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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Der feine Unterschied

Ein „muslimisches“ Ehrenmord und ein „deutsches“ Familiendrama

In einer Pressemitteilung vom 5. Januar 2009 forderte die Staatsministerin Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Migrantenorganisationen auf, ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu verstärken. „Respektspersonen aus der Gemeinschaft der Zugewanderten müssen sehr deutlich machen, dass weder Religionen noch Traditionen Gewalt und Unterdrückung von Frauen rechtfertigen.“

Hintergrund dieser Aufforderung ist ein Mordfall aus Harsewinkel im Kreis Gütersloh. Nach türkischen Medienberichten soll die Frau Anfang des Jahres von ihrem Ehemann aus Eifersucht getötet worden sein. Der 26-Jährige Ehemann sei kurzzeitig nach Deutschland gekommen, um seine Frau in die Türkei zu holen. Die 18-Jährige habe dieses Ansinnen jedoch vermutlich abgelehnt und sich stattdessen von ihm trennen wollen. „Ich bin entsetzt über dieses Verbrechen“, erklärte Maria Böhmer. „Für so genannte Ehrenmorde darf es in unserem demokratischen Rechtsstaat keine mildernden Umstände geben. Die Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen endet dort, wo Menschenrechte und Gleichberechtigung missachtet werden“.

Der Fall wurde auch vereinzelt von der deutschen Presse aufgegriffen. Alle Medienberichte – ob türkisch oder deutsch – haben gemeinsam, dass die Tat als Eifersuchts- oder Beziehungsdrama bezeichnet wird. Nur Frau Böhmer meint, ein „Ehrenmord“ zu erkennen.

Der Begriff „Ehrenmord“ hatte nach dem Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im Februar 2005 Hochkonjunktur in Deutschland. Nahezu die gesamte Medienlandschaft berichtete fast täglich darüber. Nicht weil es einen Anstieg dieser Schandtaten gab, sondern weil Regierungsmitglieder – darunter auch Frau Maria Böhmer – sich fast täglich veranlasst sahen, sich darüber zu äußern. Der Begriff „Ehrenmord“ ist seit dem untrennbar mit der Herkunft des Täters verbunden. Stammt der Täter aus einem muslimischen Land, werden Fälle, die, wenn sie von einem Deutschen verübt worden wären, üblicherweise als Familiendrama bezeichnet werden, fortwährend als Ehrenmorde tituliert.

Die Konzentration auf muslimische Täter wiederum führte bei der Mehrheitsgesellschaft zu der Annahme, Ehrenmorde seien tatsächlich muslimisch religiös bedingt. So wurden muslimische Männer in den Augen der Mehrheitsgesellschaft peu à peu zu gewalttätigen Patriarchaten und deren Frauen und Töchter zu bemitleidenswerten Opfern. Gegen die Verbreitung dieses äußerst verzerrten Bildes wurde selbstverständlich mit Kritik begegnet. Selbst Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, räumte Mitte 2008 eine gewisse Doppelmoral in den Medien ein. Der Mord an einer Frau eines Türken werde als “Ehrenmord” bezeichnet, während der deutsche Ehemann meist aus “Eifersucht” handele.

Die Medien scheinen über die Jahre verstanden zu haben, dass die Linie zwischen einem Mord aus verletzter Ehre und Eifersucht hauchdünn ist, wenn nicht sogar derart miteinander vermengt, dass eine Unterscheidung kaum möglich ist. Letzten Endes dürften die Mordmotive, ob „Ehre“ oder „Eifersucht“, wohl kaum von großer Bedeutung sein. Viel wichtiger ist die Tat und der Taterfolg, die meist ähnlich sind: Ein Mann sticht auf eine Frau ein, die stirbt.

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50 Kommentare
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  1. Vorurteile Abbauen sagt:

    Ich möchte einmal aus meiner persönlichen Sicht ein Licht auf das Thema Ehrenmorde und in diesem Zusammenhang Vorurteile werfen.

    Ich persönlich bin absolut gegen Ehrenmorde und kenne auch niemandem in meinem Familien oder Bekanntenkreis, der irgendein Familienmitglied Gewalt antun würde, nur aus falschem Stolz.

    Ich glaube auch, dass sicherlich ein überwältigender teil Türkischer Migranten genauso denken wie ich.
    Ehrenmorde haben auch nicht im geringsten mit der Religion zu tun.

    Tatsache ist aber dass ich jeden Tag mit Vorurteilen konfrontiert werde. Wie soll ich mich in einer Gesellschaft vollkommen integrieren, wenn Dinge die nur eine Minderheit betreffen allen aufgebürgt werden!?

    Die Politiker sollten sich mehr um tatsächliche Probleme kümmern die tagtäglich das gemeinsame Zusammenleben erschweren als immer nur die Schuld einer misslungenen Integration auf die Migranten zu werfen.

    Eine Integration gelingt nur wenn Migranten und Deutsche ohne Vorurteile aufeinander zugehen und tolerieren. Es ist falsch zu Behaupten dass wir uns nicht integrieren wollen wenn die Rahmenbedingungen dafür nicht oder nur zum Teil vorhanden sind.

    Wir können nur Miteinander eine funktionierende Integration erreichen.

  2. Johanna sagt:

    „Es ist falsch zu Behaupten dass wir uns nicht integrieren wollen wenn die Rahmenbedingungen dafür nicht oder nur zum Teil vorhanden sind.“

    Was verstehen Sie unter „Rahmenbedingungen“?

    Wenn ich ins Ausland gehe, tauche ich in deren Kultur ein.

  3. Mehmet sagt:

    Das hat er oben erklärt. Wer lesen kann ist klar im Vorteil!

    „atsache ist aber dass ich jeden Tag mit VORURTEILEN konfrontiert werde. Wie soll ich mich in einer Gesellschaft vollkommen integrieren, wenn Dinge die nur eine Minderheit betreffen allen aufgebürgt werden!?!“

  4. Johanna sagt:

    >wenn Dinge die nur eine Minderheit betreffen allen aufgebürgt werden!?!” <

    Das wird Muslimen eingeredet von interessierter muslimischer Seite.

    Ich wüsste nicht, warum ich einem säkulare Muslim irgendetwas "aufbürden" sollte, das ihn nicht betrifft.

  5. Johanna sagt:

    Meine Frage „welche Rahmenbedingungen“ bleibt also weiterhin bestehen.

    Am besten wäre es, wenn die Antwort von demjenigen käme, der dies geschrieben hat.

  6. Meltem1996 sagt:

    Hallo Herr Şenol,

    Ich würde jetzt am liebsten mehrere Seiten zu diesem Thema schreiben aber leider kann ich meine Gedanken nicht so gut in Worte fassen,wie Sie es getan haben.Sie haben es wirklich auf den Punkt gebracht. Ich werde oft in der Schule mit diesem Thema konfrontiert,auch im Unterricht, kann mich aber aufgrund meines mangelnden Ausdrucksvermögens nicht ausführlich genug äußern. Danke, dass Sie (u.a.)meine Gedanken „übersetzt“ haben :DD

    Außerdem muss ich noch hinzufügen, dass Kai Diekelmann das Thema vollkommen verfehlt haben muss :DD

    Herr Diekelmann,ich finde es zwar schön und gut,dass Sie sich zu diesem Thema sooooo ausführlich geäußert haben aber eigentlich geht es in diesem Artikel darum, wie die Medien mit diesem Thema umgehen und vor allem wie die Gesellschaft das ganze auffast. In der Schule hätten sie für Ihren Beitrag wahrscheinlich eine 5 bekommen, weil Sie sich kaum auf das Thema bezogen haben 😀

    genau das selbe gilt für Herrn Robert Groenewold 😀

    Die restlichen Beiträge habe ich auch nicht gelesen.Aber für mich ist wichtig, dass ich jetzt Jemanden habe, den ich zitieren kann: Ekrem Şenol 😀

    Liebe Grüße,
    Meltem.

  7. Ekrem Senol sagt:

    @ Meltem

    Danke und Gerne! 🙂

  8. Horst sagt:

    Ich glaube die ganzen Rassisten aus dem Heise-Forum und GMX (und so weiter) wollen hier ihren Kommentarkrieg weiterführen. Sich haarsträubend schlechter Orthographie bedienend und damit sehr schwer zu lesen , ungebildet, halbwissend, pauschalisierend (bspw. hanebüchener Unsinn: „in islamischen Gesellschaften wird der Ehemann immer ausgesucht“; „Ehrenmord ist islamische Tradition“), in Dichotomien denkend („deutsche Ehre gut, türkische Ehre schlecht“ – man denke alleine an den deutschen SS-Wahlspruch „Unsere Ehre heißt Treue“…), und mit extremer Energie ausgestattet, um den rassistischen Mainstream hier verbal durchzusetzen.

    Liebe Migazin-Redaktion, gegen diese Leute anzuschreiben hat keinen Sinn. Das, was hier stattfindet, ist Strategie der Rechten, unter anderem der „PI“-orientierten und passiert, wo immer ein Beitrag zu diesem Thema
    im Netz zu finden ist. Sie sind viele, und sie gehen systematisch vor. Ihre Publikation, ihre Struktur ist zu kostbar, um sich in Kommentarkriegen aufzureiben.

    Ein Vorschlag, um den intellektuell hochüberlegenen Redakteuren dieses Magazins Zeit und Nerven zu sparen, damit sie sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren können:
    1. Löschen Sie rassistische Beiträge – nein, mit denen braucht man nicht zu diskutieren, auch wenn sie behaupten, sie wären keine Rassisten/innen.
    2. Erstatten Sie gegebenenfalls Strafanzeige.
    3. Schließen Sie gegebenenfalls Kommentarfunktionen. Ihre Beiträge sind es mehr als wert, kommentarlos verbreitet zu werden. In der Qualitätspresse kann ja auch nicht jeder Halbwissende hingehen und „mitdiskutieren“. Überlassen Sie das den Leuten, die das nötige Kleinhirn haben.

    Ein gutmeinender, nicht-muslimischer Mensch mit Migrationshintergrund.

  9. Eckart sagt:

    @Horst sagt: 15. Oktober 2010 um 13:23

    Genau ! Warum nicht sofort alle Personen mit nicht genehmen Meinungen einsperren?
    Denunziations-Pflicht, wenn z.B. das Wort ´Migrant´ in mutmaßlich abfälligem Ton ausgesprochen wird,
    usw. usf. …. (hier können Sie sich jetzt selbst weiter kreativ einbringen!)

    M.E. sollte man die Vorschläge in Ihrem ´Beitrag´ jetzt als „Angstbeißen“ klassifizieren, da Sie bei der
    Befürchtung schäumen, die Deutungshoheit über die Meinung zu verlieren, welche die Öffentlichkeit zu haben hat ?!
    Denken Sie ggf. mal an den väterlichen Rat eines Gen. Gorbatschow – „Wer zu spät …“ !
    Oder gilt für Sie „Die Partei …. hat immer Recht“ ? Aber den beiden Erich´s hat es dann auch nicht mehr geholfen …

    Und „gut gemeint“ ist lange nicht „gut gemacht“ !!! ;-))

  10. Horst sagt:

    Hi Eckart,

    auf ihr Posting trifft alles das zu, was ich eins oben drüber geschrieben habe.
    Schlechte Orthographie, Hysterie, Realitätsverlust, „Zensur“ schreien sobald etwas ihrer Meinung widerstehendes gesagt wird – und das Kind beim Namen genannt wird.

    Wobei letztere Attribute klar Merkmale faschistischer und rassistischer Propaganda sind. Schauen sie sich mal den Wikipedia-Beitrag zu „Propaganda“ an. Da ist vieles auf den Punkt gebracht, was sie und ihre rechtsradikalen Gesinnungsgenossen unter dem Deckmantel des „empörten Bürgers“ am Fließband in die Foren und Kommentarspalten tragen.
    Sie sind alle keine empörten Bürger. Sie sind einfach ein Stoßtrupp von organisierten Rechtsradikalen und Rassisten/innen. Einfach zu erkennen an den immer wiederkehrenden Phrasen und solchen ebenfalls immer wieder auftauchenden, wirklich witzigen Stilmerkmalen wie dem Deppen-Apostroph.

    Ja, da habe ich wirklich gelacht. Die „Erich´s“. Super. You made my day.

    Lernen sie erst einmal ihre Sprache, Herr „Eckart“. Sie würden durch keinen Einbürgerungstest kommen.

    Ich biete mich als Deutschlehrer an. Für sie: 88€ / h. Sie verstehen was ich meine.

    Ein immer noch gutmeinender Mensch mit Migrationshintergrund.


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