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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Jugendarrestanstalt Friedberg

Fast jeder zehnte Insasse ist türkischer Staatsbürger

Anlässlich des 1-jährigen Bestehens der Jugendarrestanstalt im Hessischen Friedberg, wurde über die Bilanz seit der Inbetriebnahme der Jugendarrestanstalt unterrichtet. Niedersachsen startet Modellversuch in Schulen.

Die Leiter der Jugendarrestanstalt wiesen auf insgesamt 924 Arrestanten (Stand 6.4.2009) hin, von denen die meisten zwischen 16 und 20 Jahren alt sind. Hierbei sind 79,3 Prozent der Arrestanten deutsche Staatsbürger, gefolgt von 9,6 Prozent türkischen Staatsbürgern, sowie einem Anteil von je 1,49 Prozent jugoslawischer und italienischer Staatsbürger.

Ebenso zeigt die Zusammensetzung nach Deliktarten im bisherigen Zeitraum eine deutliche Schwerpunktbildung an, in dem beinah ein Drittel der Arreste wegen eines Körperverletzungsdeliktes verhängt wurde, beinah ebenso hoch ist der Anteil der Eigentumsdelikte.

Jeder fünfte der Insassen hatten wenigstens einen Arrest aus anderem Anlass verbüßt und 4,52 Prozent von waren bereits zu einer Jugendstrafe verurteilt worden. Dennoch könne insgesamt bilanziert werden, dass die Angebote der JAA Friedberg von den Arrestanten gut angenommen werden.

Modellversuch in Niedersachsen geplant
Unterdessen hat die Niedersächsische CDU sich auf ihrer Klausurtagung mit dem Thema Jugendgewalt beschäftigt. Als Referenten war der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Prof. Christian Pfeiffer, eingeladen, der auf den großen Einfluss der Medien auf die Jugendlichen aufmerksam gemacht hat. Der unbeaufsichtigte Medienkonsum besonders junger Menschen müsse daher eingedämmt und die Medienkompetenz bei Kindern, Jugendlichen und ganz besonders bei Eltern und Lehrern verbessert werden.

In einem Modellversuch sollen Schüler in einer noch auszuwählenden Niedersächsischen Schule neben dem herkömmlichen Sport-Unterricht 40 Minuten Fitness-Training zusätzlich am Tag bekommen. Ein solches Projekt mit 19.000 Schülern in den USA habe das Selbstvertrauen und die Gesundheit der Schüler gestärkt. Zudem sei die Gewalt an den Schulen zurückgegangen.

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11 Kommentare
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  1. Umut sagt:

    Der Großteil der deutschen Staatsbürger wird nicht berücksichtigt in der Überschrift, aber wieder die schlimmen 9,6 Prozent türkische Staatsbürger ? Wenn man nur die Überschrift ließt und den Text nicht, dann denkt man wieder “ die bösen türkischen Staatsbürger „, aber wenn man dann den Text ließt, dann wird man erkennen, dass 79,3 Prozent, also die Mehrheit deutsche Staatsbürger sind. Warum wird in der Überschrift auf die 9,6 Prozent und nicht auf die 79,3 Prozent aufmerksam gemacht ? Ist das eine neue Taktik, Fremdenfeindlichkeit zu fördern ?

  2. Ekrem Senol sagt:

    Die Überschrift gibt die Insassenzahlen wieder, die gemessen der Türken am Bevölkerungsanteil zu hoch ist. Mann sollte nicht jeder Überschrift dieser Art mit Ablehnung gegenüberstehen, sondern die Problematik erkennen, der man gegenübersteht und etwas dagegen tun. Im zweiten Teil werden einige Ursachen genannt.

    Wie ist Ihre Einschätzung über die Medienkompetenz türkischer Eltern, Kinder und Jugendlicher?

  3. Hagia Sophia sagt:

    Interessant wäre, wie viele der „Deutschen“ Passdeutsche mit Türkischem Migrationshintergrund sind.

    Ein bekannter von mir Arbeitet als Schliesser und sagt über die Insassen:
    80% Türken, Araber usw.
    10% Osteuropäer: Russen, Polen usw.
    10% Ethnische Deutsche und andere Europäer

  4. Ekrem Senol sagt:

    In eine Jugendarrestanstalt wie die in Friedberg, wo Wert auf Bildung und Persönlichkeitsentwicklung (Stichwort: Resozialisierung) gelegt wird, kommen nicht so viele Ausländer. Ausländer werden in vielen Fällen nicht resozialisiert, da mit der Inhaftierung gleichzeitig auch geprüft wird, ob man ihn ausweisen kann. Der Gedanke, der dahinter steckt ist: Wieso investieren, wenn er abgeschoben werden kann. In den meisten Fällen kann er aber nicht abgeschoben werden, weswegen er wieder rauskommt, ohne dass ein Versuch gestartet wurde, ihn zu einem „ordentlichen“ Leben nach seiner Haft vorzubereiten. Das ist mit einer der großen Ursachen für die hohe Rückfallquote ausländischer Jugendlicher. Würde er die Möglichkeit bekommen, eine Ausbildung etc. zu erlernen während der Haft, hätte er zumindest eine Alternative zur Kriminalität.

    Resozialisiert werden Inhaftierte in einer Jugendarrestanstalt in Friedberg. Wahrscheinlich daher die hohe Quote deutscher Insassen, die anderswo ganz anders aussehen kann.

  5. Durchgreifen sagt:

    Sie widersprechen sich jetzt aber. Erst schreiben Sie, in der Jugendarrestanstalt Friedberg gäbe es gemessen am ihrem Bevölkerungsanteil überproportional viele türkische Jugendliche. Und jetzt behaupten Sie in diesem Beitrag, türkische bzw. allgemein ausländische Jugendliche würden seltener resozialisiert werden als deutsche, da man sie lieber abschiebt.

    Welche logischen Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?

    1. Entweder ist ihre Behauptung, dass ausländische Jugendliche seltener resozialisiert werden als deutsche, falsch. Wenn ja, warum machen Sie diese Aussage? Wollen Sie den Deutschenhass schüren?

    2. Oder die andere Möglichkeit: Beide ihrer Aussagen sind korrekt. Das würde dann aber bedeuten, dass der wahre Anteil türkischer Jugendlicher unter allen jugendlichen Kriminelle noch einmal exorbitant höher wäre als der ohnehin schon überproprtional hohe Anteil von 9,6 % in Friedberg.

  6. sabine sagt:

    tzotz allem ist arrest kein urlaub schon klar aber menschlich muß man bleiben das essen ist wohl unter aller sau vielleicht sollte ja mahl merkel dort hin könnte sie abnehmen.

  7. Ekrem Senol sagt:

    Die zweite Alternative ist richtig. Wobei man nicht von „exorbitanten“ Höhen sprechen sollte. Das wäre übertrieben. Die Kriminalitätsrate ausländischer Jugendlicher ist höher als der Bundesdurchschnitt. Das ist Konsens. Aufgrund welcher Ursachen das so ist, steht auf einem anderen Blatt.

  8. ibo sagt:

    das ist schon traurig, dass diese Kinder eine ganze Migrantengruppe in den Augen einiger repräsentieren.
    Genauso traurig ist die Tatsache, dass soviele türkische Jugendliche Insassen sind.

    Man sollte es aber auch nicht überwerten, denn die Maßnahme dient zur Abschreckung, denn bei weiteren Vergehen kommen erst die richtigen Haftstrafen.

    In Friedberg ist die Arrestlänge wie folgt:
    ——————————————————
    – Freizeitarrest (2 Tage)
    – Kurzarrest (2 – 4 Tage)
    – Dauerarrest (1 – 4 Wochen)
    http://www.jva-rockenberg.justiz.hessen.de/irj/JVA_Rockenberg_Internet?cid=74bc8b8a8aa50bc39b6f2599cc00bdc4

    Die Verantwortung liegt hier klar bei den Eltern.
    Viele kriegen nicht mal mit, dass die Kinder außerhalb des Hauses Probleme haben.
    Die Erziehungsmethode mancher türk. Eltern (vorallem 1. und 2. Generation) dient zu sehr dem falschen Respekt.
    Der Respekt sich nicht bloß stellen zu lassen. „Ayip, Rezil“ oder „Şeref“ heißen die passenden Wörter bei uns.
    „Scham“ oder „Ehre“ wird falsch interpretiert und mit Gewalt von den Kindern retuschiert, meist durch Gruppenzwang. Diese sogenannte Ehre, ist das einzige was denen bleibt. Stärke zeigen, keine Schwäche. Denn in deren Augen ist die Zulassung von Kritik eben eine Schwäche.

    Die Bloßstellung im Umfeld (Medienkritik, Schulkritik, Islamkritik, Verbrechensstatistik, Arbeitslosigkeit blablaba) lässt in der Köpfen nur diese Reaktion, Gewalt, zu.

    Ich bin guten Mutes, dass es bald ein Ende haben wird, dann wer die Statistiken aufmerksam verfolgt, merkt auch, dass die TÜRKENKARTEI deutlich „schrumpft“. Vor 10-20 Jahren waren es noch 20%, heute sind es 10%.

    Und wer noch aufmerksamer ist, merkt auch, dass dieses Problem vorallem in Deutschland und Frankreich lebende Türken betrifft, da wo die Intoleranz gg. Migranten teils „extreme“ Höhen erreicht hat.

    Betrachtet man die niedrige Anzahl der Jugos und Italiener (oder andere Migrantengruppen) finde ich schon „krass“, dass da der Wert über 1% liegt. Das bedeutet, es liegt ein allg. Migrantenproblem vor und nicht nur ein Türkenproblem.

  9. Hans Werth sagt:

    Der hessische Justizminister, J. U. Hahn (FdP), stellte die Pressemeldung zu Friedberg unter eine neue Überschrift, was angesichts der von ihm heftig kritisierten früheren Wahlkampfparolen seines jetzigen Regierungschefs (“es gibt zu viele kriminelle Ausländer“ u.ä.) beachtenswert ist:
    Vier von fünf Jugendlichen, die nach Friedberg kommen, haben einen deutschen Pass. In der öffentlichen Diskussion bekommt man manchmal ein anderes Gefühl. … Aber es handele sich um junge Menschen die noch vor einem Abgleiten in eine kriminelle Karriere bewahrt werden können. Diese explizite Darstellung verdeutlicht das in der hessischen Regierung eingetretene Umdenken und lässt auf ein objektives Problembewusstsein hoffen.
    Selbstkritisch räumte Ministerpräsident R. Koch, CDU, mehrfach in 2009 dazu ein, „es ist nicht glücklich verlaufen … alles andere wäre ein Ausdruck von Ignoranz und Sturheit“. Somit gingen auch zielorientierte Standpunkte unter wie z.B. „Der Staat muss jungen Kriminellen einerseits schon wegen der Opfer zeigen, dass er sich nicht alles gefallen lässt, andererseits gerade diesem gefährdeten Personenkreis mehr Wege aufzeigen und anbieten, um den kriminellen Kreislauf zu beenden“. (August 2008). Das heißt die Forderungen (Warnschussarrest, Verfahrensbeschleunigung u.a.) stehen auf der Agenda, aber von Senkung des Strafalters unter 14 will er (vorerst?) nicht mehr reden. Auch wenn der Ministerpräsident erneut in Kritik kam [Spiegel Münchhausen 3/2009], ist die veränderte Haltung ein Fortschritt.
    In Friedberg werden solche männliche Jugendliche zwischen vollendetem 14. und 19. bzw. 21 Lebensjahr im sog. Jugendarrest fürs Wochenende oder mehrere Tage bis längstens 4 Wochen untergebracht, die Bewährungsauflagen, etwa im Jugendstrafverfahren, missachteten oder wiederholt tätlich wurden, aber noch nicht im Gefängnis waren. Es gibt allerdings auch Fallkonstellationen, die nahtlos in die Jugendstrafanstalt Rockenberg führen.
    Auch wenn Medien gerne Gegenteiliges mit auflagenstärkenden Schlag-Zeilen verkünden, ist festzustellen, dass die allgemeine Entwicklung im Durchschnitt nicht nur negativ ist und durchaus rückläufige Tendenzen erkennbar sind. Im statistischen Durchschnitt führten die Belegungszahlen mit 90% zur „entspannten Situation“ im Vollzug; die steigende Anzahl von Freigängern u.ä., hielten sich mehr denn je an Vereinbarungen (drastischer Rückgang der sog. Missbrauchsquote). Zugenommen hat nicht nur in der Bevölkerung vor allem die medial initialisierte Aufmerksamkeitsfixierung und daraus folgende Anzeigebereitschaft (Optik „Ausländer“) gegenüber sozial auffälligem Verhalten von Jugendlichen. Damit verbundene Grundeinstellungen zeitigen Wechselwirkungen, die auch das Problem selbsterfüllender Prophezeiung beinhalten und ein vorhandenes Problem sinnlos verschärfen.
    Gleichzeitig gibt es im Tatgeschehen Schwerpunkte (z.B. Gewalt 16-18 j. männl. Jugendliche), die wegen ihrer Tendenz mit relativ hohem, stagnierenden Fallzahlen-Niveau berechtigte Besorgnisse auslösen und der Abhilfe bedürfen.
    Wer darüber urteilt, ist gut beraten, im Blickfeld zu behalten, dass Fehlentwicklungen eine lange Phase mangelnder sozialer, eben nicht nur ethnischer Integration von Eltern und Kindern, institutionalisierte Bildungs-Hemmnisse und strukturelle Defizite unseres Gemeinwesens vorausgehen.
    In der obigen Diskussion wird einiges stark pointiert, wenn nicht sogar verzerrt.
    Im Zusammenhang mit Jugendstrafvollzug und Jugenderziehungsmaßnahmen im Bereich der Anstalten „Rockenberg, Friedberg, Gelnhausen“ handelt es sich regulär um nicht in Abschiebehaftereignisse involvierte Jugendliche, da nach dem hess. Vollzugsplan ausschließlich die JVA Offenbach dafür Schwerpunkt ist.
    Der pauschale Vorwurf im Zusammenhang mit Friedberg bzw. im Jugendstrafvollzug, keine Aus- und Fortbildung, weil ohnehin abschiebungsbefangen, ist nicht (mehr) zutreffend. Die insgesamt fragwürdige Abschiebungspraxis ist deshalb keineswegs aus der Kritik, gehört aber nicht zur Diskussion über die Anstaltsbereiche „Rockenberg, Friedberg und Gelnhausen“.
    Im Bereich der innerhalb von zwei Monaten Anfang 2008 rasanten Umgestaltung Friedberg und der Verbindung mit Rockenberg und Gelnhausen, gibt es nicht nur das sog. Wohngruppenkonzept, das innerhalb der Anstalt auf eine Art sozialen Nahraum statt Anstalts-Anonymität zielt. Im Rockenberg, als JVA Jugendstrafanstalt, besteht in Form einer Schule ein vielfältiges, durchdachtes Aus- und Fortbildungsangebot (Deutschkurse, übrigens nicht nur für Nichtdeutsche …), das zu Schul- und Berufsabschlüssen führen bzw. darauf vorbereiten kann und um Initialisierungen dazu für die Zeit „danach“ bemüht ist, soll die Aufenthaltszeit einen positiven Sinn stiften – soweit das im Rahmen sog.„totaler“ Anstalten überhaupt machbar ist. In allen drei Anstalten zählt das Konzept „Bewegung“ im umfassendsten Sinn und tagsüber anhaltend; also nicht mehr „Augen, Ohren (und Türe) zu und durch“. Es gibt vor allem im neu ausgerichteten Friedberg mehrere verbesserte begleitende „Eckpfeiler“, um Fehlentwicklungen schneller als bisher zu erkennen und zu korrigieren. Engere Zusammenarbeit der Anstalten untereinander, auch mit externen spezifischen Beratungshilfen, engerer (wöchentlicher) Kontakt mit dem ortszuständigen Richter, ein Beirat (mit Vertreter aus Landesausländerbeirat) mit einer Art Ombudsman-Funktion und „Vollzugs-Paten“, differenziertere Gefängnisseelsorge und anderes gehören zum Konzept. Friedberg ist für Kurzzeit-Arreste, Gelnhausen für zu Zusammentreffen mehrerer Arrestzeiten und Rockenberg als JVA für Jugendstrafvollzug im hess. Vollzugsplan ausgewiesen.
    Nur ist bei trotzdem nicht darüber hinweg zu sehen: Die wie auch immer ausgestalteten Vollzugsmaßnahmen, wie sie in den drei Anstaltsbereichen abgestuft ausgerichtet sind, haben ihre eigene Dynamik – sie sind und werden nie ein Zuckerschlecken, auch wenn manche Bedingungen in der Öffentlichkeit irrtümlich so bewertet werden! Öffentlich postulierte „Härte“ allein allerdings führt weder zu unverzichtbar notwendigen Selbstachtung noch vermittelt sie den Arrestanten bzw. Strafgefangenen fehlende soziale Fähigkeiten und Kompetenzen für den Alltag. Erst recht nicht der stiere Blick auf „Ausländer“ oder dazu das fehlgeleitete Postulat deren besonderen Beachtung. Manche Jugendlichen erleben im dortigen gruppendynamischen Konzept vielleicht das erste Mal eine adäquate Anerkennung in ihrer (!) Gruppe nach ihren eigenen realen Fähigkeiten, unabhängig von der „Ethnie“ …[siehe auch das in der Öffentlichkeit bekannte Jugendhilfe-Pilotprojekt Trainingscamp Lothar Kannenberg, das zu Rockenberg gehört].
    All dies erfordert „Personal- und Sachmittel“.Beides ist bundesweit Gegenstand einer Mangelsituation [Juli 2008 hess. Haushaltssperre] aus verschiedenen, mehr als genug bekannten Gründen. Die verbesserten Personalschlüssel sind in Praxis nach wie vor in allen Bereichen suboptimal, wovon auch die Mitarbeiter selbst negativ betroffen und deshalb nicht selten überfordert sind. Vieles im Bereich „Jugend, Bildung und Erziehung“ läuft institutionell statuiert in einer Form, die man kritisch betrachtet, als „Selbstausbeutung“ zugunsten eigener Ideale, Hingabe, Zeiteinsatz usw. der MitarbeiterInnen bezeichnen muss, was zugleich die Verhältnisse zementiert, anstatt dass die ‚Wunden’ sichtbar und adäquat versorgt werden. Das weckt bei einer scharf beobachtenden, davon ja auch betroffenen nachwachsenden Generation, kaum Interesse. Der „systemrelevante“ Stellenwert des genannten Berufsfeldes in der Gesellschaft steht, wenn überhaupt, fast nur auf dem Papier. Vielleicht entspricht es jetzt mehr der Zeit, aus Vater- und Muttertag einen „Erzieher-Tag“ (Arbeitstitel, Fantasie ist gefragt) zu formen, an dem die Nation die Leistung aller einschlägig Beteiligten exklusiv anerkennt.
    Das hier in anderem Sinne definierte „soziale“ Bruttoinlandsprodukt ist gekennzeichnet von drastischen Innovations- und Investitionslücken! Unter dem seltenen Vergrößerungsglas exakter Analyse zeigt sich aber auch, dass viele den „Ausländern“ zugeschriebenen Probleme mindestens so gravierend auf andere Gruppen dieser Gesellschaft zutreffen. Blickrichtungen wie sie z.B. der ehrenamtlich organisierte „Jugendrechtshaus e.V. (Bundesverband)“, mit den vier Säulen „Beratung, Wissensvermittlung, Prävention, Zukunftsdiskurs“ aufzeigt und gestalten will.
    „Integration“? Es gibt auch so etwas wie eine retrograde Integration – es werden nicht nur die Jugendlichen „weggesperrt“, sondern auch die Mitarbeiter solcher Institutionen sind reduziert auf diesen Ort „integriert“. Sie finden in der Gesellschaft zu wenig Beachtung und Anerkennung, obwohl gerade dies für eine erfolgreiche Begleitung nachwachsender Generationen unverzichtbare Voraussetzung ist. Es fehlt an allgemeiner (nicht nur für Pilotprojekte reservierter) institutioneller und personeller Verknüpfung im gesellschaftlichen Alltag, in dem „Außenstehende“ sich am „Innenleben“ dieser Institutionen nachhaltig beteiligen. Es gibt immerhin mehrere Initiativen dazu, aber eine durchsetzungsstarke „Lobby“ dafür fehlt …
    Vielleicht bewirkte der hessische Wahlkampf etwas Unerwartetes:
    Der Ministerpräsident und sein Kabinett sorgten nach dieser Zeit nachweislich dafür, dass das Thema konstruktiver ausgerichtet auf der Tagesordnung bleibt, wenn auch noch nicht in allseits wünschenswerter Richtung. Während in Baden-Württemberg das Modell „Haus des Jugendrechts“ in Ballungsgebieten mit Prävention und Hilfen durchaus positive Tendenzen zeigt, sind in Hessen bei den Planungen für 2010 dazu eher Schwerpunkte in Richtung „Staat darf sich nicht alles gefallen lassen … Abschreckung … frühzeitig nachhaltige Warnschüsse“ etc. zu vernehmen. Davon weicht auch der unter Leitung des hess. Generalstaatsanwaltes, D. Anders, zur Jugendkriminalität erstellte Abschlussbericht 2008 generell nicht ab. Dieser umfangreiche Maßnahmenkatalog weist neben spezifischen (z.B. Mehrfach-/Intensivtäter), verfahrensrechtlichen (sofortiger Vollzug) und personellen Aspekten, konkret bis in die bereits bei der Kleinkinderbetreuung beginnende Präventionsstrategie.
    Anzuerkennen ist jedenfalls, dass die 2007 vorbereiteten Änderungen mit Weiterentwicklung und Ausbau weiterer Plätze (40 + 24) im Rahmen des genannten Konzeptes, ein nachhaltiger zielführender und sinnstiftender Ansatz wird, das der hess. Justizminister noch um eine „Nachsorge“ ergänzen will.
    Auf Bundesebene ist der Gesetzgeber gefordert, kontrastierende gerichtliche, vor allem obergerichtliche Entscheidungen, besonders in Fragen der Wiederholungsgefahr, durch verbesserte Regelungen zu ersetzen und verpflichtenden Ausbau einschlägiger Querschnittsaktivitäten zu regeln, um das teilweise desaströse Neben- bis Gegeneinander beteiligter Stellen in konstruktiv wirkende Aktivitäten zu lenken.
    Dass in fast allen Bundesländern nicht nur die Diskussion, sondern Modelle, Projekte und Evaluationen bisheriger Maßnahmen in die aufgezeigte Richtung tendieren, gibt dem Besten was wir haben, nämlich unsere nachwachsenden Generationen, Chancen, die wir alle brauchen.

  10. G.Keldermann sagt:

    @ ibo

    So sehr ich mich mit einenigen Aspekten Ihres Beitrages hier durchaus anfreunden kann,
    so stört mich doch die immer wiederkehrende

    Zitat

    Die Bloßstellung im Umfeld (Medienkritik, Schulkritik, Islamkritik, Verbrechensstatistik, Arbeitslosigkeit blablaba) lässt in der Köpfen nur diese Reaktion, Gewalt, zu.

    Zitat Ende

    Schuldzuweisung, und deren Schluss, das als einzige Reaktion GEWALT folgen kann.

    Es ist nicht die Kritik, sondern das mangelne Vermögen/Bereitschaft, Kritik zu ertragen, und
    als (nötigen) Anstoss zur Veränderung zu sehen.


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