplatznachfrager. Sie bleiben dann auch bei der Ausbildungsmarktbilanzierung unberücksichtigt.

Die Folge: Selbst in Zeiten des größten Lehrstellenmangels scheinen die Bilanzen zwischen Ausbildungsangebot und -nachfrage nahezu ausgeglichen, und der tatsächliche Mangel an Ausbildungsplätzen wird nicht mehr erkennbar. Da der Ausbildungspakt seine Nachvermittlungsaktionen ausschließlich auf die Jugendlichen konzentriert, für die ein Ausweichen ins Übergangssystem oder sonstige Alternativen nicht mehr in Frage kommt, werden selbst viele ausbildungsreife Jugendlichen notgedrungen zu „Altbewerbern“ – mit der Gefahr, dass sie irgendwann resignieren und ihre Ausbildungsplatzsuche aufgeben.

Die Autoren Elisabeth M. Krekel und Joachim Gerd Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung gehen davon aus, dass die Wirtschaftskrise zu einem erneuten Einbruch und Rückgang an Ausbildungsplätzen führen wird. Nach deren Überwindung wird die demografische Entwicklung jedoch zu einer Umkehrung der Marktverhältnisse führen. Aufgrund von Verrentungen wird der Ersatzbedarf der Betriebe ebenso steigen, wie die Zahl der Jugendlichen sinken wird. Die Wirtschaft wird sich somit stärker als bislang auch um benachteiligte Jugendliche kümmern müssen und darauf drängen, den Zugang dieser „stillen Reserve“ zu einer beruflichen Ausbildung sicherzustellen.

Das allerdings wird, so Krekel und Ulrich, nur gelingen, wenn die Begleitung von Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen kontinuierlich und individuell erfolgt und damit über episodische und punktuelle Kontaktaufnahme weit hinausgeht. Deshalb sollten in allen Kommunen Mentorensysteme in Kombination mit regionalem Übergangsmanagement etabliert werden. Nur dann kann dafür Sorge getragen werden, dass die Herkunft der Jugendlichen kein Hindernis mehr darstellt und die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss sinkt.

Jugendliche mit Migrationshintergrund
Laut Studie haben insgesamt 39% der Jugendlichen ohne Berufsabschluss einen Migrationshintergrund. Insbesondere dann, wenn die Jugendlichen noch im Ausland geboren und sich erst ab dem sechsten Lebensjahr oder noch später in Deutschland aufhielten, steige das Risiko dauerhafter Berufsausbildungslosigkeit.

Darüber hinaus sei die Benachteiligung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund weitgehend über ihre im Schnitt niedrigere schulische Qualifikation und den niedrigeren sozioökonomischen Status ihrer Herkunftsfamilien erklärbar. Zudem dürfte eine große Rolle spielen, dass ihre Eltern selbst nur über wenige soziale und berufliche Netzwerke verfügen, um ihren Kindern bei der Ausbildungsplatzsuche zu helfen1. „Es ist verbreitete Praxis, dass Kinder von Belegschaftsmitgliedern beim Selektionsverfahren bevorzugt behandelt werden, indem ihnen etwa beim Einstellungstest ein Bonus gewährt wird. Von dieser internen Netzwerkrekrutierung profitieren offenbar ebenfalls deutsche Jugendliche häufiger als ausländische. (…) Einige Äußerungen lassen vermuten, dass ausländische Mitarbeiter diesem Netzwerk nur bedingt angehören bzw. nur eingeschränkt davon profitieren, weil sie nicht im gleichen Ausmaß wie ihre deutschen Kollegen über die notwendigen Beziehungen zu maßgeblichen leitenden Angestellten in den Personalabteilungen oder zu Betriebsratmitgliedern verfügen“2. Danach seien ausländische Jugendliche verstärkt auf institutionalisierte Unterstützungssysteme angewiesen.

Türkische und arabische Jugendliche
Ein spezifischer Chancennachteil insbesondere türkischer und arabischer Jugendlicher ergibt sich laut der Studie durch die Konzentration ihrer Wohnorte auf großstädtische Räume, in denen in Folge von Pendlern eine sehr starke Konkurrenz um die verfügbaren Ausbildungsplätze vorherrscht. Gleichwohl lasse sich nicht vollständig erklären, warum gerade Jugendliche türkisch oder arabischer Herkunft seltener Zugang in eine Berufsausbildung finden.

Es werde in der Fachöffentlichkeit zurzeit sehr intensiv darüber diskutiert, ob sich in den nicht weiter aufklärbaren Gründen Diskriminierung widerspiegele oder nicht3. „Das methodische Problem besteht zumeist darin, dass zwar unterschiedliche Chancen von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund festgestellt werden, dass aber zu wenig Untersuchungen vorliegen, wie und nach welchen Kriterien Arbeitgeber rekrutieren. Studien von Akman u.a.4 oder von Imdorf5 deuten jedoch darauf hin, dass manche Betriebe bei der Auswahl ihrer Bewerber Aspekte berücksichtigen, die nicht allein mit deren Leistungsfähigkeit zusammenhängen. Bei Akman u.a. war es allein der ausländische Name des Bewerbers, der sich nachteilig auswirkte, bei Imdorf6 waren es Aspekte wie ‚Teampassung‘ oder ‚Rücksichtnahme auf die Kundschaft‘, welche die Chancen von Bewerbern ausländischer Herkunft minderten.“, so die Autoren Krekel und Ulrich.

Wie eine Repräsentativbefragung der bei der BA gemeldeten Ausbildungsstellenbewerber des Jahres 2006 ergab, hatten 30% der türkischen bzw. arabischen Ausbildungsstellenbewerber des Öfteren das Gefühl, wegen ihrer Herkunft (z.B. Nationalität) oder wegen ihres Geschlechts benachteiligt zu werden. Bei Aussiedlern waren es 25% und bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund 3%7.

  1. Boos-Nünning, Ursula (2009): Übergang in eine berufliche Ausbildung und interkulturelles Lernen in den Schulen. In: Lassnigg, Lorenz; Babel, Helene; Gruber, Elke; Markowitsch, Jörg (Hrsg.): Öffnung von Arbeitsmärkten und Bildungssystemen. Beiträge zur Berufsbildungsforschung. Innsbruck: StudienVerlag. S. 25-39  []
  2. Schaub, Günther (1991): Betriebliche Rekrutierungsstrategien und Selektionsmechanismen für die Ausbildung und Beschäftigung junger Ausländer (Berichte zur beruflichen Bildung, H. 135). Berlin, Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung, S. 128  []
  3. Seibert, Holger; Solga, Heike (2005): Gleiche Chancen dank einer abgeschlossenen Ausbildung? Zum Signalwert von Ausbildungsabschlüssen bei ausländischen und deutschen jungen Erwachsenen. In: Zeitschrift für Soziologie, 34. Jg., Heft 5. S. 144-160; Kalter, Frank (2006): Auf der Suche nach einer Erklärung für die spezifischen Arbeitsmarktnachteile von Jugendlichen türkischer Herkunft. Zugleich eine Replik auf den Beitrag von Holger Seibert und Heike Solga: Gleiche Chancen dank einer abgeschlossenen Ausbildung? (ZfS 5/2005). In: Zeitschrift für Soziologie, 35 (2/2006), S. 144-160; Imdorf, Christian (2007): Individuelle oder organisationale Ressourcen als Determinanten des Bildungserfolgs? Organisatorischer Problemlösungsbedarf als Motor sozialer Ungleichheit. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 32 Jg. Heft 3. S. 407-423  []
  4. Akman, Saro; Gülpinar, Meltem; Huesmann, Monika; Krell, Gertraude (2005): Auswahl von Fach- und Führungskräften: Migrationshintergrund und Geschlecht bei Bewerbungen. In: Personalführung, Heft 10. S. 72-75  []
  5. Imdorf, Christian (2007): Individuelle oder organisationale Ressourcen als Determinanten des Bildungserfolgs? Organisatorischer Problemlösungsbedarf als Motor sozialer Ungleichheit. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 32 Jg. Heft 3. S. 407-423  []
  6. 2007, S. 418  []
  7. Eberhard, Verena; Granato, Mona; Ulrich, Joachim Gerd (2007): Der Einfluss eines Migrationshintergrundes auf die Eingliederungschancen in ein marktbestimmtes Berufsbildungssystem. Unveröffentlichtes Arbeitspapier. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung S. 14  []
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