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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Alles normal?

Rassismus im Fußball

Der Rassismus ist für den europäischen Fußball eines der größten Probleme. Nicht selten fühlen sich Profis seelisch belastet, da entweder erboste Fans, rassistische Gegenspieler oder aber ein neidischer Mannschaftskollege sie aufgrund ihrer Abstammung diskriminiert. Dies schlägt sich natürlich im nächsten Schritt in ihren Leistungen nieder. Die Ergebnisse sind oftmals Schwächephasen, die wiederum zur Folge haben, dass diese Spieler immer weiter aufs Abstellgleis geschoben werden – ihre Zukunft im jeweiligen Verein wird gefährdet.

DATUM23. Juni 2009

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Wenn die Übeltäter selbst Fußballer sind, kann man dieses Problem bändigen, indem man Disziplinarmaßnahmen einleitet, sie suspendiert und vor Gericht zieht. Auch haben diese dann ein so schlechtes Image, dass sie von einem Großteil der eigenen Fans nicht mehr toleriert werden. So erinnern wir uns beispielsweise an den Fall des derzeitigen Fenerbahce-Spielers Emre Belözoglu, dem vorgeworfen wurde, im Newcastle-Trikot während des Spiels gegen Everton die Gegenspieler Tim Howard und Joleon Lescott rassistisch beleidigt zu haben. Als Folge des gesellschaftlichen und medialen Drucks sowohl aus der Türkei als auch aus England gab er nicht viel später seine Karriere auf der Insel auf und wechselte nach Istanbul. Eine Zukunft in der Premier League schien aussichtslos.

Was aber tun, wenn es ganze Fangruppierungen sind, die vor allem andersfarbigen Spieler das Leben erschweren? Nur 3 Jahre ist es her, da war die Rede vom „Sommermärchen Deutschland.“ Menschen aus allen Kontinenten, mit verschiedenen Hautfarben, Sprachen und Glaubensrichtungen kamen hierzulande zur Weltmeisterschaft zusammen, um das größte Fußballfest zu feiern. Deutschland erfüllte die Rolle als Gastgeber wunderbar. So weit, so gut.

Wenige Monate später wird das Sommermärchen zum Herbsthorror. In der Oberliga begegnen sich der FC Sachsen-Leipzig und der VFC Plauen, die Partie wird jedoch mit einem Gesichtsschlag des dunkelhäutigen Spielers Ade Ogungbure (Leipzig) gegen Andriy Zapyshnyi (Plauen) beschattet. Grund: Bezeichnungen wie “Nigger“ und „Bimbo“ sowie die Beleidigung seiner Familie als „Affen.“ Er solle sich „zurück nach Afrika verpissen.“ Es stellt sich heraus, dass dieses Vorkommnis keinesfalls eine Ausnahme ist: „Ich werde jede Woche bepöbelt – danach kann ich die Uhr stellen. Das Ganze macht mich kaputt. Ich kann nicht mehr, ich bin am Ende.“

An weiteren Beispielen mangelt es sicherlich nicht. Deutsche Stadien sind in den vergangenen Jahren immer härter von diesem Phänomen betroffen. Ein Jeder wird sich noch an den Schalker Stürmer Asamoah erinnern, der als – aufgepasst – deutscher Nationalspieler (!) aufgrund seiner Abstammung als „Affen“ bezeichnet wurde. Damit nicht genug: Wiederum drei Jahre sind es her, als der SPIEGEL von Chemnitzer Fans berichtet, die vor der Partie gegen den FC St. Pauli lauthals folgende Parole rufen: „Eine U-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz.“ Dresdner Fans imitieren im Spiel gegen den FC Magdeburg Affengeräusche, weil der dunkelhäutige Stürmer N’Dombasi ihren Torhüter foult. Der Kommentar einer Polizistin, die bei dieser Partie im Einsatz war, lautet: „Alles normal.“

Der Fußball kennt keine Grenzen, da hier weder der ethnische Hintergrund, noch kulturelle Unterschiede oder diverse Glaubensvorstellungen eine Rolle spielen (dürften). „Fußball verbindet“ lautet das Motto – im Normalfall. Um diese Eigenschaft zu bewahren, muss man vehement gegen die Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in den Stadien vorgehen. Wenn eine Begegnung zweier Teams der Oberliga von einer Hundertschaft begleitet werden muss, ist dies ein überdeutliches Zeichen für Handlungsbedarf. Der integrative Charakter des Fußballs, der sich vor allem in der U-21 Nationalmannschaft Deutschlands sehen lässt, scheint in Gefahr zu sein. Weitere Kommentare erübrigen sich, wenn man bedenkt, dass die Tageszeitung „Die Welt“ die hohe Besetzung der Stammpositionen der U-21 durch Spieler mit Migrationshintergrund als ein „Multikulti-Problem des jungen Nationalteams“ bezeichnet. Dabei meine ich mich doch erinnern zu können, dass die Entscheidung für Deutschland erwünscht und sogar notwendig sei, ja sogar ein Anzeichen von gelungener Integration darstelle und den deutschen Fußball nur bereichern könne.

Ein Vortrag des Politikwissenschaftlers Richard Gebhardt an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen am 25. Juni 2009 hat sich die Aufgabe zum Ziel gesetzt, die Gründe für ausländerfeindliches Verhalten im Fußball herauszufinden. Um gegen die oben beschriebenen Häßligkeiten im deutschen Fußball aktiv vorzugehen, „untersucht Gebhardt anhand von bundesweiten und lokalen Beispielen die Verbreitung von Rassismus im deutschen Fußball und nimmt die Stadion-Strategien der Neonazis unter die Lupe. Aufgezeigt wird dadurch die aktuelle politische Relevanz des deutschen Fußballs.“ Bewegt habe ihn der im Jahre 1990 von den Spielern Anthony Baffoe, Souleman Sane und Anthony Yeboah an die BILD-Zeitung geschriebene Brief, der diesen rührenden Satz enthielt: „Bitte helft uns, wir wollen keine Freiwild sein.“

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9 Kommentare
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  1. ibo sagt:

    toller Artikel…stimme voll zu…

    bis auf Emre,da fehlt einiges.

    Er wurde vor dem Sportgericht freigesprochen, weil u.a. sein dortiger bester Kumpel Obafemi Martins für Ihn gebürgt hat und alle anderen Spieler gesagt haben, Sie hätten nichts derartiges gehört. Ob das nun die Wahrheit war, weiß ich nicht. Man konnte es Ihm nicht nachweisen.
    Jedenfalls hat er England mehr als 1 Jahr nach dem Vorfall, weil er einfach zu schlecht war und keinen Stammplatz mehr hatte, verlassen.

    Trotzdem hat es sich aber auf jedenfall negativ auf sein Image ausgewirkt.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Emre_Bel%C3%B6zo%C4%9Flu

  2. Burak Altas sagt:

    Vielen Dank!

    Dass man es den Spielern manchmal nicht nachweisen kann, ist wirklich ein Problem. Daher ja auch nur ein „Vorwurf“. Ich denke aber, dass die schlechte Leistung, wenn auch nur partiell, auf sein schlechtes Image zurückzuführen ist. Schließlich wird ein Spieler, der von den Fans nicht unbedingt mit offenen Armen aufgenommen wird, wohl eher zurückhaltend sein. Als Folge dessen kann er schonmal „aufs Abstellgleis geschoben werden.“ 😉

  3. ibo sagt:

    ja, da haben Sie recht. Das war bestimmt nicht förderlich.

    Ich persönlich würde wetten, dass er im Affekt eine rassistische Beleidigung benutzt hat, denn wer Emre kennt, vorallem nach der 08/09er Saison, der würde es Ihm zutrauen. So aggressiv wie er ist…..

    (Und das sage ich nicht nur weil ich Galatasaray Fan bin 🙂 )

  4. Burak Altas sagt:

    Eben, dem würde ich voll und ganz zustimmen. Schließlich war auch er derjenige, der an die Pressevertreter nach einem Tor unschöne Handbewegungen richtete… Ein typisches Emre-Verhalten eben. Aber back2topic – Rassismus im Fußball.

  5. Lokalpatriot sagt:

    Grundsätzlich mag der Autor mit den angesprochenen Problemen recht haben. Grundsätzlich ist es auch richtig, dem tatsächlich vorhandenen Rassismus ein klares STOPP! entgegenzuwerfen. Was allerdings m.E. bei diesen ganzen Diskussionen um dieses Dauerthema viel zu wenig berücksichtigt wird, ist einfach der Aspekt, daß im Fußball und dessen Umfeld schon immer der Gegner beleidigt, gekratzt und bespuckt wurde. Um es zu vergegenständliche und zu transportieren: Oliver Kahn wurde in den deutschen Stadien ebenfalls mit Affengeräuschen bedacht und in sein Tor wurden u.a. Bananen geschmissen. Und, hat das jemanden interessiert? Nein. Es wurde als Belustigung empfunden und der allgmeine Tenor war, daß er als Profi da eben durch muß. Wird dagegen dies einem dunkelhäutigen Spieler zuteil, steht die Presse und die Vertreter von Sport und Politik auf der Matte und bedauern den rassistischen Vorfall. Anderes Beispiel: Als Fan des Chemnitzer FC ist man in der letzten Saison in Magdeburg mit den stadionweiten Sprechchören „Zick, Zack, Sachsenpack!“ empfangen worden. Kein Problem, da steht man drüber. Nun stelle man sich aber vor, der Verein Türkiyemspor wäre mit „Zick, Zack, Türkenpack!“ empfangen worden (ist er nicht). Sofort wäre daraus wieder ein Politikum geworden und eine Vielzahl von Funktionären hätte in den Medien aufgeschrieen. Was ich sagen will – zu diesem Sport, dem Fußball, gehören traditionelle Anti-Sprechchöre und Beleidigungen des Gegners dazu. Durch den steigenden Anteil ausländischer Fußballer nimmt natürlich auch die Möglichkeit zu, diese verbal oder anderweitig zu beleidigen.Dies muß aber nicht immer als persönlicher Angriff auf diesen Spieler oder dessen Nationalität gewertet werden, sondern darf auf gern unter dem Blickwinkel der gewollten Beleidigung des gegnerischen Vereins beleuchtet werden. Das ständige, nahezu reflexhafte Interpretieren einer rassistischen Beleidigung ist dem Ansinnen, den tatsächlichen Rassismus einzudämmen, nicht immer förderlich.

    Im Übrigen wurde der zitierte Spruch auf St. Pauli nicht gerufen, sondern gesungen. Ein Lied, welches früher auch in den bundesdeutschen Stadien zu Hause war (U-Bahn-Lied), und keinesfalls als Synonym für ostdeutschen Parade-Rassismus herhalten kann.

    Mit himmelblauen Gruß,
    Lokpat / Chemnitz

  6. ibo sagt:

    ein bißchen Spaß, Gekratze, Beißerei muss schon sein, aber finden Sie nicht, dass Affengeräusche usw. nicht mehr lustig ist im Jahre 2009?

    Natürlich machen das die Fans auch zum Teil mit Absicht, um den Spieler zu provozieren, damit er evtl. eine rote oder gelbe Karte bekommt , trotzdem haben solche Fans im Stadion nichts zu suchen.

    Stellen Sie sich mal vor, Türken oder Araber würden gg. Deutsche Spieler skandieren mit: „Heil *****“.
    Das wäre genauso ein Politikum.

    Man kann auch anders kreative Sprüche bringen, z.B.:
    ————————————————————————-
    Hertha gg. Galatasaray im UEFA-Cup als alle Türken nach dem Sieg gesungen haben: „Auf Wiedersehen“ oder „Ihr könnt nach Hause gehen, nach Hause gehen…“

    Das witzige daran war, dass ja Hertha schon Zuhause war….hehe…

  7. Burak Altas sagt:

    „Beleidigungen des Gegners“, wie sie so schön sagen, dürfen aber keinesfalls als „Tradition“ aufgefasst werden. Weder eher harmlosere, noch rassistische Beleidigungen haben etwas in Stadien zu suchen. Provokationen, Anti-Sprechchöre usw, alles kein Thema. Man muss die Sache aber auch dabei belassen und nicht an die Grenzen stoßen. Da kann es auch ganz schnell kritisch werden.

    Sie versuchen meines Erachtens zwei Paar Schuhe miteinander zu vergleichen. Die Beleidigung Kahns als „Affen“ hängt vielmehr damit zusammen, dass man einen Torhüter eher mit diesem Tier vergleichen kann als einen Feldspieler, unabhängig von seiner Hautfarbe (weil er ja hin- und herspringt etc.). Was aber verbindet man zwischen einem Affen und einem dunkelhäutigen Feldspieler? Genau: Rassismus.

    Auch ihr zweites Beispiel mit Türkiyemspor würde ich mit Skepsis betrachten. Wenn man vom „Türken“pack redet, bezieht man eine ganze Nation in die Sache mit ein, eine Herkunft, eine gesamte Ethnie. Wenn man bei den Sachsen „Deutscher Pack“ sagte, wäre dies auch als Rassismus aufzugreifen, war aber nicht der Fall und somit auch unvergleichbar.

    Zum Schluss: Macht es für Sie einen Unterschied, ob man einen Auschwitz-Spruch ruft oder singt? Ist dieser nicht letztendlich rassistisch? Als ein Chemnitzer Fan kann ich ihren Vorbehalt verstehen. Allerdings ist ein solches verhalten in keinster Weise zu beschönigen oder in den Hintergrund zu schieben. Ob Parole oder Lied, ob Ruf oder Gesang – es ist schlichtweg inakzeptabel.

    Darüber hinaus wüsste ich nicht, wo ich irgendeinen Teil der Rassismusvorfälle als Synonym für ostdeutschen Parade-Rassismus dargestellt hätte.

    Liebe Grüße
    Burak Altas

  8. Ekrem Senol sagt:

    http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/135/1613504.pdf

    Beschlussempfehlung des Sportausschusses: Alle Formen von Diskriminierungen thematisieren – Bürgerrechte von Fussballfans stärken – Für einen friedlichen integrativen Fussballsport.

  9. ursela sagt:

    guter Artikel!
    Ich stimme vollkommen zu… Trotzdem hat es dich aber auf jeden fall negativ auf sein Image ausgewirkt…
    LG<



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