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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Cem Özdemir

Antisemitismus ist ein Missbrauch des Islam

In der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin spricht Cem Özdemir anlässlich einer kürzlich erschienenen Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung zum Thema „Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft“ über antisemitische Tendenzen unter Muslimen, die Rolle der Medien und pädagogische Gegenmaßnahmen.

„Antisemitismus ist ein Missbrauch des Islam“, sagt der Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir, heute, 13. März 2009, im „Forum am Freitag“ des ZDF. In der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin spricht er mit dem ZDF-Journalisten Kamran Safiarian anlässlich einer kürzlich erschienenen Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung zum Thema „Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft“ über antisemitische Tendenzen unter Muslimen, die Rolle der Medien und pädagogische Gegenmaßnahmen.

Özdemir kritisiert insbesondere den Missbrauch der Religion als Legitimationsfläche für antisemitische Ressentiments im muslimischen Milieu. Er warnt aber auch davor, Muslime pauschal zu verurteilen. „Die Politik betreibt einen Missbrauch der Religionen, um Antisemitismus zu rechtfertigen“, beklagt der Grünen-Politiker.

Özdemir spricht sich für eine öffentliche Auseinandersetzung aus und glaubt, dass der Antisemitismus dort thematisiert werden müsse, wo Muslime zusammenkommen und sich gegenseitig austauschen. „Man muss Antisemitismus in den Moscheen thematisieren“, so der Grünen-Parteivorsitzende.

Özdemir sieht vor allem in der Bildung die Chance, Vorurteile und Stereotype abzubauen und in der Vergangenheit geschehene Vergehen gemeinsam zu verarbeiten. Sein Urteil ist rigoros: „Der Besuch von Konzentrationslagern ist hierzulande eine Pflichtveranstaltung in der Schule. Wem das nicht gefällt, der kann auch in einem anderen Land zur Schule gehen.“

Das vollständige Interview ist ab heute unter www.forumamfreitag.zdf.de zu finden und wird heute Abend um 20.45 im ZDFinfokanal ausgestrahlt.

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7 Kommentare
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  1. Marti sagt:

    Cem Özdemir ist ein moderner Muslim, den ich sehr respektiere. Ich würde mir wünschen, mehr Muslime wären wie er.

    Wenn ich ihn richtig verstehe, sieht er den Islam als Religion im westlichen Sinne. Die ist jedoch eine eurozentrische Sicht, die der klassischen Selbstsicht des Islam widerspricht.

    Der Islam in seinen klassischen sunnitischen und zwölferschiitischen Formen ist eine umfassende Lebensform, die alle Bereiche des Lebens reglementiert. Die Regelung umfasst auch Rechts- und Gesellschaftssystem, sowie den Bereich des Politischen.

    Als die Muslime sich seit dem 19. Jahrhundert bewusst wurden, dass nach europäischen Begriffen eine Religion nur bestimme Bereiche umfassen soll, schufen sie die Formel “al-islam din wa daula”, was grob übersetzt heißt: “Der Islam umfasst sowohl Religion als auch Staat” um ihre traditionelle Auffassung auszudrücken.

    Der klassische Islam teilt die Welt in Freund (dar al-islam) und Feind (dar al-harb), beziehungsweise in Freunde (Muslime), Feinde (Harbis) und Unterworfene (Dhimmis). Juden, können da, ebenso wie Christen, bestenfalls Unterworfene mit eingeschränkten Rechten werden.

    Die islamische Lehre von “al-wala wa l-bara” (”Freundschaft und Meidung”) regelt wie Muslime mit Nichtmuslimen umgehen sollen. Schön ist diese Lehre nicht. Ob sie antisemitisch und antichristlich ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

    Die islamische Überlieferung ist voll von Geschichten, in denen es gegen die Juden geht. Mohammed selbst hat zwei jüdische Stämme aus Medina vertrieben und einen ausgelöscht (Banu Quraiza) und deren Besitz den Muslimen übereignet.

    Das Verhalten Mohammeds hat bis heute für die meisten Muslime unbedingten Vorbildcharakter und zwar auch in seinem politischen Verhalten und seinem Verhalten gegen Andersgläubige.

    Wenn Muslime ebenso wie Mohammed gegen die Juden vorgehen, handeln sie nach Maximen, die nach dem klassischen muslimischen Selbstbild keinesfalls einen “Missbauch der Religion” darstellen.

    Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Muslime, ebenso wie Cem Özdemir, das traditionelle muslimische Selbstbild aufgeben und die europäische Vorstellung von Religion übernehmen.

  2. delice sagt:

    Dein Artikel klingt gut, ist aber dennoch fehlgeleitet! Ich kann auch mit Sprüchen beeindrucken, und so etwas wie einen Fachmann in Islamfragen markieren oder mich in christlichen oder jüdischen Religion gewandten zeigen, dass ich aber nicht tue!

    Im Vergleich zum christlichen Europa, haben Juden im islamischen Raum diese Leidensgeschichten und Pogrome über all die Jahrhundertelang durchlebt. Ganz im Gegenteil für sie war es auch ein Schutzraum! Der Balkan und auch Griechenland hatten, bedingt durch die Ausdehnung des osmanischen Raumes einen sehr hohen jüdischen Anteil. In Thessaloniki hatten sie sogar im Allgemeinen fast die Mehrheit an der Stadtbevölkerung.

    So gesehen war die Befreiung des Balkans und speziell des „Alten Griechenlands“, von dem „türkischen Joch“, durch die aufgepeitschten humanistisch geprägten Sprösslinge, und vornehmlich des deutschen Bildungsbürgertum, später sogar mehr als verhängnisvoll, für die dortige jüdische Bevölkerung. Denn damit war nämlich auch der Weg für Hitlers Schergen später völlig frei, wie auf einer deutschen Autobahn eben, konnten sie auch mit Hilfe der Hilfstruppen, z.B. der erzkonservativen Kroaten, schalten und walten, wie sie nur wollten!

    Die Vorleistung vor allem der deutschen Scholastik, die Selbstverliebtheit in das Griechenland des Altertums, hat erheblich mit dazu beigetragen, dass die Vernichtung der Juden erheblich zunahm!

    Nun die Griechen, wie auch die Serben selbst waren ja auch noch später ein zweites mal Opfer der Deutschen geworden, von den Verwüstungen in Kreuzzügen mal völlig abgesehen!

    Was man jüngst betreibt ist eine provokante Auseinander-Legung der traditionellen Freundschaft der Türken zu den Juden. Was man im Übrigen durch den eigenen Import eines so genannten „Anti-Semitismus“ im arabischen Raum erreicht hat, versucht man nun bei der Beziehung zwischen den Juden und den Türken auch in Gang zu setzen. Dabei sind Araber nur im 20. Jahrhundert auf ihre ethnischen Brüder schlecht zu sprechen.

    Das Spiel versucht man noch weiter zu treiben, indem neuerdings einige recht obskure und angebliche Fachleute in Buchform unters Volk zu bringen! Was wohl auch diesmal nicht ganz klappen wird. Denn weder mit der so genannten „Kurdenfrage“ noch mit den Armeniern hat das bisher so recht geklappt, weil man wohl bei den letzteren gemerkt hat, dass man selber recht viel Dreck am Stecken hat.

    Ach ja, die Kurdenfrage, die hat ja nicht wenige deutsche Gemüter immer schon sehr bewegt – und auch belastet. Und damit die Aufnahme der Türkei zur EU erst recht als Vorwand behindernd gedient! Nur fragt man sich dann schon, warum gerade diese Gruppe, dann hier, vor allem in Deutschland, irgendwie auch nicht so sehr gemocht werden, und auch nicht gerade besser behandelt werden, diesmal sogar mit den Anderen als eine Einheit zusammen. Die Fuchtel und die Knute des deutschen Asyl- und Ausländerrechts, gerade gegenüber ihnen, ist dann auch nicht von schlechten Eltern! Eigentlich verheerender, als in ihrem Status, als in der Türkei selber, weil sie dort eben auch keine Ausländer wären, sondern türkische Staatsbürger, mit den gleichen Rechten und Pflichten versehen! Es gilt der weiße Spruch: „Wenn man im Glashaus sitzt, sollte man nicht mit Steinen werfen!“

    Sehr wenige wissen auch, dass der Staat Israel nur mit dem wohlwollenden Ja, gegründet werden konnte! Alleine das beweist auch, dass die Türkei der einzige Schutzgarant für Israel sein kann, wer das nicht wahr haben will, der von nichts etwas verstanden!

    Herr Özdemir, ist da auch wirklich nur ein trauriger Clown dafür und nicht mehr und nicht minder. Er muss nicht jede freche Turnübung mitmachen, um nur dort oben zu funken!

    Er sollte lieber sich um unsere ureigenen Rechte sich mehr kümmern, als den Klassenprimus wieder einmal abzugeben. Bevor er uns das mit andichtet, sollte er lieber mal sich umschauen, wie viele von den Grünen womöglich so feindlich gegenüber Juden gestimmt sein könnten, da wird er sicherlich selbst große Augen machen und erstarrt erschrecken! Vor allem sollte er deutsche Schüler über die Shoa selber mal besser aufklären! Schließlich waren unsere Vorfahren damals nicht in Hitler-Deutschland!

  3. Bekir Altas sagt:

    Die Feststellung von Herrn Cem Özdemir entspricht der islamischen Lehre. Herr Özdemir ist auch nicht der erste Muslim, der dem Antisemitismus im Besonderen und der Menschenfeindlichkeit im Allgemeinen den Kampf ansagt. Dabei ist Differenziertheit geboten. Eine Personengruppe generell unter Verdacht zu stellen, hat wiederum Menschenfeindlichkeit zur Folge; vielfach auch in Form von Islamfeindlichkeit (Ein Beispiel: http://www.hrw.org/node/80861).

    Auch ist Ihr Hinweis auf einen „Euro-Islam“ nicht zielführend. Zum einen sind die „Menschenrechte“ nicht (nur) dem „Westen“ zuzuordnen. Andererseits halte ich dieses Konstrukt für künstlich. Es gibt keinen nationalen/nationalistischen Islam, der durch einen adjektiv oder attribut näher bestimmt werden braucht. Ähnlich ist es auch in den anderen Religionen und Konfessionen.

  4. […] Özdemir hat in letzter Zeit eher positiv überrascht. Auch das, was er über die Bekämpfung des muslimischen Antisemitismus in der Migrantenbevölkerung zu sagen hat, ist m.E. in Ordnung. […]

  5. delice sagt:

    Nun, dass hätte auch eine Frau Roth sagen können, die mit ihm die Grünen führt!

    Die jugendlichen werden aufgeheizt wegen den Bildern in den Medien. Sie haben auch Recht anders zu denken. Den Maulkorb muss sich keiner umbinden, wenn seine Verwandten dort nicht gut behandelt!

    Dabei ist der Begriff des „Anti-Semitismus“ falsch zugeordnet, denn auch Araber sind Semiten, sie sind Nachkommen, des Sohnes von Abraham, der Ismail hieß, und seiner Mutter Sarah, in der Wüste ausgesetzt wurde, um sie sterben zu lassen. Dennoch waren besonders die Araber, bis zum Import der Nazi-Ideologie und der über die Jahrhunderte hinweg gemästeten Judenfeindlichkeit, dieser Idee ferngeblieben.

    Die Araber sind nicht gegen die Juden, sondern gegen die Zwangsweise Ansiedlung der zumeist europäischen Juden in ihrem Land! Die Bibel interessiert hier niemanden!

    Die Engländer haben dieses Land allen versprochen, um nur ihre eigenen Ziele zu verfolgen, ohnehin hatten sie ein Land besetzt, was ihnen gar nicht gehörte! Der Völkerbund hat es ihnen nur vorübergehend zur Verwaltung übergeben. Denn es war immer noch das Hoheitsgebiet des Osmanischen Reiches, und als dessen Rechtsnachfolger die junge Türkische Republik! Das will natürlich heute kein Mensch so recht Wissen!

    Vor der Gründung des Staates Israels musste man also zunächst die Türkei – um Erlaubnis – bitten! Was Ismet Inönü auch genehmigte! Damit können auch bei diesem vorerst letzten wichtigen Akt der Geschichte, den Türken auch keine Feindschaft mit den Juden untergeschoben werden! Wer
    dies behauptet ist leider völlig Unwissend!

    Hier geht es nur um ein Mitleiden der hiesigen Muslime mit den dortigen Arabern im Gaza-Streifen oder in Israel selbst, nicht um etwas anderes!

    Die eigene Feindschaft sollte man, denn auch nicht diesen Menschen andichten oder unterschieben! Denn deutsche Juden wachsen im Unwissen auf, man sollte man die Fragen, mit welchen Vorbehalten und Aufhetzungen erzogen werden, vor allem von fundamentalistischen Protestanten und Katholiken, die ihn aber dennoch gar nicht wohl gesonnen sind! Siehe auch die Pius-Brüder und andere!

  6. Rudolf Stein sagt:

    Wenn Özdemir konstatiert:“Antisemitismus ist ein Missbrauch des Islam”, dann ist das aus seiner politischen Sicht verständlich. Aber es ist natürlich historische Fälschung. Denn der Judenhass (eigentlich ist Antisemitismus nicht zutreffend) des Islam hat seine Wurzeln im Wirken Mohameds. Und dieses Wirken gehört noch heute zu einem Standbein des Islam, was von keinem Muslim bestritten wird. Özdemirs “Antisemitismus ist ein Missbrauch des Islam” ist daher nichts Bedeutenderes als der Versuch, dem Islam eines seiner drei Standbeine abzusprechen. Da kommt mir schon das Sprichwort in den Sinn: „Was schert es die Eiche, wenn sich eine Sau an ihrem Stamm scheuert?“. Übrigens ist die Argumentation Özdemirs eine gängige Vorgehensweise bei Verteidigern totalitärer Systeme. Etwa nach dem Muster: Auschwitz und der 2. Weltkrieg waren Missbräuche des Nationalsozialismus und millionenfache Massenmorde und GULAGs waren Missbräuche des Sozialismus. Wird nicht umgekehrt ein Schuh daraus: Auschwitz und der 2. Weltkrieg waren der Nationalsozialismus und millionenfache Morde und GULAGS waren der Sozialismus?

  7. Rumeysa sagt:

    @Stein Einen noch offensichtlicheren Judenhass als in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1945 hat es nicht gegeben. Wenn man diesen Begriff verwendet, sollte dies mit etwas mehr Bedacht tun und seinen Maßstab der Bewertung nochmal hinterfragen.



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